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05.06.2026

Zum Tod von Herbert Schnitzer


Es sind Bilder, die überdauern. Am Freitag, an seinem 85. Geburtstag, ist Herbert Schnitzer gestorben. Der legendäre BMW-Teamchef ist einer jener Hauptdarsteller der deutschen Rennsportgeschichte, welche die Szene von der Wirtschaftswunderjahren bis in die Zeit der jüngsten Autoindustriekrise geprägt haben. Und ein Mann, der nicht nur Geschichte geschrieben hat, sondern auch Geschichten.

Am Freitag, seinem 85. Geburtstag, ist nicht nur ein Kapitel zu Ende gegangen – sondern ein ganzes Buch. Zwar liegt die letzte Begegnung mit dem immer ein bisschen gemütlich wirkenden Bayern schon mehrere Jahre zurück. Denn er brauchte zuletzt zwei Hüftoperationen. Nach seiner zweiten ging es ihm stetig schlechter. Irgendwann konnte er nicht mehr zu jenem Motorsportstammtisch im Ländereck Österreichs und Bayerns kommen, den er über lange Jahre so sehr geliebt hat und regelmäßig mit Peter Reinisch, einem weiteren Urgestein der Szene aus Bad Reichenhall, besucht hat: Parkinson, ein weiterer Sturz, danach häusliche Pflege.

Aber auch ohne aktuelle Begegnungen ist Herbert Schnitzer stets präsent geblieben. Er war ganz lange einer der wenigen Motorsportler im Fahrerlager auf „Sie“ statt „Du“, weil so viel gegenseitiger Respekt herrschte. Und der war begründet: Als Cokommentator bei langen Livestrecken während der 24 Stunden von Le Mans auf „EUROSPORT“ konnte Schnitzer zeigen, dass er in der öffentlichen und medialen Wahrnehmung völlig zu Unrecht von Halbbruder Charly Lamm überstrahlt wurde: Mit Wortwitz und blitzschneller Auffassungsgabe erfasste und erklärte er jede Rennsituation und durchblickte jede Taktik schneller als die meisten anderen Teamchefs in ähnlicher Lage.

Es war die Zeit, in der sein Team, Schnitzer Motorsport, den größten Erfolg feierte: den Gesamtsieg bei den 24 Stunden von Le Mans als BMW-Werksteam, mit einem Sportprototypen, den das englischen Formel 1-Team Williams konstruiert hatte. Die Kombination aus Erbauer Williams und Einsatzteam Schnitzer war das Beste, was BMW im Motorsport je passiert ist. Bis heute.

Dabei wird Schnitzer vor allem als Tourenwagenteam in der Gruppe A und STW in Erinnerung wahrgenommen. Von Deutschland über England bis nach Japan und auch beim Klassiker in Macau hat das Team von Herbert Schnitzer in der Tat alle wichtigen Titel und Rennen mit M3 und 320i gewonnen. Doch bei einem langen, intimen Gespräch im „Maritim“-Hotel zu Bremen im Rahmen der dortigen Oldtimermesse „Bremen Classic“ gestand Schnitzer: Le Mans sei ihm mehr wert gewesen, weil schwerer und legendärer. Und am allerstolzesten sei er gewesen, als sein Sohn Herbert jr. von einem Intermezzo bei Phoenix Racing wieder zurück nach Freilassing gekommen sei, um mit dem Vater wieder ins DTM einzusteigen.

Solche persönlichen, tiefschürfenden Erinnerungen sagen viel über den wahren Menschen Herbert Schnitzer aus. Einen Menschen, den nicht viele in dieser Intensität haben kennenlernen dürfen, weil er sich im Fahrerlager meist zurückgenommen hat – hinter seinen extrovertierten Halbbruder Charly Lamm, dessen Ehrgeiz Herbert Schnitzer zuweilen suspekt war.

Charly Lamm war stets das Gesicht und der Lautsprecher von Schnitzer Motorsport. Doch die Seele und auch der Kit, der den Laden in all’ seinem urbayerischen Charme und seiner vollen Fachkenntnis zusammenhielt – das war immer Herbert Schnitzer, der Seniorchef.

Er hat miterlebt, wie sein Vater Josef Schnitzer jr. mit nur 37 Jahren stirbt, im letzten Kriegsjahr. Wie seine Mutter Katharina 10 Jahre später wieder heiratet: Karl Lamm; aus der zweiten Ehe entstammen die zweieiigen Zwillinge Dieter und Charly Lamm. Sein eigener Bruder, Josef, und er lernen im Borgward- und Fiat-Autohaus vom Vater, das Karl Lamm sr. weiterführt, zunächst Kfz-Schlosser. Dann wird Josef vom Rennsport angezogen und gewinnt als Fahrer 1966 die Deutsche Rennsportmeisterschaft. Danach wird er Tuner, während Herbert Schnitzer sich im Hintergrund um das Finanzielle kümmert. Josef Schnitzer entwickelt den ersten Turbo im deutschen Rennsport, auf BMW-Basis. In Herbert Schnitzer reift die Idee, daraus einen Kundenmotor für Monoposto- und Tourenwagenrennen, aber auch Rallyes zu machen. Doch man scheut das Risiko, 100 Zylinderköpfe für die Homologation zu kaufen. Im „Maritim“ Bremen schwingt immer noch das Bedauern in Herbert Schnitzers Stimme mit, das nicht doch eingegangen zu sein.

Aber auch so wird Schnitzer zu einer Erfolgsgeschichte. Die aber Bruder Josef nicht mehr miterlebt: Er verunglückt 1978 auf der Autobahn zwischen München und Zolder tödlich.

Die vielen Schicksalsschläge der jungen Jahre haben Herbert Schnitzer eine gewisse Hornhaut wachsen lassen. Aber sein ausgeprägtes Mitgefühl ist all’ jenen gewiss gewesen, von denen er wusste: Er kann sich auf sie verlassen. Und sie sehen in Schnitzer nicht nur Lamm, sondern auch ihn selbst – mit all’ jenen verborgenen Qualitäten, die er immer unter den Scheffel und nie ins Rampenlicht stellen mochte.

Einer dieser Menschen war auch Günther Bauer. „Schliff“, Eisspeedwayfahrer aus Reit im Winkl – und Patensohn von Herbert Schnitzer. Denn Motorsport war für Schnitzer, den immer etwas urbayerisch gemütlich wirkenden und daher leicht unterschätzbaren Patriarchen, stets Liebe und Leidenschaft – in all’ seinen Facetten.

In den letzten Jahren, als die Wirtschafts- und Umweltkrise die Autoindustrie an die Kandare nahm, zog bei BMW ein anderer Wind ein. Jens Marquardt, ein ehemaliger Chefingenieur und Teammanager von Toyota Motorsport, wurde neuer Sportchef. Damit kam ein neues Betriebsklima bei BMW Motorsport, das auch unter Nachfolger Andreas Roos noch vorherrscht: Es geht nicht mehr um Rennsport, sondern um Konzerndenke und Postenabsicherung durch Risikominimierung.

Marquardt installierte neue Teams aus dem Kreis seiner alten Bekannten von Toyota – oder als Quasifilialen großer BMW-Autohäuser. Schnitzer, aber auch dessen Erzrivale aus der letzten EM und WM, RBM, hatten ausgedient. Nicht nur Schnitzer fühlte sich abserviert von der neuen Konzernpolitik. Auch im Fahrerlager traf der Umgang mit dem jahrzehntelangen loyalen und erfolgreichen Aushängeschild der Bayern im Motorsport hinter vorgehaltener Hand auf viel Entsetzen und Unverständnis.

Allein: Sagen und schreiben traute es sich kaum einer, weil alle sich die Gunst von BMW erhalten wollten. Doch das Absägen seines Teams durch BMW hat Herbert Schnitzer, diesem zu 100 Prozent loyalen Menschen, das Herz gebrochen.

Dabei hätte ein Mann wie Schnitzer in der heutigen Motorsportwelt wohl ohnehin keinen rechten Platz mehr gehabt: Das Geschachere um Einstufungen der Balance of Performance, auf das gerade sein einstiger Partner BMW so sehr baut und das in den Langstrecken- und GT3-Fahrerlagern wahren Wettbewerbsgeist und Mut zum sportlichen Kampf längst ausgerottet hat, hätte einem echter Racer wie Herbert Schnitzer von ganzem Herzen widerstrebt.

Er hätte es loyal argumentativ vertreten, wenn BMW ihn noch gelassen hätte. Aber in solchen Situationen wie im „Maritim“ hätte er seine wahre Meinung vertreten, zumindest gegenüber solchen Leuten, von denen er wusste, dass er sich auf sie verlassen konnte.

In Herbert Schnitzer ist einer jener Männer von der Brücke gegangen, die als Vorbilder taugen: für seine Generation, aber auch für alle späteren – inklusive der heutigen Jugend. Ein bisschen mehr Schnitzer wagen – das sollte die Lehre sein, die nach diesem traurigen 85. Geburtstag des grauhaarigen Brillenträgers aus Freilassing bleibt.

Die ganze Geschichte über Herbert Schnitzer, die bei der Bremen Classic entstanden ist, findet Ihr in einem sehr langen, ungewohnt offenen Portrait in Ausgabe 41 der Zeitschrift PITWALK: https://www.pitwalk.de/pitwalk/ausgabe-41


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