20.08.2026
In Argentiniens Hauptstadt lodert wieder ein altes Feuer. Der lange gehegte Traum von einem Formel 1-Comeback ist inzwischen ein konkretes Projekt. Das Autódromo Oscar y Juan Gálvez wird umfassend umgebaut, die MotoGP kehrt 2027 zurück, die FIA-Anforderungen für die Formel 1-Tauglichkeit der Piste fließen bereits in die Planung ein. Und mittendrin steht Franco Colapinto: Der Alpine-Fahrer hat in seiner Heimat eine Begeisterung ausgelöst, die selbst die Formel 1 überrascht. Und das, obwohl er sportlich kaum etwas leistet.
Aber Buenos Aires macht ernst. Zumindest mit dem ersten Teil des Plans. Auf dem Autódromo Oscar y Juan Gálvez, jener traditionsreichen Rennstrecke im Süden der argentinischen Hauptstadt, rollen seit Januar die Bagger. Die Anlage wird nicht einfach aufgehübscht, sondern grundlegend modernisiert. Neue Fahrbahn, neue Infrastruktur, neue Sicherheitsstandards – und inzwischen sogar ein Streckenlayout, das ausdrücklich auf die Anforderungen der Formel 1 zugeschnitten wird.
Die Stadtverwaltung spricht mittlerweile von 60 Prozent Baufortschritt. Ende 2026 sollen die Arbeiten abgeschlossen sein. 2027 kehrt zunächst die MotoGP nach Buenos Aires zurück – nach 28 Jahren Abwesenheit. Und wenn es nach den Verantwortlichen geht, soll die Formel 1 anschließend folgen.
Diesmal existiert nicht nur eine politische Absichtserklärung. Die Strecke wird tatsächlich umgebaut.
Ursprünglich war das Projekt vor allem auf die Rückkehr der MotoGP ausgerichtet. Doch Buenos Aires hat den Plan im Laufe der Arbeiten erweitert. Das Ergebnis sind zwei miteinander verwandte Streckenvarianten.
Die MotoGP-Konfiguration ist 4,3 Kilometer lang und weist 14 Kurven auf. Für die Formel 1 soll der Kurs auf 4,87 Kilometer und 15 Kurven kommen. Die entscheidende Veränderung liegt im letzten Teil der Runde: Dort wird die bisherige Haarnadel verlängert. Dadurch entsteht eine längere Anfahrt auf die Zielgerade. Die Architekten aus dem Aachener Büro von Hermann Tilke rechnen auf der langen Geraden mit Geschwindigkeiten von bis zu 340 km/h.
Ein besonders aufwendiges Element ist ein Tunnel zur Verbindung von Avenida Roca und dem Rennstreckenbereich. Die Stadt will damit nicht nur den Rennbetrieb, sondern auch die Logistik rund um eine Großveranstaltung neu organisieren. Die Kapazität der Anlage soll bei bis zu 150.000 Zuschauern liegen.
Der erste große Prüfstein kommt allerdings nicht aus der Formel 1. 2027 fährt die MotoGP in Buenos Aires. Das ist für die Formel 1-Pläne strategisch enorm wichtig. Denn damit muss die Stadt beweisen, dass sie die neue Infrastruktur tatsächlich fertigstellen und eine internationale Großveranstaltung auf dem renovierten Gelände abwickeln kann.
Wenn die Veranstaltung 2027 funktioniert, kann Buenos Aires anschließend gegenüber der Formel 1 mit etwas wesentlich Überzeugenderem auftreten als mit politischen Versprechungen: mit einer fertiggestellten Rennstrecke und einem erfolgreichen internationalen Großereignis als Referenz.
Franco Colapinto ist seit seinem Formel 1-Debüt 2024 zum Mittelpunkt einer neuen argentinischen Motorsportbegeisterung geworden. Der heute 23-Jährige fährt 2026 für Alpine und hat nach 11 Grands Prix der laufenden Saison 19 WM-Punkte gesammelt.
Die Wirkung dieses Fahrers auf den argentinischen Markt lässt sich inzwischen sogar messen. Am 26. April fährt Colapinto in Buenos Aires einen Formel 1-Wagen durch die Straßen des Stadtteils Palermo, den Ausgehbezirk par excellence in der Millionenmetropole, wo sich Kneipen, Restaurants und Tangostuben knubbeln. Es ist das erste Mal, dass ein Argentinier einen Formel 1-Wagen bei einer solchen Demonstrationsfahrt in seiner Heimatstadt bewegt. Colapinto sitzt in einem Lotus E20 von 2012, der für den Auftritt in Alpine-Farben lackiert ist.
Und dann passiert etwas, das selbst für die Formel 1 beeindruckend ist: Rund 600.000 Menschen kommen. Obwohl es sportlich nichts zu sehen gibt.
Colapinto selbst beschreibt den Auftritt als einen seiner großen Träume. Er weiß gleichzeitig um die Bedeutung für die Fans: Für viele Argentinier ist ein Besuch bei einem europäischen Grand Prix oder selbst dem in Miami eine enorme Reise. Ein Formel 1-Auto in Buenos Aires zu erleben, verändert diese Distanz zumindest für einen Tag.
Jorge Macri, der Regierungschef von Buenos Aires, sagt im August ausdrücklich, dass die Colapinto-Schau der Stadt bei ihren Formel 1-Plänen „sehr geholfen“ habe. Gleichzeitig verweist er auf die große Motorsportbegeisterung der Bevölkerung.
Die Formel 1 fährt 2026 mit 24 Veranstaltungen. Für die kommenden Jahre kommen weitere etablierte beziehungsweise zurückkehrende Standorte ins Spiel. Buenos Aires konkurriert also nicht nur gegen die technischen Anforderungen der Formel 1, sondern auch gegen andere Städte und Länder, die ebenfalls einen Grand Prix wollen. Die Formel 1-Macher haben sich längst ein Vorbild ausgeguckt: die NASCAR-Serie in den USA. Die fährt pro Jahr über 30 Rennen, ein jedes davon setzt Millionen um. Der Kalender der Formel 1 ist dagegen reinweg luftig. Daran wird ein Comeback des Argentinien-Klassikers nicht scheitern.
Zumal Zandvoort, wo gerade die Rückkehr aus der Sommerpause vor sich geht, seinen alljährlichen Grand Prix zurückgegeben hat: Zu teuer seien die Antrittsgelder, selbst für ein Land in absoluter Max-Mania.
2027 wäre zwar theoretisch möglich, ist aber kaum das wahrscheinlichste Szenario. Die Strecke soll erst Ende 2026 fertig werden, und im kommenden Jahr steht zunächst die Rückkehr der MotoGP an. Ein Formel 1-Rennen praktisch unmittelbar nach Abschluss der Bauarbeiten würde einen sehr engen Zeitplan voraussetzen.
Viel logischer erscheint ein Einstieg ab 2028. Dann hätte Buenos Aires mehrere Argumente auf seiner Seite: Die Strecke wäre fertig. Die MotoGP hätte den Veranstaltungsbetrieb bereits getestet. Die FIA-Homologation wäre abgeschlossen. Die Infrastruktur hätte sich bewährt. Und Argentinien könnte in Colapinto weiterhin einen Fahrer als Publikumsmagneten besitzen.
Gerade der letzte Punkt ist allerdings keine Selbstverständlichkeit. Colapintos aktueller Vertrag mit Alpine läuft Ende 2026 aus. Teamchef Steve Nielsen hat im Juli erklärt, dass seine Zukunft danach noch nicht endgültig geklärt sei. Flavio Briatore wiederum hat bereits angedeutet, dass Alpine eine Verlängerung prüfen wolle, sollte Colapinto seine gute Entwicklung fortsetzen.
Wobei die „gute Entwicklung“ vor allem mitgebrachte Sponsoreinnahmen sind. Sportlich stagniert der Gaucho nämlich, ist auf seinem persönlichen Zenit angekommen, der nicht Formel 1-spitzenwürdig ist.
Doch eine Zukunft von Colapinto ist für Buenos Aires essenziell. Denn ein Grand Prix 2028 mit Colapinto auf dem Feld wäre kommerziell eine völlig andere Geschichte als ein Grand Prix ohne argentinischen Fahrer. Der Mittelklassefahrer hält den Schlüssel in der Hand, ob einer der stimmungsvollsten Grands Prix wirklich in den Kalender zurückkehrt – oder ob sich auch dieses Mal die Hoffnungen und Überlegungen als Seifenblase entpuppen.
Für die Formel 1 an sich ist Colapinto keine Bereicherung. Aber der Grand Prix, den er möglich machen würde – der wäre eine.