16.06.2026
Zugegeben, der Gedanke ist vielleicht ein bisschen sehr theatralisch. Aber wenn man allein, bellend hustend, mit rasselndem Atem, Fieber und Schüttelfrost vor sich hin vegetierend in einem tristen Zimmer unweit von Le Mans liegt, an jenem Sonntagmorgen, an dem 20 Kilometer entfernt das grandiose 24-Stundenrennen in seine entscheidende Phase geht – dann denkt man unweigerlich an Gustav Büsing.
Dem gebürtigen Oldenburger, der in Bonn wohnte und einer der Experten im „Eurosport“-Kommentatorenaufgebot war, erging es 2015 ganz ähnlich. Nur erlitt Büsing im Hotel „Green 7“ direkt am Eingang zur Hunaudières-Geraden damals einen Herzinfarkt, den er nach einem kurzen Koma in Le Mans und Paris schließlich nicht überleben sollte. Doch er hatte sich am späten Samstagabend mit dem, was seit Corona „grippeartigen Symptomen“ heißt, vom weiteren Rennverlauf abgemeldet, ohne an so dramatische Folgen zu denken.
So gesehen, ist das gigantische Langstreckenspektakel im Mittleren Westen Frankreichs dieses Jahr noch glimpflich ausgegangen: Am frühen Montagmorgen kommt es schon wieder zur zufälligen Begegnung mit René Rast auf dem Pariser Flughafen Charles de Gaulle, am Dienstag steht in der Marathonrallye-WM Desafio Ruta 40 gleich die nächste Sendung zum Kommentieren an. Man kann also konstatieren: aus dem Gröbsten raus.
Dennoch hat die Berichterstattung aus Le Mans natürlich unter der Kettenreaktion der vergangenen Woche gelitten, zumindest die hochaktuelle. Die Anzahl und vor allem die Informationsdichte und -tiefe der Podcasts war nicht das, was dem Anspruch von PITWALK und den Usern und Lesern entspricht. Zwar hat ein schneller Vergleich der deutschsprachigen Berichterstattung ergeben: In den Podcastfolgen habt Ihr immer noch mit Abstand am meisten über die viele Hintergründe und Zusammenhänge erfahren und die am tiefsten gehende Berichterstattung erhalten, wenn man nur die deutschsprachigen Medien berücksichtigt. Aber auch da wäre noch deutlich mehr gegangen.
Was aber ist denn da eigentlich schiefgelaufen?
Bereits in der Woche vor der Abreise nach Le Mans muss beim großen Konzert von Megadeth und Iron Maiden im Stadion von Hannover 96 eine fiese Erkältung in den Journalistenkörper gekrabbelt sein. Die hat schon am Mittwoch die Stimme erlöschen lassen. Doch trotzdem setzt sich der Dickkopf durch: Am Wochenende vor Le Mans stand der Speedway-Grand Prix in Manchester an. Eine Doppelveranstaltung aus zwei WM-Läufen und einem Training, alles live auf HBO Max im Stream zu kommentieren. Und Manchester, die Heimbahn der Belle Vue Aces, verspricht stets den besten Speedwaysport des ganzen Rennjahres.
Dieses Schmankerl mag man sich auch als Fernsehkommentator und Websitebetreiber unmöglich entgegen lassen. Also meldet man sich nicht etwa krank, sondern kommentiert am Freitag schon zwei Mal für je zirka drei Stunden – bis am Ende die Stimme komplett wegbricht und man nur noch Krächz- und Kiekslaute von sich geben kann.
Am Sonnabend klingt man natürlich wie ein fleischgewordener Kettenriss. Zwiebelwickel, Salbei, Kamillen- und Pfefferminztee, Honig, Halstabletten – irgendwie kehrt die Stimme bis zum ersten Heat des Samstagsrennens von Manchester zwar zurück. Aber der ganze Gesundheitszustand ist ganz und gar nicht dazu angetan, eine Sendung voller Schweiß, Adrenalin, höchster Konzentration und beanspruchter Stimmbänder überhaupt in Angriff zu nehmen, geschweige denn durchzustehen.
Sonntag und Montag ist wieder Zwangsschweigen angesagt, denn am Dienstag geht’s in aller Frühe nach Le Mans. Mit dem, was der Engländer einen „red-eye flight“ nennet: gegen sechs Uhr von Bremen nach München, von dort weiter nach Paris, dann noch mal für knapp drei Stunden auf die Autobahn an die Sarthe. In Le Mans ist’s zwei Tage regnerisch und sehr kühl, mit fiesen Windböen. Aber das hält einen nicht davon ab, ins Fahrerlager zu stiefeln und Fahrer oder Ingenieure zu Gesprächen zu stellen.
Im Pressezentrum die Klimaanlage auf 19 Grad eingestellt. Und, wie könnte es anders sein, der vom Veranstalter zugewiesene eigene Arbeitsplatz befindet sich genau unter einem jener Luftauslässe von der Aircondition, aus dem es am meisten zieht.
Donnerstags schlägt das Wetter um, es wird warm, dann heiß. Die Diskrepanz zwischen Recherche an der frischen Luft, unter gleißender Sonne bei plötzlich mehr als 26 Grad und Arbeiten im brutal kühl klimatisierten Pressesaal wird immer größer. Ein paar Mal gelingt es noch, die Klimaanlage aus der hohlen Hand einfach dreist abzuschalten. Doch irgendwann kommen einem andere Kollegen aus dem Sehrgroßraumbüro drauf, und deren Schimpfworte werden immer bedrohlicher.
Am Sonnabend, rund um den Rennstart, hat die Klimaanlage längst ihren finalen K.O.-Treffer gelandet: Es geht in Le Mans deutlich schlechter als beim Grand Prix von Manchester.
So kommt es dazu, dass man Teil 2 vom 24-Stundenrennen nicht vor Ort erlebt. Seit Corona kann man sich das schönreden: kein „Präsenzjournalismus“, sondern „Remote Work.“ Es ist in den 35 Jahren des Berufslebens als Motorsportjournalist erst der vierte Totalausfall, ohne überhaupt an die Strecke zu kommen:
ein Sprunggelenksbruch am Abend vor der Abreise zur Formel 1 nach Montréal in Kanada;
eine Lebensmittelvergiftung in Macau, obwohl beim Einchecken im legendären Hotel Mandarin die beiden Franzosen Yvan Muller und Romain Dumas um die Ecke kamen und wie im Chor warnten: „Be carefühl wis sse wateerrr“. War schon zu spät, der erste Schluck vom Begrüßungswasser nach der langen Anreise mit Flug nach und Fähre von Hongkong schon im Rachen, und außerdem nutzte das Putzkommando eh’ für die ganze Etage denselben Lappen zum Toilettenwischen – um sicherzustellen, dass auch wirklich alle Hotelgäste das Virus abbekommen, nicht nur Yvan Mullers seit einer Woche aufm Zimmer gefangene Gattin Justine.
ein Sonnenstich beim Grand Prix in Malaysia, als ein Informant eine halbe Ewigkeit lang unter der heißen Äquatorsonne auf seinem Blackberry die Emails und Dateien über den von Red Bull-Chef Didi Mateschitz angedachten Verkauf des B-Teams Toro Rosso zeigte. Die Erinnerung an den Tag nach dem Sonnenstich ist bis heute nicht zurückgekehrt, aber das Leiden war’s wert – die Enthüllung über die Verkaufspläne, die Mateschitz auf keinen Fall öffentlich haben wollte, ist eine von zwei der besten Investigativgeschichten der jüngeren Formel 1-Historie. Und sie hat direkt dafür gesorgt, dass Franz Tost, der damalige Teamchef von Toro Rosso, sämtliche Konversation mit und auch jegliches gut erzogene Anstandsverhalten gegenüber dem von ihm schlagartig verhassten Berichterstatter unterbunden hat. Bis heute.
Ein Vorbild für den deutschen Speedwaynationalteammanager Sascha Dörner, wenngleich ein höchst zweifelhaftes.
Der Schwenk zum Speedway ist an dieser Stelle bitter nötg. Denn natürlich hat nicht nur die aktuelle Berichterstattung aus Le Mans unter der Krankheit gelitten – sondern auch die Website bahndienst.com, das Schwestermedium zu Deutschlands größter Motorsportzeitschrift PITWALK und zu Deutschlands erfolgreichstem Motorsportpodcast PITCAST. Auf bahndienst.com herrscht seit der Le Mans-Woche quasi komplett Schweigen im Walde, obschon es genügend Themen und Informationen gegeben hätte, die Seite weiter mit Leben zu füllen.
Das ist auch ein Ärgernis, das es nach einer raschen Gesundung aufzuarbeiten gilt. Versprochen: Der Vorrat an News und Hintergründen von Speedway-, Gras- und Langbahn, eigentlich schon vorbereitet im digitalen Gepäck in Le Mans mit dabei, wird ebenso abgearbeitet wie noch ein weiterer Podcast mit vielen Hintergründen und Analysen über die 24 Stunden von Le Mans folgen wird, die bislang noch in keinen deutschen Medien zu lesen waren.
Vor allem aber gilt ein Hauptaugenmerk nun der Produktion der neuen Ausgabe der Zeitschrift PITWALK, für die selbst die kastrierte Recherche in Le Mans noch eine echte Fundgrube toller, ja einzigartiger Geschichten gewesen ist. Allein das Interview mit Loïc Duval… aber schwärmen kann man später, jetzt muss man erst gesunden und dann wieder arbeiten.
Bis dahin vor allem aber „Danke“ sagen. An all’ diejenigen, die Nachsicht mit der unerwartet dürren journalistischen Ausbeute der letzten Tage auf den beiden digitalen Kanälen haben. Und mit den vielen Helfern im Fahrerlager von Le Mans, die das sogenannte „Remote“-Arbeiten am Sonntag mit Informationen in die Ferne des Krankenstandes unterstützt haben.
Namentlich nennen sollte man nicht alle, vor allem nicht jene, die zum Aufdecken der BMW-Lüge beigetragen haben, Stichwort: Quellen- und Informantenschutz. Aber jeder, der geholfen hat, weiß, dass er gemeint ist – und dass ihm der Dank dafür gewiss ist.
Auf dass es bald wieder normal werden möge – und auf noch viel mehr Spannendes aus Le Mans in den nächsten Tagen und Wochen.