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16.05.2025

Löwen-Geschichten


Beim Stichwort „Imola“ kommt den meisten Formel 1-Fans wohl zuerst der Tod von Ayrton Senna und das schwarze Wochenende von 1994 in den Sinn. Doch auf der schnellen Piste unweit von Bologna hat sich noch ein weiteres Kapitel Formel 1-Geschichte ereignet, das unvergessen bleibt – aus ganz anderen Gründen.

Anno 1990 hat Nigel Mansell dort von den italienischen Medien den Spitznamen „Il Leone“ erhalten – der Löwe. Denn der Engländer fuhr damals gerade frisch für Ferrari, er war der letzte Fahrer, den Firmengründer und Patriarch Enzo Ferrari noch persönlich unter Vertrag nehmen konnte: Die graue Eminenz starb kurz nach der Vertragsunterschrift mit der für ihn üblichen lila Tinte 1988.

1990 drängt Gerhard Berger den Ferrari von Nigel Mansell in Imola auf den Grünstreifen, als der aus Birmingham stammende Engländer sich gerade auf einer furiosen Aufholjagd befand. Berger war Vierter, aber wegen des Tempounterschieds offensichtlich nur ein Opfer, aber kein Gegner für Mansell. Deswegen schlug er ihm mit einem Hakenschlager die Tür vor der Nase zu. Mansell drehte sich bei knapp 300 auf der Geraden, weil zwei seiner Räder aufs Gras neben der Bahn gerieten. Und wie spielerisch fing er den kreiselnden Ferrari noch mitten im schwungvollen Dreher wieder ein, bugsierte ihn mit einem kurzen Gegenlenker aus voller Pirouette heraus wieder in Fahrtrichtung, fing den Dreher ab und machte sich mit einem Nettozeitverlust von höchstens einer Sekunde wieder auf die Jagd nach Berger.

Es ist eines der spektakulärsten Rettungsmanöver, das die Formel 1 je gesehen hat. Und aus lauter Bewunderung für die artistisch heldenhafte Fahrzeugbeherrschung gebar die traditionell patriotische und wallend emotionale italienische Presse den ehrfurchtsvollen Namen „Il Leone“.

Natürlich in Anlehnung an den Kampfgeist, aber auch die englische Abstammung, Stichwort „British Lion“.

Jetzt wiederholt sich gerade die Geschichte. Genau wie weiland Mansell, ist jetzt in Lewis Hamilton der nächste Liebling der Tifosi. Und genau wie beim Birmingham Brummie, droht auch beim Sohn eines Lokomotivführers aus Stevenage das rote Intermezzo in ein einziges gigantisches Missverständnis auszuarten: Emotionen stehen in keinem Verhältnis zu Erfolgen.

Bei Mansell war es das grundlegend falsch aufgestellte Team, mit einem englischen Konstrukteursgenie, das nicht nach Italien ziehen mochte und daran scheiterte, als Freiberufler seinen Einfluss bei Ferrari über die dort herrschende Intrigenkultur zu stellen: John Barnard entwickelte ein Meisterwerk von einem Auto, doch die Italiener im Werk waren wahlweise zu schlampig in der Umsetzung oder intrigierten sogar absichtlich gegen den abwesenden Ausländer, dessen Einfluss ihnen gegen den patriotischen Strich ging. Deswegen platzte der Traum, Il Leone zum Weltmeister zu machen.

Mit Lewis Leone geht es gerade ganz ähnlich zu: Ferrari ist wieder ein unsortierter Haufen mit zu vielen Köchen, die den Brei verderben. Aktuell haben sie vor lauter Innovationseifer eine Hinterradaufhängung entwickelt, die nicht funktioniert und das Auto zu einer roten Zicke machen. Zudem gibt es dauernde Kommunikationsprobleme zwischen Hamilton und den Ingenieuren. Die treten bei seinem Teamkollegen Charles Leclerc nicht auf, weil der schon megalange in der Ferrari-Familie integriert ist. Hamilton landete wie ein Außerirdischer mittendrin, mit einer englischen Mentalität, die mit der südfranzösisch-monegassischen von Leclerc nicht zu vergleichen ist – und die ihn ebenso zu einem Fremdkörper bei den Italo-Latinos macht wie einst Mansell und Barnard.

Es gibt allerdings zwischen beiden Zeiten einen gravierenden Unterschied: Als Mansell fuhr, war die Formel 1 in erster Linie Motorsport. Hamilton ist dagegen für Ferrari vor allem als Marketingtool und Umsatzbringer wichtig: Noch nie wurde so viel Formel 1-Merchandising verkauft wie in jener Zeit, als die neue Fankollektion von Hamilton in Ferrarirot aufgelegt wurde. Nicht mal die Zahlen von Michael-Schumacher-Fanartikeln kamen an jene von Hamilton-Merch heran.

Was auch daran liegt, dass die Ferrari-Fanartikel inzwischen ähnlich hochwertig sind wie jene etwa aus der NASCAR oder IndyCar, während sie zu Schumi-Zeiten doch eher rudimentär und langweilig waren.

Jedenfalls braucht Ferrari Hamilton nicht so sehr auf, sondern vor allem neben der Strecke. Er bringt wenn schon keine sportlichen Erfolge, dann doch immerhin Geld. Auch von den Sponsoren, von denen Ferrari im Soge der Hamilton-Mania noch höhere Beträge aufrufen kann.

Die Frage ist, ob sich die Geschichte wirklich zur Gänze wiederholt. Mansell hatte von dem ganzen Gedrüse bei Ferrari recht bald die Nase voll und ging. Auch Hamilton ist in einem Alter und einem Status-Quo seiner Karriere, wo er sich solch’ ein Chaos eigentlich nicht mehr anzutun braucht.


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