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23.11.2023

Mick Schumacher irrt auf Vaters Spuren


Mick Schumacher fährt ins Abseits. Weil in der Formel 1 kein Platz für den Sohn von Michael Schumacher ist, startet er 2024 in der Sportwagen-Langstrecken-WM. Also bei den 24 Stunden von Le Mans und bei den angegliederten acht oder sechs Stunden langen Rennen der WM.

Das liest sich im ersten Moment so, als würde sich die Geschichte wiederholen. Schließlich hat ja auch Vater Michael Schumacher auf der Langstrecke, bei den Sportprototypen, seine Grundausbildung absolviert, ehe er über Jordan in die Formel 1 kam. Aber: Damals waren die Sportwagen noch nach den sogenannten Gruppe C-Regeln gebaut – wahre Abtriebsmonster, deren Kurventempi und auch die Kräfte, die in ihnen auf die Fahrer wirkten, höher waren als jene der Formel 1 der damaligen Ära. Die Gruppe C steht für die atemberaubendsten Rundstreckenwagen, die je auf Kiel gelegt wurden. Wer dort fuhr, der lernte den Umgang mit mehr als 1.000 PS im Quali-Trimm, mit fett viel Abtrieb – und dazu auch mit Taktik und Reifenstrategie.

Heute liegen die Autos der Ersten Liga von Le Mans und Co. sowie der Formel 1 deutlich weiter auseinander. Und bei den Le Mans-Wagen gibt es noch zwei Typen: einerseits die Hypercars von Dauerweltmeister Toyota, richtige Eigenbauten also – und andererseits die sogenannten LMDh, die auf Kundensportchassis von Zuliefererfirmen basieren, in denen die Werkspartner nur ihre Motoren und ihre Software für die Steuerung der vergleichsweise kleinen Hybridsysteme einbauen.

Der Einstand der LMDh-Gattung in der Saison 2023 ist auch Gegenstand der Titelgeschichte in der neuen Ausgabe der Zeitschrift PITWALK https://shop.pitwalk.de/magazin/116/ausgabe-75?c=6.

Schumacher fährt einen Alpine-LMDh. Also ein Auto unter der Flagge der Sportwagenschwestermarke von Renault. Das Chassis des Wagens stammt von Oreca. Der Alpine ist damit in Sachen Fahrgestell identisch mit dem Acura aus der nordamerikanischen IMSA-Sportwagenmeisterschaft – und das Modell der Honda-Nobelmarke für Nordamerika hat in der IMSA immerhin die 24 Stunden von Daytona und das Petit Le Mans, das 10 Stunden lange Saisonfinale vor den Toren von Atlanta, gewonnen. Der Oreca verfügt über die beste Aufhängungskinematik innerhalb der LMDh-Klasse, weil sie sich an der Philosophie von Red Bull aus der Formel 1 orientiert. Das wurde möglich, weil Honda noch offizieller Motorenlieferant von Red Bull war, als der Oreca für Acura seine Kiellegung erlebte.

Das wahre Erfolgsgeheimnis von Acura in der IMSA ist aber die Art, wie die Bremssoftware programmiert worden ist. Und das ist keine Sache von Chassislieferant Oreca – sondern vom verpartnerten Werk. Alpine muss also die Software mindestens so gut hinkriegen wie Acura, um auf Augenhöhe mit den anderen LMDh-Marken zu starten: Porsche, BMW, Cadillac und bald auch Lamborghini, die ebenfalls in die WM einsteigen.

Es besteht wenig Grund davon auszugehen, dass die Franzosen das schaffen. Denn Alpine hat in der Vergangenheit bewiesen, dass man alle möglichen Projekte anfängt, aber keines davon konsequent durchzieht. Auch für die Formel 1 fehlt es an technischer Kompetenz – was man an den schlechten Ergebnissen eindrucksvoll sieht.

In Bruno Famin hat die Renault-Nobelmarke, die in den Sechzigern und Siebzigern mit dem Modell A110 Rallyegeschichte geschrieben hat, einen neuen Sportchef. Der hat seine Wurzeln bei Peugeot – als die Franzosen in Le Mans erfolgreich als Audi-Jäger unterwegs waren. Famin wird das Chaos bei Alpine zwar lichten. Aber Renault sieht in den Sportaktivitäten in erster Linie ein Reklamevehikel, das die alte Legende bemühen soll. Die Marke Alpine soll so sportlich aufgeladen werden. Obwohl es nur ein Straßenmodell gibt, und das auch nur in Kleinstserie. Dem ganzen Alpine-Programm gebricht es an Ernsthaftigkeit, um sich mit den großen Namen messen zu können.

In der WM trifft Mick Schumacher mit diesem Team nicht nur auf andere LMDh-Marken – sondern auch auf drei Giganten, die eigene Hypercars gebaut haben: Toyota, Ferrari und Peugeot. Deren Autos sind mit Hybridsystemen ausgerüstet, deren Elektromotoren auf der Vorderachse sitzen, sie also ab einem bestimmten, vom Reglement vorgegebenen Tempo vorübergehend zu Allradlern machen. Während die LMDh von Alpine, Porsche und Co. über ihr Hybridsystem nur den Heckantrieb phasenweise verstärken dürfen.

Zwar sollen die beiden Klassen über Eckdaten der sogenannten Balance of Performance-Einstufung gleichgeschaltet werden. Aber das kann nicht klappen, denn ihr Allradantrieb wird den Hypercars immer einen Vorteil bei der Reifennutzung verschaffen. Schumacher geht also faktisch in Liga 1b an den Start – hinter Weltmeister Toyota, Le Mans-Sieger Ferrari und dem schlafenden Riesen Peugeot, der seinen 9x8 gerade neu konzipiert. Mehr dazu steht in der neuen Ausgabe der Zeitschrift PITWALK in einem großen Sportwagenspecial: https://shop.pitwalk.de/magazin/116/ausgabe-75?c=6 Als Vater Schumacher Gruppe C fuhr, saß er im Sauber-Mercedes – dem besten Wagen seiner Generation, dem ersten reinen Kohlefasergeschoss der Gruppe C-Ära.

Und selbst wenn alles für Mick Sch. läuft – bei den Sportwagen lernt er nichts, was ihn für seine erhoffte Formel 1-Rückkehr weiterbringt. Als Vater Michael fuhr und auch als Alex Wurz nach der Formel 3 über den Joest-WSC-Porsche Schwung für die Formel 1 holte, war die Aufgabenstellung in der Formel 1 eine ganz andere: das Maximum aus den Reifen rauszuholen. Schnell fahren halt.

Jetzt gilt es in der Formel 1, drastisch abbauende Reifen zu managen und sich das Tempo entsprechend einzuteilen. Bei den Sportwagen dagegen sind die Pneus darauf ausgelegt, möglichst lange zu halten – und am Ende von mehreren Stunden, wenn das Auto wegen verbrannten Benzins leichter wird, immer noch so viel Haftkraft zu bieten, dass die Rundenzeiten mit weniger Gewicht schneller werden als zu Beginn des Törns auf frischen Reifen. Der Umgang mit den Reifen und deren Technik stehen sich zwischen Formel 1 und Sportwagen quasi genau gegenüber.

Der Lerneffekt von Michael Schumacher kann sich für seinen Sohn auf der Langstrecke nicht wiederholen. Und: Papa Schumi hatte in Jochen Mass einen exzellenten Lehrmeister als Teamkollegen. Mick fährt mit dem österreichischen Adelssprössling Ferdinand Habsburg und einer ganzen Reihe von Franzosen, darunter dem früher mal schnellen, aber nie richtig guten und ziemlich wilden Nicolas Lapierre, dem Paydriver Paul Loup Chatin und zwei namenlosen Youngstern. Keiner von denen kann Mick Schumacher auch nur halb so viel beibringen wie Mass einst seinem Vater.

So bleibt das neue Programm für Mick Schumacher nur die Möglichkeit, auf anderer Ebene Autorennen zu fahren. Aber kein ernstzunehmender zweiter Anlauf auf eine Formel 1-Karriere.


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