22.10.2026
Jetzt geht’s um die Macht. Und um die Frage: Wer hat im Motorsport eigentlich das Sagen – der Automobilweltverband FIA oder jene Agentur, die im Auftrag der FIM eine Rennserie vermarktet? Diese Gretchenfrage steht beim derzeitigen Geschacher um das Saisonfinale der Formel 1 im Nahen Osten über dem reinen Motorsport – und offenbar auch über dem Sicherheitsgedanken.
In zwei Fällen haben sich die Rechteinhaber bereits gegen den Weltverband durchgesetzt: Die Sportwagenlangstrecken-WM hat ihr Saisonfinale mit zwei Rennen in Katar und Bahrein schon lange nach Europa verlegt, nach Barcelona und Monza. Und die Rallye Dakar findet im Januar nun nicht ab Neujahr in Saudi-Arabien statt – sondern beginnt am 8. Januar im portugiesischen Portimão an der Algarve, ehe der Teilnehmertross der härtesten Rallye der Welt dann über die Straße von Gibraltar nach Nordafrika übersetzt und in Marokko die Mutter aller Abenteuerrallyes zu Ende fährt.
Die Langstrecken-WM wird von Automobile Club de l’tuest ausgerichtet, der auch die 24 Stunden von Le Mans veranstaltet – das größte Autorennen Europas. Und die Rallye Dakar wird von der Amaury Sports Organisation aus dem Pariser Stadtteil Issy-les-Moulineaux veranstaltet, die nicht nur die angeschlossene Marathonrallye-WM, sondern auch die Tour de France ausrichtet und die ihr Büro schräg gegenüber vom Hauptquartier des Fernsehsenders EUROSPORT hat.
Beide Fälle haben eine Gemeinsamkeit: Die Weltmeisterschaften sind aus den Leuchtturmveranstaltungen Le Mans und Dakar entsprungen und um sie herum gewachsen. Bei der Formel 1 ist das anders: Dort gibt es kein Rennen, das alle anderen Grands Prix überstrahlt. Nicht mal Monaco. Und die Wertigkeit des Promoters ist historisch anders gewachsen: Als Bernie Ecclestone die Formel 1 groß und größer gemacht hat, tat er das stets im Schulterschluss mit seinem Spezi Max Mosley – der später FIA-Präsident wurde.
Seitdem die FOM, welche die WM vermarktet, aber nicht mehr Ecclestone, sondern der US-Agentur Liberty Media gehört, und seitdem Mohammed bin Sulayem bei der FIA an der Macht ist, ringen FOM und FIA aber wieder vermehrt um die Deutungshoheit. Das geht schon bei den Debatten um eine Neuausrichtung des Motorreglements los, bei dem der 64-jährige Präsident eine andere Linie fährt als die auf die Interessen der Hersteller und ihr Greenwashing bedachte FOM. Und bei der Frage des Saisonfinals gipfelt diese Grundsatzfrage.
Bin Sulayem kommt gebürtig aus Dubai. Er ist selbst langjähriger Rallyefahrer, bestritt sowohl die regionale Meisterschaft des Nahen Ostens als auch – in privat von ihm und über einen Staatsfonds des Emirats Abu Dhabi finanzierten – Ford viele Läufe der Rallye-WM. Als Araber ist es für sein Ansehen wichtig, dass die Rennen in Nahost trotz des Iran-Krieges und der Huthirebellenangriffe auf ihre Nachbarländer stattfinden können. Deswegen beteuert er: Die Lage vor Ort präsentiere sich anders als in den Medien, die Gegend und die Rennen seien sicher.
Der Präsident weiß, dass der Motorsport in der Nahostregion viele Anhänger hat, auch welche mit zweifelhaftem Hintergrund. Schließlich war sogar der bin Laden-Clan in den Achtzigern über eine seiner Immobilienfirmen Sponsor beim Williams-Team. Darum sind Anschläge oder Angriffe direkt auf die Grands Prix höchst unwahrscheinlich. Und qua seines Amtes und vor allem seines Einflusses in der Region hat bin Sulayem auch Möglichkeiten geschaffen, Reisewarnungen einzelner Herkunftsländer vom arbeitenden Formel 1-Volk quasi zu umgehen.
Nur eine Variable kann er nicht ausschalten: dass Versicherungen sich weigern, Mensch und Material bei einer vorsätzlich gefährdenden Reise in ein Kriegsgebiet zu versichern. Deswegen muss die FOM unter aktiver Mitwisserschaft der FIA zweigleisig fahren: Auf der Rennstrecke von Imola bei Bologna werden schon seit Wochen Zusatztribünen aufgebaut. Denn wenn die beiden Nahostrennen doch noch abgesagt werden müssen, wird am Nikolaustag stattdessen ein Grand Prix in Imola stattfinden.
Für bin Sulayem ist das nicht nur wegen seines Lokalpatriotismus’ der allerletzte Ausweg. Setzt er die Rennen im Nahen Osten doch durch, hätte er auch den FOM-Leutchen gezeigt, wer wirklich an den Schalthebeln der Macht des Motorsports sitzt: er selbst – und keine Agentur aus den Staaten. Damit würde er nach der Vergabe eines Rennens nach Ruanda ab den Dreißigern auch den nächsten Schachzug für eine möglichst überzeugende Wiederwahl als FIA-Präsident tätigen, denn die Stimmen aller Länder des Nahen Ostens wären ihm auf einen Schlag sicher.
Wie überzeugt er davon ist, dass die Rennen steigen können, zeigt ein anderes Detail: In zwei Wochen endet die Einschreibefrist für die Desert Challenge in Abu Dhabi. Das ist der letzte Lauf der Marathon-WM, und nichts spricht dafür, dass sie abgesagt oder umterminiert wird. Und de Desert Challenge ist das Finale jener Serie, deren Auftakt der Rechteinhaber gerade aus dem Nahen Osten nach Nordafrika verlegt hat. Gegen den Wunsch der FIA.