03.09.2026
Manchmal reicht ein Satz, um sich selbst zu entlarven. Beim Begriff „Clipping“, sagte der oberste Formel 1-Chef Stefano Domenicali im Sommer, würden vielleicht ein paar wenige Insider an die Formel 1 denken. Doch für die Meisten seien Clips etwas, das Frauen sich in die Haare steckten.
Damit zeigt der Italiener, wes Geistes Kind er ist und was er mit der Formel 1 vorhat. Motorsport im Sinne von „Sport“ und „Racing“ ist nicht mehr wichtig. Die Königsklasse soll trivialisiert werden. Technik und Strategie – also genau die Elemente, die seit jeher neben dem reinen Fahrerkönnen die wesentlichsten Bestandteile der Formel 1 darstellen – sollen nicht mehr thematisiert werden. Stattdessen sollen oberflächliche Zuschauer die Rennen weitgehend ohne Informationen verfolgen: Bunte Autos fahren halt im Kreis, warum das eine schneller ist als das andere, wird künftig egal gemacht.
Man muss dazu einordnen, wo Domenicali herkommt und wo er jetzt arbeitet. Der Brillenträger war früher Personalchef bei Ferrari, ist dann dort zu einem der vielen Teamchefs hochgelobt worden, die nichts gerissen haben. Die Lage bei Ferrari erinnert seit dem Abgang von Jean Todt und Ross Brawn ziemlich an die bei Werder Bremen nach dem Weggang von Otto Rehhagel: Es kamen immer neue Teamchefs, doch Erfolge gab es nur sporadisch und zufällig, meist ging es drunter und drüber. Domenicali hat in dieser rehhagelesken Ära den letzten Abschwung eingeleitet. Er war einer der erfolglosesten Ferrari-Teamchefs der Historie.
Das hat ihm immerhin den Chefsessel in der Formel 1-Vermarktungsgesellschaft eingebracht. Die wiederum stammt aus den USA – und sie schneidert sich die Königsklasse nach amerikanischem Muster zurecht: Unterhaltung und Dramatik geht über alles, Hintergründe und Zusammenhänge haben das gemeine Publikum nicht zu interessieren. Hauptsache, es geht rund.
In Deutschland merkt man davon wenig, denn RTL hat schon zu Schumi-Zeiten mit Fernsehkommentaren aufgewartet, die erschreckend wenig mit den wahren Hintergründen und Geschehnissen in der Boxengasse zu tun hatten. Das kriegte aber nur mit, wer das Privileg hatte, im Fahrerlager recherchieren und mit den tatsächlichen Verantwortlichen und Entscheidungsträgern reden zu können. Also meist mit Engländern.
Im Ausland, vor allem in England und Frankreich, wurde die Formel 1 bislang mit deutlich mehr Fachwissen transportiert und verfolgt. Das soll jetzt aufhören. Dass diese Trivialisierung gerade jetzt, vor Monza, ruchbar wird, ist perfide. Denn in Monza wird sich wieder zeigen, wie sehr die neue Formel 1 sich verändert hat – durch Energierückgewinnung, Nutzung des Hybridsystems und des Superclippings, das Domenicali ins Lächerliche zieht und damit kleinreden will. Dabei ist genau diese Technik und deren Umsetzung elementar, wenn man Rennverläufe verstehen und Kräfteverhältnisse analysieren will.
Es ist erstaunlich, dass ein Funktionär die Formel 1 derart vereinfachen und entwürdigen möchte. Im Fußball etwa, der in seiner Grundlage ein Mannigfaches einfacher ist, verbreiten sich Trainer und Experten in immer länger werdenden Sätzen mit immer mehr Fachbegriffen und Fremdworten über Insiderwissen und Hintergründen. Das gestelzte Gerede macht Fußball plötzlich zu einer Wissenschaft, über den Facettenreichtum des Sports kann man sich als Laie nur wundern. In der Formel 1 soll genau das Gegenteil geschehen – um Kritik an den neuen Technikregeln im Keim zu ersticken.
Der Trend ist im Motorsport nicht neu. Das 24-Stundenrennen auf dem Nürburgring etwa ist seit knapp 10 Jahren nur noch ein Anlass für tagelange Vatertagstouren mit entsprechenden Begleiterscheinungen. Die Alkoholwolke rund um die Strecke hat das Fachwissen längst an der Rand gedrängt. In der Sportwagenlangstrecken-WM gibt es eine technische Gleichschaltung in der Ersten Liga, die dort überhaupt nicht hingehört. Die Teams und Fahrer dürfen aber unter Sportstrafandrohung nicht darüber reden. Damit wird die Le Mans-Rennserie ebenfalls trivialisiert und ihrer Seele – und damit auch ihrer wahren Faszination – beraubt.
Motorsport gehorcht nun Mal anderen Gesetzen als jeder andere Sport, mit Ausnahme vielleicht von Pferdesport. Es gehört unausweichlich dazu, das Zusammenspiel von Mensch und Maschine mit der Taktik zu erklären. Sonst zeichnet man ein falsches Bild. Und das kann eigentlich keiner wollen. Außer, es kommt in der heutigen Gesellschaft sowieso nicht mehr drauf an, was wirklich ist.