28.10.2026
Es ist das wohl am meisten vergessene Jubiläum des Jahres. 2026 ist es genau 100 Jahre her, dass auf der Avus in Berlin der erste Grand Prix von Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg stattfand. Das kommt einem in den Sinn, wenn man die unendliche Geschichte über die Absage oder das Doch-Stattfinden der beiden Nahost-Grands Prix im Herbst und Winter diesen Jahres so hört.
Jüngste Variante laut Formel 1-Fahrerlagertratsch in Mexiko-Stadt: Die FIA werde die Rennen in Katar und Abu Dhabi absagen und durch einen einzigen Grand Prix in Imola ersetzen, sobald am Sonntagabend klar sei, dass Andrea Kimi Antonelli der WM-Titel schon vorzeitig nicht mehr zu nehmen sein wird. Was nur noch eine Formsache ist: Der bubihafte Italiener braucht nur zwei WM-Punkte – egal ob George Russell oder Lewis Hamilton in Mittelamerika gewinnt.
Und auf Platz 9 wird Antonelli es in Mexiko-Stadt, beim Rennen der Gruselmasken und -partys, ja wohl irgendwie schaffen.
Neuen Schwung kriegen die Absagegerüchte dadurch, dass nicht nur die Rallye Dakar 2027 inzwischen auch hochoffiziell nicht im Nahen Osten ausgetragen wird, was ja schon seit langer Zeit klar war – sondern dass nun auch der MotoGP-Lauf in Katar wackelt. Die Fahrer der Motorrad-WM sollen sich nach dem Rennen auf Phillip Island zusammengerottet und entschieden haben, es sei in Nahost zu gefährlich – und sich deswegen nun weigern, dorthin zu reisen.
Ob die Formel 1 im Nahen Osten wirklich fahren wird, ist völlig offen. Aber es spricht Bände, dass man zwar Imola als Alternative ins Auge fasst – aber nicht etwa Deutschland. Dabei ist man doch so stolz, das „Autoland Nummer 1“ zu sein. Und nein, das Wetter in Hockenheim im Spätherbst ist kein Argument gegen ein Ausweichen ins Badische: Jahrzehntelang fand dort zur Adventszeit „Das Akademische“ statt – ein Autorennen, bei dem Journalisten, Sportchefs, Mechaniker, Ingenieure und andere Akteure aus dem Inner Circle des Motorsports aus Spaß auch Mal ein Rennen fuhren. Natürlich nicht auf professionellem Niveau, sondern nur als Jux und Dollerei. Und aus gutem Grund hieß das Rennen auch „Glühweinrennen“ oder „Glühwein-Grand Prix“. Man kann auch bei Kälte und Regen in der Kurpfalz fahren.
Doch dazu muss der Wille vorhanden sein. Aber Deutschland wird im Motorsport inzwischen nicht mehr ernstgenommen. Und das braucht einen nicht zu wundern, wenn man sich die Aussagen von Dr. Gerd Ennser anschaut – dem ADAC-Sportpräsidenten und Mitglied des Präsidiums vom Deutschen Motorsportbund DMSB. Der hat nämlich beim Saisonfinale des Deutschen Tourenwagenmasters in Hockenheim in einer Medienrunde tatsächlich gesagt: „Das wird im Augenblick mit der Formel 1 nicht gelingen, weil es zu wenig Unterstützung dafür gibt. Aus der Gesellschaft, aus der Politik, auch von unseren Partnern.“ Die Schlussfolgerung der deutschen Funktionäre fasst er deswegen zusammen: „Wir versuchen, die DTM so groß, so wichtig und so schön wie möglich zu machen.“ Und weiter: „Das muss der Anspruch des ADAC sein. Sehr, sehr langfristig eine DTM zu haben, die international bedeutsam ist. Die DTM muss wichtig bleiben und noch wichtiger werden. Sie ist unser deutsches Asset im Motorsport.“ Und schließlich: „„Alles andere müssen wir uns, seien wir realistisch, mittelfristig abschminken. Wir haben niemanden in Deutschland, der andere WM-Events bezahlen kann und will.“
Damit liefert er eine Bankrotterklärung für die Zukunft von hochklassigem Motorsport in Deutschland. Denn zwar stimmt es, dass weder die Politik noch die Industrie Geld für Prädikatsläufe auszugeben gewillt ist. Aber: Es ist die ureigenste Aufgabe des Deutschen Motorsportbundes und auch des ADAC, der sich in einigen Schachzügen die alleinige Hoheit über den deutschen Motorsport gesichert hat, genau dagegen anzukämpfen; Überzeugungsarbeit zu leisten; Argumente zu formulieren; immer neue Mittel und Wege zu suchen. Vorbilder, wie man so etwas effektiv macht, gibt es genug: in England, Australien, den USA – dort funktionieren Verbände zum Wohle des Sports.
Dass ausgerechnet die Machthaber und Verantwortlichen des deutschen Rennsports derart offen und ehrlich den Kopf in den Sand stecken, offenbar nur eines: völliges Versagen. Die Funktionäre, die den deutschen Motorsport fördern sollen, richten ihn im Mittelmaß ein. Und zwar nicht nur in Sachen Formel 1: Die Rallye-WM ist ebenso aus Deutschland geflohen wie die Sportwagenlangstreckenmeisterschaft. In der Deutschen Rallyemeisterschaft herrscht Chaos. Nur im DTM kann man es sich als Funktionär in edlen Hospitalitys gutgehen lassen und sich in der Echokammer des Elfenbeinturms selbst loben.
Das ist ein schönes Funktionärsleben. Es hilft dem deutschen Motorsport zwar nicht weiter, sondern schwächt ihn zusehends. Aber wo der Weg des geringsten Widerstand doch so bequem ist – warum sollte man sich im Dienst der Sache abplacken?
Ob sich diese Funktionäre wohl damit befasst haben, wie es 1926 gelungen ist, den Grand Prix-Sport wieder nach Deutschland zu kriegen? Oder ob sie dieses Jubiläum auch vergessen haben?