01.11.2026
Es liest sich wie eine ganz normale Nachricht. Nasser Al-Attiyah hat die Baja Katar gewonnen – den vorletzten Lauf zum Baja-Weltpokal. Der Katari ist damit seiner Favoritenrolle in seinem Heimatemirat gerecht geworden, obwohl er sich erst wieder auf das Fahren mit einem heckgetriebenen Buggy in der Wüste gewöhnen musste. Denn Al-Attiyah startete in einem MD Optimus Evo 5 – der letzten Ausbaustufe eines Hecktrieblers von jenem Team aus der Normandie, das auch zu Zeiten des Allradbooms in der Ersten Liga noch dem Buggykonzept die Stange hält.
Doch dass die Baja in Katar überhaupt stattgefunden hat – das ist in der aktuellen politischen und auch motorsportlichen Gemengelage die Nachricht hinter der News. Schließlich stieg die Wüstenrallye unmittelbar bevor die Frage, ob am kommenden Wochenende die MotoGP in Doha antreten solle, komplett aus dem Ruder lief. Die Fahrer der Motorrad-WM haben sich beinahe einmütig dagegen erklärt, nur zwei MotoGP-Starter unterschrieben eine entsprechende Petition nicht. Doch die Ausrichter pochen auf ihrem Standpunkt, Katar sei sicher – und wer nicht fahre, riskiere sportrechtliche Konsequenzen bis hin zum Lizenzentzug. Yamaha hat daraufhin als erstes Werksteam reagiert – und die Teilnahme am Doha-Grand Prix abgesagt. Begründung: Die Konzernrichtlinien ließen es nicht zu, dass man Angestellte in ein Kriegsgebiet schickte.
Das Werksteam wird also in Bausch und Bogen vom ganzen Unternehmen aus Japan vereinnahmt, um die Teilnahme in Katar zu verhindern. Es ist das absolute Totschlagargument.
Aber ist Katar wirklich unsicher? Alle Teilnehmer, die in der vergangenen Woche bei der Baja dabei waren, beteuern einhellig, nichts von einer drohenden Gefahr durch Vergeltungsschläge aus dem Iran oder durch Huthi-Angriffe gespürt zu haben. Die Frage ist: Wieso nicht? Liegt es an Katar – oder der Gesamtsituation?
Schließlich war doch immer klar, dass die Amerikaner bis zu den Zwischenwahlen in den Staaten keine weiteren Angriffe auf den Iran reiten würden – dass es aber nach diesen Midterms sehr wohl schon gleich wieder zu neuen kriegerischen Handlungen kommen würde. Da die Baja Katar vor, der Motorrad-WM-Lauf aber nach den Zwischenwahlen in den USA stattfindet, ist die Lage für beide Motorsportveranstaltungen nicht vergleichbar.
Gleichzeitig haben die Kriegsnationen in der vergangenen Woche weiter in der Türkei verhandelt, auch wenn davon nicht allzu viel nach draußen gedrungen ist.
Doch es gibt noch einen weiteren Grund, warum man sich in Katar sicherer fühlen kann als in anderen Ländern des Nahen Ostens: Es gilt hinter vorgehaltener Hand als offenes Geheimnis, dass Katar jenes Land ist, in dem sowohl die Perser und Iraner als auch die Huthis ihre millionenprallen Konten führen. Denn Katar ist nicht nur voller Erdgas und Perlen – sondern auch einer der wichtigsten Finanzplätze der Welt. Angriffe auf das kleine Emirat erfolgen, wenn überhaupt, also nur mit chirurgischer Präzision, um Ziele wie etwa US-Basen genau zu treffen – aber keine Kollateralschäden anzurichten in einem Land, auf das man wegen der eigenen Finanzlagen und Geldströme zwingend angewiesen ist.
Trotzdem wackelt nicht nur das MotoGP-Wochenende in Katar, sondern auch der dortige Formel 1-Grand Prix steht immer noch auf tönernen Füßen. Die Entscheidung darüber soll bis spätestens dem Dienstag nach dem nächsten Grand Prix in Interlagos in Brasilien fallen. Oder genauer gesagt: An jenem 10. November muss Klarheit herrschen, ob das angedachte Alternativrennen in Imola stattfinden soll oder nicht. Denn so viel Vorlauf braucht man für Organisation und Logistik des Einspringerrennens bei Bologna.
Wegen des Sonderfalls der Kontoführung in Katar ist die Lage dort nicht zu vergleichen mit anderen Ländern im Nahen Osten. Saudi-Arabien musste deswegen die Rallye Dakar im Januar 2027 zurückgeben. Sie findet nun vom neunten bis zum 23. Januar statt: Prolog in Loulé-Faro in Portugal, danach Übersetzen über die Straße von Gibraltar nach Marokko mit folgenden Etappen kreuz und quer durch das nordafrikanische Land bis zur Zieleinfahrt in Marrakesch.
Diese Verlegung hatte sich schon seit Wochen abgezeichnet. An anderen Veranstaltungen im Nahen Osten halten die Ausrichter dagegen fest. Etwa am Finale des Baja-Weltpokals Anfang November in Dubai, dem Marathon-WM-Finale in Abu Dhabi Ende November, dem Formel 1-Grand Prix in Abu Dhabi zu Nikolaus – und auch den beiden Rundstreckenrennen in Katar für zwei- und vierrädrige Große Preise.