+++ 2024-08-29 19:14 : Blog – warum will niemand Mick Schumacher? +++ 2024-08-18 11:14 : Blog – der unsinnigste Vergleich des Jahres +++ 2024-08-08 17:24 : Podcast – Erinnerungen an Speedwaystar Tommy Dunker. Interview von Norbert Ockenga mit Weggefährte und Rivale André Pollehn +++
BACK

20.05.2026

Wal Timmy in der Formel 1


Es bleibt nur Staunen. Vor mehr als zwei Jahren schon habe ich ein langes Telefonat mit Mario Illien geführt – jenem Schweizer, der zu Zeiten der Dominanz mit Mika Häkkinen im Werksauftrag die Mercedes-Motoren für die Schwaben entwickelt hat. Wir wollten eine Geschichte über die Motorentwicklung der Formel 1 über die Jahrzehnte hinweg machen – und schweiften ab zu den neuen Regeln, die damals in Planung waren und heute in Kraft sind. Illien sagte mir schon damals auf den Kopf zu: Das mit der Energiebilanz von zirka 50 zu 50 zwischen Verbrenner und E-Motor könne nix werden, weil die Rekuperationsfähigkeit dafür zu gering sei.

Kaum haben die Funktionäre zwei Jahre und eine Handvoll Rennen an den neuen Motoren rumgedoktert, fällt ihnen auch schon dasselbe auf wie einem Ingenieur, der zwar ein Genie ist – aber auch schon seit einigen Jahren nicht mehr in der Formel 1 an vorderster Front aktiv.

Ein Armutszeugnis für die gesamte Gilde der Regelmacher und aller, die sich auf dieses Greenwashing eingelassen haben.

Man kann argumentieren wie im Fall des Wals und Till Backhaus: Immerhin hätten die Verantwortlichen die Größe, die eigene Meinung zu ändern. Aber der Wal ist tot, weil die Meinungsänderung von Umweltminister Backhaus so lange dauerte, dass das riesige Tier ewig auf der Sandbank lag und deswegen immer schwächer wurde.

In der Formel 1 wird auch gebackhaust: Man hat die neuen Regeln einfach durchgedrückt, weil man wollte – ohne sich zu Ende Gedanken über die Folgen zu machen oder auf fachkundigen Rat zu hören. Und jetzt hat die Formel 1 sich in die Bredouille gebackhaust, dass selbst die jüngste Korrektur nicht reicht. Oder, einfacher gesagt: Man hat einfach Mal irgendwas in den Raum gestellt, egal ob sinnvoll, logisch oder nicht.

Ein paar Zahlen, die man von jedem Ingenieur im Fahrerlager erfragen kann, verdeutlichen den ganzen Dilettantismus: Die genaue Aufteilung der Energiebilanz im ersten Regelwurf zu Saisonbeginn lautete, 370 kW sollten vom Verbrenner und 350 kW vom Hybridsystem kommen. Bei einer vorgeschriebenen Akkukapazität von 4 MJ hätte der E-Motor das ziemlich genau 11,4 Sekunden leisten können, ehe die Akkus leer wären.

Im Schnitt geben die Fahrer auf einer Runde 60 Prozent Gas, bremsen aber nur auf 15 Prozent der Runde. Ein Viertel jeder Runde wird also irgendwo dazwischen etwa mit Schleppgas oder im Geradeauslauf, verbracht. Da kann man vielleicht noch fünf Prozent zum Rekuperieren im normalen Fahrbetrieb von abzwacken. Bleiben noch 20 Prozent der Runde übrig, auf der man mit künstlichen Methoden Energie für die Akkus Rückgewinnen muss. „Harvest“, heißt das im Formel 1-Jargon: ernten.

Eine durchschnittliche Runde dauert 100 Sekunden. 60 davon fährt man Vollgas; um das über die Akkus realisieren zu können, muss man sie mehr als fünf Mal pro Runde aufladen; 5,2 Mal ganz genau. Dafür hat man aber nach obiger Rechnung nur 20 Sekunden Zeit. Also ein Drittel der Runde. In der Zeit muss man aber auch noch Lupfen und Segeln, um mit dem Energiehaushalt klarzukommen, der von den Regeln vorgegeben ist. Kann rein rechnerisch nicht hinhauen.

Die einzige Lösung: Der theoretisch mögliche Elektroanteil von 350 kW muss durch 5,2 geteilt werden, es bleiben 70 kW. Die kann man auf die 370 kW vom Verbrenner aufaddieren. Dann hat man noch eine realistisch zu erzielende Gesamtleistung von 400 kW – statt der bislang kommunizierten 700.

Umgerechnet in die gängige Währung: 590 PS statt 940 PS.

Nun haben aber die Funktionäre gerade mitgeteilt, wie sie die Regeln für 2027 ändern möchten, um das Dilemma aus diesem Jahr wegzureformieren: Der Verbrenner soll ungefähr um 50 kW mehr leisten, das Hybridsystem um 50 kW weniger.

Um im Bild zu bleiben: Der Wal liegt immer noch da. Das Umweltministerium überlegt nun, ihm medium gebratene vegane Steaks mit grünem Salat zu zeigen. Denn dann schwimmt er bestimmt allein von der Sandbank. Nicht weil es logisch wäre. Sondern weil irgendeiner im Ministerium es einfach Mal so sagt.


Teile diesen Beitrag

Das könnte auch interessant sein:

  • 01.11.2026

    Sonderfall Katar

    Es liest sich wie eine ganz normale Nachricht. Nasser Al-Attiyah hat die Baja Katar gewonnen – den vorletzten Lauf zum Baja-Weltpokal. Der Katari ist damit seiner Favoritenrolle in…
  • 28.10.2026

    Funktionär kommt von funktionieren – oder?

    Es ist das wohl am meisten vergessene Jubiläum des Jahres. 2026 ist es genau 100 Jahre her, dass auf der Avus in Berlin der erste Grand Prix von Deutschland nach dem Ersten Weltkri…
  • 25.10.2026

    Ein bisschen News von der Dakar

    Der Weg zurück ist wichtiger als der nächste Schritt: Am Sonntag hat die Amaury Sport Organisation als Veranstalter der Rallye Dakar verkündet, dass die härteste Rallye der Welt 20…
  • 22.10.2026

    Krieg als Politikum?

    Jetzt geht’s um die Macht. Und um die Frage: Wer hat im Motorsport eigentlich das Sagen – der Automobilweltverband FIA oder jene Agentur, die im Auftrag der FIM eine Rennserie verm…
  • 12.10.2026

    Wird das die Rettung der Dakar?

    Ist das die Lösung? Über ein halbes Jahr lang haben die Teams und Fahrer der Rallye Dakar gezittert, ob die härteste Rallye der Welt im kommenden Januar stattfinden kann – oder weg…
  • 07.10.2026

    Audi will keine Siege, nur Geld

    Es gibt in List auf Sylt ein Nobelhotel, das bereits seit Jahrzehnten mit BMW zusammenarbeitet. Gäste in dem Wellnessresort konnten in dicken Münchener Karossen Probefahrten machen…
  • 01.10.2026

    Ford zeigt, wie's geht

    Was man als Journalist nicht alles so geboten bekommt. Am Montag fand ein „digital round table“ von Ford statt – eine digitale Tafelrunde, also eine Videokonferenz mit Jim Baumbick…
  • 24.09.2026

    Stärkste Kraft. Na und?

    Damit hat bei Mercedes keiner gerechnet. Schon seit den Sommerferien ist die einst überlegene Truppe der britischen Schwaben an der Spitze der Formel 1 abgelöst worden. Nicht mehr …
  • 16.09.2026

    Dann halt als VIP nach Landshut

    Der Amtsschimmel hat gewiehert, aber das kann einen echten Racer nicht erschüttern. Die an sich fest eingeplante Motorzone Seebruck, ein neues Highlight des Historischen Motorsport…
  • 10.09.2026

    Kühe machen Mühe

    Madrid veranstaltet an diesem Wochenende erstmals seit 1981 wieder einen Grand-Prix. Doch hinter dem neuen Madring steckt weit mehr als die Rückkehr des Motorsports in die spanisch…
  • 03.09.2026

    Kommt auf nix mehr an

    Manchmal reicht ein Satz, um sich selbst zu entlarven. Beim Begriff „Clipping“, sagte der oberste Formel 1-Chef Stefano Domenicali im Sommer, würden vielleicht ein paar wenige Insi…
  • 20.08.2026

    Buenos Días Argentina?

    In Argentiniens Hauptstadt lodert wieder ein altes Feuer. Der lange gehegte Traum von einem Formel 1-Comeback ist inzwischen ein konkretes Projekt. Das Autódromo Oscar y Juan Gálve…
2026 – BILD-PUNKTE LAREUS.MEDIA