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06.11.2025

Schnitzel-Jagd


Man hätte gewarnt sein können. Auf dem Weg zur Toilette im Restaurant „Plachutta“ in Wien hängt eine Galerie mit lauter Promis, die dort schon gegessen haben. Darunter echte Stars wie Klaus Meine von den Scorpions – aber auch Franz Tost, der langjährige Teamchef von Toro Rosso, dem Team, das als Minardi-Nachfolger aufgebaut wurde, um Fahrer aus dem Red Bull-Juniorkader in der Formel 1 ankommen zu lassen, quasi als Reifeprüfung.

Der Tiroler ist ein schönes Beispiel dafür, wie Journalismus in der Formel 1 manipuliert werden soll. Die Causa Tost ist zwar schon ein paar Jahre her. Doch auch heutzutage noch wird mit Repressalien gedroht, wenn die Berichterstattung über die eine oder andere Person nicht wunschgemäß ausfällt. Tost ist der plakativste Fall. Es ist schon eine ganze Weile her, als mir ein Informant – der natürlich nie genannt wurde – genaue Papiere zeigte, in denen der damalige Red Bull-Teamchef Dietrich Mateschitz das Toro Rosso-Team zum Verkauf anbot, inklusive aller exakten relevanten Summen fürs Angebot und die Buchprüfung. Natürlich musste solch’ eine Information ein Thema der Berichterstattung sein, und natürlich geht man als Journalist dann zur Arbeit über – und holt sich auch eine Stellungnahme der Betroffenen ein. Die Anfrage an Tost löste eine verblüffende Antwort aus: „Wenn Du das schreibst, rede ich nie wieder ein Wort mit Dir.“

Die Verblüffung währte nur kurz, und die Replik konnte nur lauten: „Das würde ich sehr bedauern. Aber dann wäre das halt so.“ Ein Häuschen weiter, bei Red Bull, reagierte deren Motorsportberater Dr. Dietrich Mateschitz seinerzeit gelassen auf die Ankündigung, Tost wolle mich künftig schneiden: „Das wäre aber doch verkraftbar.“

Natürlich ist die Drohung ins Leere gelaufen, der Bericht erschienen, mit Tost habe ich seither kein Wort mehr gewechselt, obwohl ich noch einige Male auf ihn zugegangen bin – woraufhin er stets in eine andere Richtung lief.

Objektivität und Meinungsfreiheit sind in weiten Teilen des Motorsports nur dann in Ordnung, wenn der Journalist damit das eigene Narrativ transportiert. Zumindest gilt das für deutschsprachige handelnde Personen. Mit Leuten wie etwa Frank Williams, Patrick Head oder Ron Dennis, aber auch mit Christian Horner oder natürlich US-Amerikanern aus anderen Rennserien kann oder konnte man durchaus anderer Meinung sein, ohne dass daraus ein persönlich motivierter Konflikt mit Drohkulissen erwächst.

Das Schlimme ist: Die Causa Tost ist kein Einzelfall. Diese Attitüde, nur „das Richtige“ veröffentlichen zu dürfen, herrscht immer noch vor, auch in weniger populären Sparten des Motorsports. Gerade erst ist solch’ ein Verhalten ausgerechnet in den Speedway – wo die Meisten der wenigen handelnden Akteure eigentlich im Sinne des großen Ganzen zusammenhalten – geschwappt. Dort hat Deutschland überraschend die U21-Paar-WM gewonnen, mit Norick Blödorn und Mario Häusl. Das schreit natürlich nach Berichterstattung. Doch Häusl, der zum Team von Meik Lüders gehört, muss am Telefon antworten, der Teammanager Sascha Dörner hätte ihn angewiesen, keine Details über das Renngeschehen preiszugeben.

Natürlich widerspricht Dörner dem, als ihm eine entsprechende Anfrage über den ihm übergeordneten Verband vorgelegt wird – und stellt damit einen 19-jährigen Fahrer en passant als Lügner hin.

Tost hat immerhin noch zu seinem Boykott des unliebsamen Berichterstatters gestanden.

Aber macht’s das besser? Man schaue ins Buch „Unfreedom of the Press“, das ich vor Kurzem im Shop im Weißen Haus gekauft habe. Dort steht viel Lehrreiches über die Arbeitsweise von und dem Umgang mit Journalisten drin. Und über Notwendigkeit des Nachfragens und Recherchierens.

Da steht auch viel Interessantes drin, wie sich weiland die Pressefreiheit von England – heute: The Hacks of Fleet Street – ins gerade kolonialisierte Nordamerika ausgemehrt und dann dort weiterentwickelt hat. Denn in England ist die Pressearbeit noch Mal ganz anders als in Deutschland und auch in den USA – und damit ist nicht die Tabloid gemeint, sondern das reine Nachrichten- und Reportagewesen. Und entsprechend unterscheidet sich auch die Art des Umgangs und der Kultur.

Bei Tost war die investigative Recherche zum von oben gewollten Verkauf des Teams, bei dem Tost angestellt war, Stein des Anstoßes. Die Argumente des Teamchefs gegen eine Veröffentlichung waren nachvollziehbar, doch für einen pflichtbewussten Journalisten kein Hindernisgrund: Ein solcher Bericht könne Unruhe in die Belegschaft reintragen, die um ihre Jobs fürchte.

Solch' eine Verunsicherung durch richtige Personalführung zu verhindern, ist allerdings die ureigenste Aufgabe eines Inhabers oder Geschäftsführers. Also in diesem Falle die von Franz Tost. Die dann an einen Journalisten weiterzureichen, ist der typische Fall von Schuldumkehr – oder auch vom alten englischen Sprichwort: Don't shoot the messenger.

Doch meist entstehen solche Absonderlichkeiten aus eher persönlichen Motiven – und der mangelnden Fähigkeit, mit sachlicher Kritik umgehen zu können.

So war Dörner etwa Sportkommissar bei jedem Junioren-DM-Lauf in Wolfslake, der abgebrochen wurde. Dazu hatte http:/www.bahndienst.com eine ausiebige Recherche angestrengt: mit den meisten Fahrern gesprochen, auch mit den Klubverantwortlichen von Wolfslake. Nur als um die Sicht des DMSB ging – da ging Dörner tagelang nicht ans Telefon. Das wiederum wurde dann kritisch angemerkt. Darauf folgte ein erstaunlicher Brief, den externe Medienexperten aus Hamburg mit dem Tenor quittierten: Da möchte wohl jemand den Journalismus abschaffen. In der Folge herrschte weiter Funkstille, bis das Promotion Team Bahnsport vor der Paar-WM in Thorn eingeschaltet wurde, um Recherche doch wieder möglich zu machen. Das arrangierte diverse Telefonkonferenzen mit Dörner – und den Fahrern sowie dem zweiten Teammanager Mathias Bartz, die alle für den ganzen Schlamassel nichts könne.

Dieser Zeitstrahl zeichnet ein eindeutiges Bild. Und jeder kann sich selbst ausmalen, wie es zu der verfahrenen Situation gekommen ist, unter der nun die Fahrer leiden.

Es ist übrigens ein weit verbreiteter Irrglaube, mit Canceln und Boykotten die Berichte verhindern zu können. Wer sein journalistischen Handwerk versteht und gelernt hat, geht einfach andere Recherchewege – und kommt so auch zu seinen Ziel: den nötigen Informationen für eine ausgewogene Berichterstattung. Das mag zwar hin und wieder mühsamer sein und wohl auch länger dauern. Aber meistens erweitert der Journalist, der's kann, so sogar noch seinen Horizont – und mehr Spaß macht's dann gleich auch noch.

In der Formel 1 wie in vielen Bereichen des Motorsports ist kritisches Nachfragen aus der Mode gekommen. Wer sich aktuell mit der Neuwahl des FIA-Präsidenten befasst, muss schon aufpassen, mit wem er sich im Fahrerlager sehenlässt: Gehört er zum Dunstkreis eines Gegenkandidaten, kann’s passieren, dass er von gewissen an sich frei zugänglichen Terminen ausgegrenzt wird. Zu kritisch geschrieben? Dann kann auch schon Mal die Akkreditierung wackeln, also die Karte für den Zugang ins Fahrerlager entzogen werden. Und das ist für manche Kollegen die Höchststrafe – deswegen haben Verfechter von Cancel Culture, Journalistentribunalen und Boykotten oft einen Ansatzpunkt, an dem ihr Herangehen sich verhaken kann. Man muss schon Rückgrat haben, dann journalistisch weiterzuarbeiten.

Dass es anders geht, zeigen nicht nur die englischsprachigen Beispiele – sondern auch Norbert Haug. Der langjährige Mercedes-Sportchef steht eigentlich nicht in einem guten Ruf. Doch gerade er hat, als wir mal unterschiedlicher Meinung waren, gesagt: „Ich werde mich doch nicht mit einem Journalisten anlegen. Da kann ich nur als Verlierer rausgehen.“ Stattdessen konnten wir konstruktiv über die Ansichten reden und diskutieren.

So sollte die Kultur des Umgangs eigentlich sein. Aber: Haug war vor seiner Zeit beim Daimler auch lange Jahre erfolgreicher Journalist bei der Motor-Presse Stuttgart.

Dass Tost gerade im Plachutta an der Wand hängt, ist vielsagend. Das Restaurant in Wien ist zwar die Heimstätte des Tafelspitz berühmt und für sein riesiges Wiener Schnitzel bekannt – aber auch für ihren herablassenden Umgang und für fragwürdige Posten auf den Rechnungen berüchtigt. Wer das moniert, bekommt zu hören: „Das ist bei uns aber so.“

Passt doch.


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