01.10.2026
Was man als Journalist nicht alles so geboten bekommt. Am Montag fand ein „digital round table“ von Ford statt – eine digitale Tafelrunde, also eine Videokonferenz mit Jim Baumbick, dem Präsidenten von Ford Europa, und Ford-Rennleiter Mark Rushbrook. Die Nachricht, welche die beiden vor einem großen Kreis internationaler Motorsportjournalisten verkündeten, ist eine gewaltige: Ford wird ab 2028 in die Rallye-WM zurückkehren – und 2029 ein völlig neues Rallyeauto vorstellen, dessen Erkenntnisse und Techniken auch in eine ganz neue Generation von Straßenautos einfließen werden. Denn, so sagt Baumbick, „Wir werden bis ende 2029 fünf neue Personenkraftfahrzeuge in den Markt einführen, die in Europa gebaut werden.“
Dabei bemüht er das neue Schlagwort „Rally-bred“, also aufgewachsen im Rallysport. „Das ist nicht nur ein Marketingausdruck, sondern ein Versprechen. Wir wollen das Können vom Rallysport in die Autos einbauen.“
Die digitale Tafelrunde fand bereits am Montagabend statt, doch ihr Inhalt stand unter einem Embargo: Veröffentlichen durfte man die Nachricht erst am 1. Oktober um 13:30 Uhr. Natürlich hält man sich an solch’ eine Absprache.
Die Tragweite dieser Nachricht ist nicht zu unterschätzen. Man kann sie singulär betrachten: als einen Segen für die Rallye-WM, die gerade in einer Talsohle dümpelt. Auf Druck der Hersteller hat man teure Hybridtechnik zugelassen, weil die Werke ihr ökologisches Feigenblatt brauchten, wegen Woke- und Poltical Correctness. Gleichzeitig schaffte Rechteinhaber Red Bull es nicht, die Serie so zu vermarkten, wie die Österreicher es den Herstellern versprochen hatten. Die Rallye-WM stagnierte. Bei den WM-Läufen selbst säumten weiterhin hunderttausende die Sonderprüfungen, doch darüber hinaus erregte die Serie keinerlei öffentliches Interesse. Auch, weil die beteiligten Hersteller ihrerseits nichts für eine Aktivierung und eine Öffentlichkeitsarbeit taten.
Ford verfügt in der Rallye-WM über eine 50-jährige Historie, mit teils unglaublichen Autos wie etwa dem Gruppe B-Geschoss, von dem immer noch eines in der Historischen Sammlung in einer Abteilung auf dem Kölner Werksgelände direkt am Rhein steht. Dass sich ein Hersteller mit solch’ gewaltiger Tradition nun wieder voll zum Rallyesport bekennt, stärkt der Serie immens den Rücken.
Weitet man den Blick, zeigt sich etwas noch viel Erfreulicheres: dass in Ford ein Hersteller den Wert des Motorsports an allen Fronten nutzt. Man fährt Formel 1 mit Red Bull, die Rallye Dakar und die Marathonrallye-WM, startet gerade ein Programm für die 24 Stunden von Le Mans und die Sportwagenlangstrecken-WM, nutzt die GT3-Bühne für Kundensport – und engagiert sich im amerikanischen Heimatland, von wo aus Rushbrook sich bei der digitalen Tafelrunde zu Wort meldete, auch noch in der NASCAR und im Dragstersport. Und das Auffälligste daran: Alle diese Programme bleiben bestehen; die Rallye-WM kommt obendrauf. „Jede Sparte erfüllt für Ford ihren eigenen Nutzen“, analysiert Rushbrook.
Andere Herstellervertreter erklären einem bei jedem Rennen, warum man sich für diese oder jene Serie entschieden hat und warum eine andere ausdrücklich keinen Sinn ergebe. Ford ist das einzige Werk, das alle wichtigsten Disziplinen beschickt. Damit sind die Detroiter ein Vorbild für alle anderen Hersteller. Und Ford löst Toyota als diejenige Marke ab, welche den Motorsport am konsequentesten für Werbung, aber auch für Technologietransfer und als rollendes Entwicklungsfeld nutzt.
So ergibt sich ein spannendes Bild: Ford, Toyota und Peugeot sowie deren Schwestermarke des PSA-Konzerns geben im Motorsport weiter Gas, in Genesis und Byd sowie Geely kommen erste neue Marken aus Asien dazu – und die Deutschen verharren in der Atemfülle ihrer eigenen Wokeness, Motorsport sei nicht umweltfreundlich. Wenn Deutsche Rennsport treiben, dann nur, weil externe Dritte die Teams finanzieren und Mercedes, Audi und BMW ihre Etiketten draufkleben können. Der VAG-Konzern hat selbst Porsche, einst die sportlichste Marke, aus dem Spitzensport abgezogen. Porsche soll nun „Luxus“ werden, meinen die Zuffenhäuser – und übersehen dabei, dass ein elementares Detail dagegen spricht: Luxus heißt immer auch Knappheit – aber inzwischen bevölkern so viele Porsche-Modelle die Straßen, dass von Luxus keine Rede mehr sein kann.
Der VAG-Konzern und Porsche macht alles falsch, Ford zeigt dagegen, wie man es richtig angeht. Auch, wenn man den Blick noch mehr weitet: In den letzten Jahren hat Ford einige Male den Kurs gewechselt. Zuerst sollten alle Straßenautos elektrisch werden, man nutzte Kultmodellnamen wie Mustang und Capri, um kleine und mittlere Elektro-SUV so zu nennen – was wahlweise für Schmunzeln und Entsetzen, aber nicht für Verkäufe sorgte. Dann sollte der große Abenteuergeist einziehen, mit extravaganten Offroadmodellen. Danach sollte vor allem die US-amerikanische Herkunft als Faszination auch für Europas Kunden bemüht werden. Dazu nahm man sogar in Kauf, dass man nie mehr an acht Prozent Neuzulassungen pro Jahr kommen würde – und dass die Nutzfahrzeugsparte wichtiger werde als die PKW-Abteilung. Das brachte Arbeitsplätze in Köln und den anderen europäischen Werken ins Wanken.
Jetzt erfolgt die große Kehrtwende. „Wir bauen keine Toaster auf Rädern. Das haben wir ein paar Jahre lang versucht – aber es hat nicht funktioniert. Das sind wir einfach nicht“, sagte Jim Baumbick am Montag im Videocall. „Die chinesische Marken kommen auf den Markt. Wir werden 150 Marken haben. Aber sie haben nicht die Emotionen.“
Ford orientiert sich also wieder zurück, mit der Rallye-WM und dem ganzen Motorsport im Rücken. Hin zu dem, was den Automobilbau einst ausgezeichnet hat, gerade bei Ford: Autos zu entwickeln und zu verkaufen, die auch tatsächlich dem Willen und den finanziellen Möglichkeiten der Kundschaft entsprechen. Das hat Ford mit dem Model T begonnen, die erste Ponycargeneration des Mustang steht als Paradebeispiel dafür, wie man selbst eine Nische schaffen und einen ganz neues Marktsegment aufzäumen kann.
Die Verzahnung von Rückkehr in die Rallye-WM mit neuen, sportlich angehauchten Modellen für die Straße zeigt: Ford hat als einer der ersten Hersteller verstanden, wie man die Zukunft und damit die eigene Wirtschaftlichkeit absichert – und dabei den Motorsport vielfältig nutzt. Die Formel 1 ist dabei nur eine Facette – und nicht notwendiger Weise die Speerspitze.
Man hätte die Nachricht kommen sehen können. Denn bei jedem Grand Prix gibt es sogenannte „Hotlaps“ – scharfe Runden. Gäste der Hersteller werden von Profis in Rennwagen der Marke mit auf eine fliegende Runde genommen, oft steigen sie merkwürdig grün im Antlitz und mit schlotternden Knien wieder aus. Bei Ford ist meist GT3-Fahrer Mike Rockefeller aus Neuwied Gastgeber der Hotlaps, in einem Ford Mustang. Doch beim Grand Prix von Spanien in Barcelona driftete ein Rallyeauto wüst um den Kurs – und bereitete so den Boden für die Rückkehr.