12.02.2026
Ein blondes Teenie-Mädchen läutet einen Generations- und Paradigmenwechsel in der Formel 1 ein. Dabei ist Ella Häkkinen doch nur die jüngste Vertreterin von dominant vererbten Genen.
Text: Pole Position – Inga Stracke, Bálint Csermák-Scharbert, Suzanne Hickman
Foto: McLaren
Dieses Funkeln im Blick, es erinnert fast an die Saison 1998. Seinerzeit erlebt er das beste Jahr seiner Formel 1-Laufbahn. Doch jetzt setzt der Blick von Mika Häkkinen noch einen drauf.
Denn er ist nicht mehr stolz auf sich selbst – sondern auf seine Tochter. Die 14-jährige Ella Häkkinen, eines von fünf Kindern des blonden Finnen mit dem trockenen Humor, schickt sich an, in des Vaters Spurrillen zu biegen. Und der stolze Vater meint, Ella könnte die erste Formel 1-Fahrerin seit 1976 werden. Gegenüber der finnischen Zeitung Ilta-Sanomat sagt er: „Ella ist eine äußerst talentierte Rennfahrerin. Das sage ich nicht nur als Vater, sondern aufgrund meiner Beobachtungen als ehemaliger Spitzenfahrer.“
Mika Häkkinen fuhr bis zu seinem Rücktritt im Jahr 2001 gegen Michael Schumacher und war einer seiner stärksten Konkurrenten.
Während Häkkinen und Schumacher aus Familien stammten, die nichts mit dem Rennsport zu tun hatten, hatten ihre Konkurrenten Damon Hill und Jacques Villeneuve beide berühmte Väter. Damon Hills Karriere ist untrennbar mit dem Vermächtnis seines Vaters Graham Hill verbunden, der zweimaliger Weltmeister ist und zu den charismatischsten Figuren der Formel 1 zählt. Hill junior wuchs im Grand Prix-Zirkus auf. Vater Graham starb bei einem Flugzeugabsturz, als sein Sohn 15 Jahre alt war. Später sagte Damon Hill: „Wäre mein Vater nicht gestorben, wäre ich wohl kaum Rennfahrer geworden.“ Er verwies dabei auf die Notwendigkeit, seine Familie zu unterstützen, was ihn vom Motorradkurier zum Weltmeister machte.
Der Ruhm von Gilles Villeneuve, Ferrari-Ikone und eine der wahren Legenden der Formel 1, prägte Jacques' Kindheit. Gilles machte deutlich, dass er wollte, dass sein Sohn Rennfahrer werde. Jacques beschreibt seine Situation nach Gilles' tragischem Tod in Zolder im Jahr 1982: „In dem Moment, als er starb, wurde ich zum Mann der Familie.“
Er war entschlossen, nicht nur für sich selbst, sondern auch für das Vermächtnis seiner Familie erfolgreich zu sein. Er hat über die psychische Belastung und Inspiration gesprochen, die damit einhergingen, mit einer Legende als Vater, aber doch weitgehend ohne Vater aufzuwachsen. Er gewann 1995 den IndyCar-Titel und wurde 1997 Formel 1-Weltmeister. Er hat fünf Kinder und gibt zu, dass er sie nicht dazu ermutigen würde, Rennsport zu betreiben.
Der ehemalige McLaren- und Ferrari-Star Kimi Räikkönen, Formel 1-Weltmeister von 2007, und seine Frau Minttu unterstützen ihre Kinder Robin und Rianna bei ihren Kart-Ambitionen. Robin begann im Alter von drei Jahren mit dem Kartfahren und gewinnt heute internationale Rennen. Kimi erklärt: „Im Moment ist Kartfahren ein Spiel.”
Nachdem gerade das Kind eines finnischen Formel-1-Weltmeisters einen Vertrag bei McLaren unterschrieben hat, scheint die nächste Generation startklar zu sein.
Johannes Franciscus „Jos” Verstappen war Michael Schumachers Teamkollege bei Benetton, als der Deutsche 1994 seinen ersten Titel gewann. Max wurde 1997 geboren, Jos fuhr bis 2003 Rennen. Max’ Mutter Sophie Kumpen ist eine ehemalige internationale Top-Kartfahrerin, die das Potenzial hatte, es in die Formel 1 zu schaffen. Nach ihrer Heirat im Jahr 1996 trat sie jedoch zugunsten der Familie zurück. Jos ist für seine akribische und oft schonungslose Herangehensweise in Max' früher Karriere bekannt. Er war Max' Mechaniker, Ingenieur, Instruktor und unermüdlicher Motivator. Er war dafür bekannt, nachts Motoren umzubauen und nach jedem Kartrennen strenge Nachbesprechungen durchzuführen. Jos’ Intensität, die manchmal als hart oder sogar umstritten beschrieben wird, bestand darin, Max sowohl körperlich als auch mental an seine Grenzen zu bringen. Max sagt: „Er hat meine Motoren gebaut, mir gesagt, wie ich fahren soll. Alles, was ich weiß, verdanke ich ihm.“
Seine Eltern ließen sich scheiden, als er noch jung war. Er beschreibt die Präsenz seiner Mutter Sophie jedoch als „immer positiv“ und als notwendiges Gegengewicht zur Strenge seines Vaters.
Die McLaren-Chefs Zak Brown und Andrea Stella sagen: „Es ist, als hätte man zwei Söhne.“ Sie vergleichen sich in Sachen Umgang mit ihren Fahrern Lando Norris und Oscar Piastri mit einem Vater, der keinen seiner Söhne bevorzugen kann.
Oscar Piastris Mutter Nicole hat Ende des vergangenen Jahres stellvertretend für ihren Sohn den Don Award entgegengenommen, Australiens höchste sportliche Auszeichnung. „Ich wünschte, er würde öfter anrufen“, gab sie mit einem stolzen Lächeln zu. „Die Zeitverschiebung macht das sehr schwierig“, antwortete Oscar, der zu diesem Zeitpunkt den Las Vegas-Grand Prix fuhr. Bei der Race Against Dementia-Gala sprach sie in Melbourne über seine Rennkarriere: „Ich bin sehr stolz darauf, dass er so freundlich, bescheiden und dankbar ist.“ Sie gab zu, dass es ihr „fast unmöglich“ sei, ruhig zu bleiben, wenn sie ihrem Sohn beim Rennen zusieht: „Ich kann nicht schlafen, wenn er mit 300 km/h fährt.“ Nicole ist in den sozialen Medien für ihren Humor, ihre spielerischen Sticheleien und ihre unerschütterliche Unterstützung bekannt. Ihr Einfluss konzentriert sich darauf, Oscar „bodenständig und realistisch“ zu halten.
Seine Eltern leben getrennt. Vater Chris leitet ein erfolgreiches Unternehmen für Automobilsoftware und weckte Oscars Interesse am Rennsport, indem er ihm in seiner Kindheit ein ferngesteuertes Auto mit nach Hause brachte.
Adam Norris gilt als einer der reichsten Männer Großbritanniens. Weltmeister Lando dankt ihm dafür, ihm die entscheidenden Ressourcen und logistische Unterstützung für den Elite-Kartsport zur Verfügung gestellt zu haben. Zudem habe er sich bewusst aus technischen oder „aufdringlichen“ Rennaufgaben herausgehalten. Adams geschäftlicher Erfolg lieferte die finanzielle Grundlage, die es Lando ermöglichte, die Karriereleiter zu erklimmen und ihm Zugang zur besten Technik und Equipment, Reisen und Trainern verschaffte. Cisca Wauman, Landos Mutter, wird als sein stabilisierender Einfluss bezeichnet. Ihre emotionale Unterstützung und ihre Fähigkeit, Lando zu motivieren, werden in Interviews deutlich. Lando hat offen gesagt: „Danke, Mama, dass du mich zu dem gemacht hast, der ich heute bin.“ Beide Elternteile besuchen viele Rennen. Adam veranstaltet oft Familiengrillfeste für das Team und betont dabei, dass ihm die persönliche Verbindung wichtig ist.
Carlos Sainz, zweifacher Rallye-Weltmeister und vierfacher Gewinner der Rallye Dakar, ist regelmäßig im Fahrerlager der Formel 1 zu sehen. Als sein Sohn Carlos jr, damals noch Carlito genannt, mit dem Kartfahren begann, zog sich der Papa vorübergehend zurück. Die beiden haben eine ganz besondere Beziehung. In ihren Gesprächen ging es immer wieder um die Themen Temperament und Charakter. Der Junior erinnert sich: „Er ist seitdem meine ‚rechte Hand‘, Freund, Mentor und Berater in jeder Hinsicht. Er hat mir immer gesagt, dass ich viel ruhiger sei als er und dass er früher viele vermeidbare Fehler gemacht hätte. Außerdem meinte er, dass ich vielleicht mehr den Charakter meiner Mutter hätte. Er hat mir immer gesagt, dass dies eine meiner Stärken sei.“
Sainz-Sohnemann gibt zu, wie wertvoll es ist, seit seiner Kindheit so viel Zeit mit seinem Vater verbringen zu können und auch heute noch die gleichen Gespräche zu führen wie damals, als er 11 Jahre alt war. „Man kann sich vorstellen, wie viel Sohn und Vater über den Rennsport reden“, sagt er. Er gibt mir Beispiele aus den Rallyes von 1995 und 1997, aus denen ich lernen und auf denen ich aufbauen kann. Vielleicht fahren wir eines Tages gemeinsam eine Rallye.“
Der ehemalige McLaren-Fahrer Jan Magnussen war selten an der Rennstrecke zu sehen, als sein Sohn Kevin in der Formel 1 fuhr. Mittlerweile sind die beiden jedoch Teamkollegen bei Langstreckenrennen.
Der siebenmalige Weltmeister Lewis Hamilton hatte eine ganz andere Kindheit. Er betont oft, dass er seine Karriere der Entschlossenheit und Unterstützung seines Vaters verdankt. Anthony Hamilton ist vielleicht das bekannteste Beispiel für die totale Aufopferung von Eltern in der Geschichte der Formel 1: Er hatte bis zu vier Jobs gleichzeitig, nahm Schulden auf und gab fast alles für Lewis' Kartfahren aus. Er war sein Manager, Renningenieur und derjenige, der den Traum in finanziell schwierigen Zeiten am Leben erhielt. Nach der Arbeit fuhr er die ganze Nacht durch, um zu den Rennen zu kommen, und nahm eine zweite Hypothek auf sein Haus auf, um die Ausrüstung und die Startgebühren zu bezahlen. Lewis sagt: „Alles, was ich bin, verdanke ich meinem Vater.“
Carmen Larbalestier, Lewis’ Mutter, und später Linda, seine Stiefmutter, waren je ständige emotionale Stützen. Sie begleiteten Lewis zu Feierlichkeiten und waren während seiner gesamten Karriere Quellen stiller Ermutigung. Vor allem Carmen war eine wichtige Bezugsperson. Lewis schreibt seine Bescheidenheit und seine Fähigkeit, sich von Rückschlägen zu erholen, ihrem Mitgefühl zu.
Dass Hamilton nun für Ferrari fährt, erinnert einen an den jüngsten Fahrer, der jemals für die legendären Roten gefahren ist: Ricardo Rodriguez. Er gab 1961 im Alter von 19 Jahren und 208 Tagen sein Grand Prix-Debüt in Monza. Sein älterer Bruder Pedro fuhr ebenfalls für Ferrari. Die mexikanische Rennstrecke ist nach den Brüdern benannt: „Autodromo Hermanos Rodriguez“.
Auch heutzutage gibt’s eine Ferrari-Fraternität: Vom Kartfahren über Tennis bis hin zum Paddel verbindet Charles und Arthur Leclerc eine enge und unerbittlich wettbewerbsorientierte Beziehung, die auf gemeinsamen Opfern und gelegentlichen brüderlichen Neckereien basiert. Dies zeigte sich deutlich im ersten freien Training zum Grand Prix von Abu Dhabi 2025: Arthur scherzte sofort über Funk, dass Charles auf der Strecke ins Schleudern geraten sei und „wohl Burnouts für die Fans macht”.
Die Brüder mussten schnell erwachsen werden, nachdem sie 2017, nur wenige Tage vor Charles' emotionalem Formel 2-Sieg in Baku, ihren Vater Hervé verloren hatten.
Charles gibt zu, dass Arthur mehrere Jahre lang mit dem Rennsport aufhören musste, weil es sich ihre Familie nicht leisten konnte, beide zu finanzieren. Er sprach emotional darüber, wie aufregend und besonders es ist, Arthurs Karriere wiederaufleben zu sehen und ihn regelmäßig an Formel 1-Wochenenden dabei zu haben. Er betonte, dass sein Bruder „es verdient hat”, nachdem ihre Eltern alles für sie aufgegeben hatten.
Aus Brasilien stammt die berühmte Familie Fittipaldi. Wilson und seine Frau Juzy fuhren in den fünfziger Jahren in nationalen Serien. Ihre Söhne Wilson Jr. und Emerson waren 1972 die ersten Brüder, die in der Formel 1 fuhren. Emerson wurde 1972 und 1974 Weltmeister. Sein Neffe Christian Fittipaldi fuhr 40 Grands Prix in der Formel 1, bevor er in der IndyCar-Serie erfolgreich war. Emersons zwei Enkel, Pietro und Enzo, fahren ebenfalls Rennen; Enzo ist Mitglied der Ferrari Young Driver Academy.
Der kanadische Milliardär und Eigentümer von Aston Martin, Lawrence Stroll, ist ein begeisterter Autofan und Motorsportfan, aber seinen Namen und sein Vermögen verdankt er der Gründung von Premiummodemarken wie Tommy Hilfiger und Michael Kors.
Lawrences geschäftlicher Erfolg und seine Leidenschaft für den Rennsport ebneten den Weg für die Rennsportkarriere seines Sohnes Lance, der schon in jungen Jahren Kartrennen fuhr. Papa Lawrence verfolgte die Fortschritte seines Sohnes aufmerksam und sah, wie Lance sich stetig in der Motorsport-Karriereleiter nach oben arbeitete, Titel in der Formel 4 und der europäischen Formel 3 gewann und schließlich mit 18 Jahren sein Debüt bei Williams in der Formel 1 gab. In den letzten zehn Jahren ist er in fast 200 Formel 1-Rennen gestartet, die meisten davon mit dem Aston Martin-Team. Das Vater-Sohn-Duo teilt die gleiche Leidenschaft für den Sport. Lance hat bewiesen, dass er Talent und Schnelligkeit besitzt und hat gemeinsam mit Lawrence einige besondere Momente gefeiert, darunter eine Poleposition und eine Handvoll Podiumsplätze.
Und dann ist da ja noch der große Sonderfall: Mick Schumacher. Der Sohn des siebenfachen Formel 1-Weltmeisters Michael Schumacher hat seine Karriere im Kart unter dem Mädchennamen seiner Mutter begonnen: Mick Betsch. In den Nachwuchsformeln sah es dann lange Zeit so aus, als könne er dem großen Familiennamen gerecht werden. Doch sowohl in der Formel 3 als auch in der Formel 2 brauchte Schumi jr. jeweils ein Jahr zu lange, um zum Spitzenfahrer zu reifen. Da zeichnete sich schon ab, was später bei Haas in der Königsklasse offensichtlich wurde: Zum Formel 1-Star reicht es für Mick Schumacher nicht.
Trotzdem hat er sich lange an den Strohhalm einer Rückkehr geklammert und bis in den Herbst gehofft, sich über Alpine der Sportwagenlangstrecken-WM doch wieder für die Formel 1 empfehlen zu können. Als eine Tür nach der anderen vor seiner Nase zufiel, wich er auf die IndyCar-Serie aus.
Dort tritt Schumacher nun als erster Deutscher seit Christian Danner, Arnd Meier und Timo Glock an – und wunderte sich bei seinem ersten Ovaltest in Homestead, wie vielschichtig das Fahren in den schnellen Kreisverkehren, die für die Staaten so typisch sind, sei.
Der Weg an die Spitze scheint für Mick Schumacher länger als für Ella Häkkinen.