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17.07.2023

Der Fall Ricciardo


Manchmal muss man weit reisen, um auf das Naheliegende zu kommen. Als die Formel E noch relativ jung war und mit Autos ihrer sogenannten Ersten Generation fuhr, führte der Weg zu einem Meisterschaftslauf der Elektroautos nach Mexiko-Stadt. Damals arbeiteten jede Menge ehemalige Formel 1- und Formel 3-Techniker in den Boxen der Stromrennserie. Einer davon kannte Nyck de Vries recht gut – und urteilte über den Friesen aus den Niederlanden, dem fehle die geistige Kapazität, um es an die absolute Weltspitze zu schaffen.

Ehrlich gesagt, verwendete der Informant keine so geschliffene Formulierung, sondern durchaus drastischeres und derberes Vokabular.

Jetzt, ein Formel E-Titel, eine Coronakrise und eine Weltwirtschafskrise später, ist das Orakel des Informanten wahr geworden: de Vries hat vor dem Großen Preis von Ungarn seinen Platz bei Alpha Tauri, dem B-Team von Red Bull, verloren. Nach gerade mal 10 Rennen in der Königsklasse.

Eine Woge der Empörung wogte durch die Medien, als die Entscheidung von Red Bull-Motorsportchef Dr. Helmut Marko in der Woche nach dem letzten Rennen in Silverstone bekannt wurde – angefacht vom Management des Niederländers, das die größte heimische Tageszeitung informierte, Tage bevor Red Bull den Wechsel eigentlich bekanntmachen wollte.

Jetzt sitzt Daniel Ricciardo wieder am Steuer eines Red Bull, wenn auch nur des B-Modells. Der Australier aus Perth hat mit der Formel 1 noch eine Rechnung auf. Denn er ist einst als Toptalent zum A-Team an die Seite von Sebastian Vettel befördert worden – und hat den viermaligen Weltmeister im stallinternen Duell gleich mal entzaubert. Danach ging Ricciardo zu zwei anderen Teams, bei jedem musste er wegen der Grundkonzeption der Autos seinen einzigartigen Fahrstil so sehr verwässern, dass er nicht mehr schnell genug fahren konnte: Ricciardo ist ein Meister des Ultraspät- und dafür unheimlich hart Bremsens. Und anders als etwa Lewis Hamilton oder früher Nico Rosberg, beherrscht der Australier diese Technik auch dann noch, wenn er sich der Kurve und deren Scheitelpunkt abseits der eigentlichen Ideallinie nähert. Er kann den Wagen dann immer noch um die Ecke und auf Linie zwingen, ohne dass sich Untersteuern einstellt.

Das macht Ricciardo nicht nur schnell, sondern vor allem auch zu einem der besten Überholer der ganzen Formel 1. Solange man ihm ein Auto hinstellt, das diese Fahrweise auch erlaubt. Red Bull konnte das, Renault und McLaren nicht.

So geriet Ricciardo auf ein Abstellgleis, von dem ihn nun sein Ex-Arbeitgeber erlöste. Mit einer Vorgeschichte, welche die Empörung der Niederländer auf ein Maß der ungerechtfertigten Empörung verzwergt. Ricciardo fuhr nach Silverstone am selben Ort einen Reifentest mit den Pneus der nächsten Generation. Die Zeit, die er dabei erzielte, hätte beim Grand Prix für einen Platz in den ersten beiden Startreihen gelangt. Das allein ist wenig aussagekräftig: Die Reifen waren anders, die Strecke zudem in einem deutlich besseren Temperaturbereich und Zustand; das allein soll, sagen englische Insider, schon gut für eineinhalb Sekunden gewesen sein.

Trotzdem sticht der Vergleich. Denn Red Bull hatte de Vries zum Test von Ricciardo in den Simulator gesetzt, in dem man die Strecken- und Reifenbedingungen äußerst realistisch einprogrammieren kann. Der Niederländer hatte so Referenzzeiten setzen müssen, um einen Vergleichswert zu Ricciardos Zeiten zu haben. Und alle Runden, die de Vries im Driver-in-the-Loop fuhr, waren klar langsamer als jene von Ricciardo auf der echten Rennstrecke. Das war der ultimative Test, den de Vries nicht bestanden hat – und der Ricciardo nun zu seinem Formel 1-Comeback verhilft.

Für den Australier ist das nur der erste Schritt zurück. Im Alpha Tauri, aufgrund der falschen Entwicklungspolitik vom scheidenden Teamchef Franz Tost inzwischen das schlechteste Auto im Feld, will er Anlauf nehmen, um Sergio Checo Perez aus dem Red Bull-Cockpit im A-Team an der Seite von Max Verstappen zu kegeln. Und die Limofirma nutzt den erstarkenden Aussie gleich dazu, den Druck auf den Mexikaner zu erhöhen. Dessen Leistungen stagnieren seit ein paar Rennen auf schwachem Niveau, Dr. Marko baut mit Ricciardo eine Drohkulisse auf, die Perez nun schultern muss.

Man braucht kein Hellseher zu sein, um zu erahnen: Das wird der Mexikaner nicht schaffen. Denn auch über Perez grassiert jene Meinung, die in Mexiko-Stadt über de Vries geflüstert wurde: geistige Kapazität mangelhaft.

Das Stühlerücken der Reise nach Jerusalem, die jedes Jahr die Silly Season der Cockpitwechsel ausmacht, hat dieses Jahr ungewöhnlich früh begonnen – mit einer Auswechslung mitten in der laufenden Saison aufgrund von ausgemachter Perspektivlosigkeit für und mit de Vries. Das Fahrerkarussell nimmt jetzt Fahrt auf.

Das Formel 1-Aus von de Vries überrascht gründlich Recherchierende nicht. Ebenso wenig wie eine konkrete Folge: Der Niederländer wird schon bald zu einem gefeierten Leistungsträger im Sportwagen-Langstreckensport werden. Denn seine Grundschnelligkeit steht nicht infrage, seine Fahrzeugbeherrschung ebenso wenig. Für die Erste Liga hat's nicht gereicht, doch in der zweitanspruchsvollsten Motorsportsparte wird er zu einem Leistungsträger reifen.

Das Comeback von Ricciardo kommt genauso wenig überraschend wie die Ausmusterung von de Vries. Der Australier hat schon zu gemeinsamen Zeiten in den Nachwuchsformeln unter Beweis, dass er fahrerisch, körperlich und geistig ein Topmann ist. Aus dieser Zeit stammt auch das Wissen, wie man seinen Namen richtig ausspricht, er hat es selbst erklärt: Er liest sich zwar italienisch, weil Vorfahren aus Sizilien stammen. Doch er spricht sich nicht etwa italienisch schwungvoll Ritschijardo, auch nicht Rickijardo – sondern typisch australisch vernuschelt Rickahdo.


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