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04.09.2025

Chinesen kriegen den Contra-Bass


Es ist vielleicht die Zahl des Jahres. 4,3 Milliarden. So viele Dollar hat die Formel 1-Vermarktungsagentur Liberty Media überwiesen, um sich auch die Rechte an der MotoGP mitsamt allen zugehörigen Rahmenrennen zu sichern – von der spanischen Firma DORNA, die bislang die Formel 1 des Zweiradsports vermarktet hat.

Die astronomische Summe spiegelt zwar nicht den tatsächlichen Gegenwert dessen wider, was die Motorradrennserien, in denen sich Werksteams von Honda, Ducati, KTM und Yamaha tummeln, in die sich aber BMW nicht reintragt, an Sponsoreinnahmen und Einkünften aus Merchandising und Fernsehrechten erzielen. Aber dennoch ist es Liberty Media diese enorme Zahlung wert.

Denn die Amerikaner haben erkannt: Die MotoGP und ihre Ein- und Aufsteigerklassen stehen noch für Werte, welche der Formel 1 längst abhanden gekommen sind. In der Grand Prix-Szene gibt es nur noch glattgebügelte Sportler ohne Ecken und Kanten. Lediglich Max Verstappen bildet eine Ausnahme. Aber wer weiß schon, wie George Russell, Charles Leclerc, Lando Norris und Oscar Piastri ohne Helm aussehen – geschweige denn, was sie für Typen sind? Zwar hat sich schon zu der Zeit, als Mercedes und BMW ihre Corporate Communication Corps in die Werksteams eingeschleust haben, die Formel 1 vom Heldentum entfernt: Man sollte lieber mit den deutschen Sportchefs reden statt mit Fahrern. Die mussten immer mehr vorgestanzte Phrasen von sich geben, kriegten dafür sogar extra Handbücher von den Presseabteilungen, in denen mögliche Fragen von Journalisten und die dazu von den Fahrern zu gebenden Antworten vorgekaut drinstanden.

Dieser Trend ist schon 20 Jahre alt. Aber so wenig Charisma wie heute war noch nie.

Das ist in der MotoGP anders. Dort lässt man die Fahrer noch frei Schnauze reden und ihre eigene Persönlichkeit entfalten. Deswegen kann man gerade einen spannenden Trend beobachten: Motorsportfans, die nicht der Generation Netflix entstammen, sondern schon länger dabei sind, wandern plötzlich vermehrt ins Lager der MotoGP-Fans ab. Die Formel 1-Rennen werden von jungen Männern und immer mehr auch Frauen besucht, die denken, die Netflix-Doku bilde die Wahrheit des Sports ab.

Dabei ist sie tatsächlich nur eine gut gemachte Reality Soap, in der freilich die Fahrer auch kaum etwas von sich preisgeben – und wenn, dann eine bewusst zur Schau gestellte Jugendlichkeit, gepaart mit Hipstertum und komischen Späßen. Die Formel 1 verhält sich zur MotoGP in etwa so wie Fußball zu Handball: Das Eine ist eine Kunstwelt, die sich in einer Kunstwelt gegen Einflüsse von außen so gut es geht abschottet und mehr und mehr auch nur noch eine gesteuerte Kommunikation zulässt – das Andere ist echter Sport mit Menschen, zu denen man als Typen aufblicken kann.

Liberty Media holt sich mit der MotoGP die nächste Bühne für ein Storytelling und eine bunte Markenwelt ins Portfolio. Denn außerhalb von Deutschland wissen alle: Der Motorsport – egal ob auf zwei oder vier Rädern – birgt Potenzial für Faszination und damit auch für jede Menge kommerziell einträchtiger Marketingpartnerschaften. Neben Fußball ist die Formel 1 die lukrativste Bühne für Sponsorgeschäfte, weil sie bunte Bildchen liefert. Das wahre Geschehen interessiert da nicht. Die MotoGP kann genau solche bunten Bilder produzieren – sie wird als Nächstes ausgebeutet.

Für die Investition der US-amerikanischen Firma Liberty Media gibt es aber noch einen weiteren, mindestens ebenso wichtigen Grund, der die 4,3 Milliarden rechtfertigt: Anders als in der Formel 1, haben chinesische Hersteller in letzter Zeit die MotoGP als Werbeplattform für sich entdeckt. Auch, weil es im Gefüge der Rennwochenenden eine Elektrorennserie, die Moto E, gibt. Hinter den Kulissen hatten mehr und chinesische Hersteller ihre Fühler nach Teilhaberschaften in Rennställen aus der Ersten Liga ausgestreckt, die ersten Chinesen sind sogar schon eingestiegen.

Das aber läuft der Handelspolitik der USA zuwider. Und Liberty Media vertritt in allerzuvorderster Linie die Interessen der Vereinigten Staaten – und nicht von Europa oder Asien. Die Formel 1 ist mit anderen Startzeiten und einem veränderten Rennformat schon für den US-Markt kompatibel gemacht worden – der sich lange Jahrzehnte hinweg nur für NASCAR und noch ein bisschen für die IndyCar interessiert. In Ford und Cadillac kommen zwei US-Hersteller neu an Bord.

Bei der MotoGP liegt der Fall etwas anders. Da sichert Liberty Media sich so viel Einfluss hinter den Kulissen, dass die Agentur chinesische Einmischung oder gar Beteiligung aus der Position des Rechteinhabers heraus abwehren kann. Die MotoGP soll nicht nur amerikanisiert werden – sondern vor allem entsinoisiert. Dieses übergeordnete wirtschaftliche Interesse rechtfertig die 4,3 Milliarden allein schon.


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