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16.10.2025

Fremdgänger


Plötzlich wollen alle fremdgehen. Mick Schumacher zieht es in die IndyCar, Kalle Rovanperä möchte sich über die japanische Super Formula-Serie in die Formel 1 hochdienen. Die News rund um die Formel 1 sind in den letzten beiden Wochen reichlich kurios ausgefallen.

Zur Wertung und Einordnung dieser Wanderströme muss man sich zunächst vor Augen halten, was für Qualitäten in der Formel 1 wirklich gefragt sind. Neben dem reinen Vermögen, ein Auto schnell zu bewegen natürlich. Die beiden Kernwerte sind: Präzision und dauernde Reproduzierbarkeit bei der Linienwahl, Runde um Runde aufs Neue. Und Akkuratesse bei gleichzeitiger Schnelligkeit der Beschreibungen von Fahrverhalten und Straßenlage, um den Ingenieuren möglichst genau vermitteln zu können, was bei der Abstimmungsarbeit vonnöten ist.

Gerade wenn ehemalige Formel 1-Fahrer sich nach ihrer Grand Prix-Karriere auf der Langstrecke, etwa bei den 24 Stunden von Le Mans, eine Restlaufbahn eröffnen, hört man von den Ingenieuren der dortigen Sportwagenteams immer wieder: Es sei beeindruckend, wie schnell und auf den Punkt die Formel 1-Abgänger sich bei den Beschreibungen des Autos und den Setupparametern äußern – und um wie viel ungenauer und wortreicher, damit auch für die Ingenieure schwieriger umzusetzen die Aussagen von Fahrern ohne Formel 1-Erfahrung seien.

Mick Schumacher kann sich aktuell bereits bei den Sportprototypen von Alpine, wo er die den 24 Stunden von Le Mans angegliederte Langstrecken-WM absolviert, auf seine Formel 1-Erfahrung verlassen. Und das wird ihm auch helfen, wenn er sich künftig auf die IndyCar-Serie konzentriert. Der Test beim IndyCar-Team von Bobby Rahal in den Staaten ist jedenfalls so gut verlaufen, das ein Weg in die IndyCar-Serie vorgezeichnet ist. Es wäre für Mick Schumacher der sinnvolle Weg: Er mag, genau wie sein Vater, lieber Rennwagen mit freistehenden Rädern; die Station in der Sportwagen-WM bei Alpine war für ihn stets eine Notlösung, um so aus einer Warteschleife heraus wieder in die Formel 1 zu schießen.

Jetzt hat auch Mick Schumacher erkannt, dass er in der Formel 1 kein Team mehr finden wird. Als letzter.

Da ist es nur konsquent, dass er sich nun auf die zweithöchste Formelsportrennserie der Welt stürzt: In der IndyCar-Serie kann er zum Star in den USA werden. Die Serie möchte zudem wieder international expandieren. Wenn die Formel 1 ab 2027 nicht mehr in Zandvoort gastiert, soll dort stattdessen die IndyCar antreten.

Die Autos sind einfacher zu fahren und auch einfacher zu bearbeiten als ein Grand Prix-Renner, weil es weniger ineinandergreifende Variablen gibt. Deswegen ist die IndyCar – genau wie Le Mans – seit jeher ein Auffangbecken für all’ jene Piloten, für die es in der Formel nicht reicht oder die für die Königsklasse zu alt geworden sind. Schumacher jr. wird in der IndyCar auf den meisten Strecken auf Anhieb siebfähig sein. Auf den Ovalen wird er sich schwertun, weil das Fahren mit den Seitenwinden und seitlichen Windschatten ein ganz anderer Schnack ist als auf einem normalen Rundkurs, auch das Trimmen der Autos, um den Luftwiderstand zu senken, gibt es in der Formel 1 nicht. Doch auch die Umgewöhnung ins Oval gelingt den Formel 1-Fahrern mit ein bisschen gesammelter Erfahrung.

Der Weg in die IndyCar ist für Mick Schumacher logisch und richtig. Auch wenn sein Onkel Ralf Schumacher Wasser in den Wein streut, indem er öffentlich auf die vermeintlich hohe Gefahr bei den Ovalrennen hinweist.

Man hat den Eindruck: Ralf Schumacher ist der Ferdinand Dudenhöfer des Motorsports. Immer, wenn eine Fachfrage entsteht, wird neuerdings der erfolglose Bruder von Michael Schumacher befragt. Und der hat zu allem eine Meinung. Oft die richtige – aber manchmal auch eine völlig hanebüchene.

Jedenfalls ist Ralf Schumacher seit ein paar Jahren als redseliger Experte mehr in den Medien präsent als zu seiner Zeit als aktiver Pilot. Und das ist für den Motorsport insgesamt kein Fortschritt.

Während Mick Schumachers Schritt in die IndyCar ihn erfolgreich und noch vermögender machen wird als ohnehin schon, dürfte sich Kalle Rovanperä ganz schön wundern. Der einstige Wunderknabe der Rallye-WM möchte über die japanische Super Formula doch tatsächlich in die Formel 1 kommen. Man kann nur sagen: dann viel Spaß.

Die Serie hat einst unter anderem Heinz-Harald Frentzen, Johnny Herbert und Eddie Irvine in der Tat für die Formel 1 ausgebildet, aber damals wurde mit gänzlich anderen Autos gefahren. Jetzt ist es eine Serie mit Wagen, deren Aerodynamik zwar so ausgeprägt ist wie in der Formel 1 und in der die Reifentechnik sogar besser ist als die Pirelli-Kaugummis aus der Königsklasse. Doch das Auto insgesamt hinkt einen ordentlichen Schritt hinterher, auch das Fahrerfeld ist längst nicht mehr so hochkarätig besetzt.

Rallye ist zudem eine völlig andere Sparte als Rundstrecke. Man muss improvisieren, kann das Auto mehr rutschen und rollen lassen und muss sich auch genau einteilen, wann man wirklich ans Limit geht und wo man sich eine Sicherheitsreserve von einem Prozent oder so lassen sollte. Wirklich bis an die Grenzen der Physik treibt man ein Rallyeauto selbst in der WM nur selten – einen Formel 1 aber in jeder Runde, in jeder Kurve.

Deswegen gibt es keine Rallyefahrer, die erfolgreich die Umstellung auf die Rundstrecke geschafft haben. Colin McRae und Sébastien Loeb haben Formel 1-Tests gefahren. Beide waren phasenweise schnell, wussten aber nicht warum und vor allem nicht, wie sie die Konstanz reinbringen sollten. Loeb hat das nicht mal in der Tourenwagen-WM mit Kleinwagen geschafft. Rovanperä wird schon beim Umgang mit der Aerodynamik – Anpressdruck ist in der Rallye-WM kein tragendes Thema – an seine Grenzen stoßen. Wenn er die überwindet, scheitert er bei der Risikoeinteilung und der dauernden Wiederholung der Präzision.

Es ist auffällig, dass in Loeb, Sébastien Ogier und Rovanperä drei der dominanten Figuren der Rallye überdrüssig wurden und sich Abwechslung auf der Rundstrecke suchen. Die beiden Franzosen sind daran gescheitert. Denn Motorsport ist eben doch nicht gleich Motorsport: Ein guter Fußballer wird auch nie ein sehr guter Handballer sein, obwohl beides mit Bällen gespielt wird.


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