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22.03.2023

Scheiden tut weh


Wenn man so in den Flugzeugsitz sinkt, dann wird einem erst so recht bewusst, kurz vorm Dahinschlummern: Das Super-Sebring schlaucht noch mehr als die 24 Stunden von Le Mans. Obwohl die Rennen kürzer sind.

Aber der Zeitplan bei der kombinierten Veranstaltung aus Sportwagen-Langstrecken-WM und nordamerikanischer IMSA-Serie und die Besonderheiten des Flugplatzkurses in Florida fordern den ganzen Kerl im Journalisten. Wer seinen Job ernst nimmt, der kommt in Sebring weniger zum Schlafen als in Le Mans – und auch weniger zum Mal-Durchschnaufen zwischendrin.

Das liegt allein schon an der Lage. Sebring selbst ist bestenfalls eine Kleinstadt. Es gibt ein paar Hotels, weil es an einer Seenplatte liegt. Aber weder die Hotellerie noch die Gastronomie sind imstande, den Massenandrang in so einer Rennwoche aufzunehmen.

Also weicht man zwangsläufig auf weiter entfernte Quartiere aus: Lake Wales liegt als nächstgrößerer Knotenpunkt an der I-27, die von Orlando nach Sebring runter führt, etwa 64 Kilometer von der Rennstrecke entfernt. Also eine Autostunde. Etwa gleich weit ist Okeechobee. Nur liegen auf dem Weg in die südlich von Sebring befindliche Stadt am Riesensee weniger Ampeln, man kommt also sicher um 10 Minuten schneller hin. Denn die Rotphasen in den USA sind enervierend lang.

Wer ein Hotel in Sebring gekriegt hat, wird daran auch nicht froh. Beim Prolog, also dem Vortest ein Wochenende vor dem Super-Sebring-Wochenende, kostete das Zimmer noch 100 US-Dollar – für die Renntage schnellten die Preise auf 1.000 Dollar pro Nacht hoch, und zwar schon ab Mittwoch. Also doch lieber raufzuckeln nach Lake Wales.

Die ungewöhnliche Kombination aus zwei Langstreckenrennen, jeweils flankiert von Nachttrainings, sorgt dafür, dass die Morgende früh und die Abende spät werden. Mehr als vier Stunden Schlaf pro Nacht sind nicht drin. Das allein wringt einen schon aus. Und dann noch die reine Infrastruktur: Die beiden Fahrerlager für die IMSA und die Sportwagen-WM erstrecken sich über die volle Länge des Ulmann Straight, also der längsten Geraden der Rennstrecke, benannt nach deren Gründern Alec und Mary Ulmann. Wobei die WM am Anfang und die IMSA am Ende der Geraden untergebracht ist, dazwischen zwängt sich noch die Basis für eine Rahmenrennserie mit TCR- und GT-Autos.

Das Pressezentrum steht in jenem Holzverschlag hinter den Boxen, in denen sonst eine Sammlung historischer Langstreckensportwagen untergebracht ist. Die wird fürs Rennen kurzerhand ausgelagert in den Ballsaal des streckeneigenen Hotels gegenüber der Start/Ziel-Geraden.

Der Fußmarsch vom Pressesaal zum hintersten WM-Team dauert knapp 20 Minuten. Er will pro Tag mehrfach absolviert werden. Denn ausgerechnet Neuling Ferrari steht ganz unten, mit dem Hypercar, das die Pole geholt hat und dann in eine absurde Strategieentscheidung vergewaltigt wurde. Es gibt also viel Redebedarf mit den wenig auskunftsfreudigen Ferraristi; mit anderen Teams im Fahrerlager der WM kann man deutlich besser zusammenarbeiten, aber die stehen auch ziemlich weit hinten, notabene Porsche und Toyota.

Sebring ist immer auch Sonnenbrand. Denn die gleißende Sonne knallt erbarmungslos vom Himmel. Der helle Beton, auf dem man läuft und auch die Rennen gefahren werden, reflektiert sie auch noch, der Effekt ist fast wie Schnee in einem Skigebiet in den Alpen: Selbst Faktor 50 schützt nicht, wenn man nach Auftragen der Sonnencreme zu lange draußen bleibt. Das aber kann man gar nicht vermeiden, wenn man in einer Rechercheeinheit möglichst viele WM- und IMSA-Leute in freier Wildbahn erwischen möchte.

Also: wenig Schlaf, viel Latscherei, große Hitze ohne jeglichen Schatten im offenen Gelände, Sonnenbrand, lange Arbeitszeiten – und dazu noch eine Dauerbeschallung von lauten Rennmotoren. Denn entweder fährt die IMSA oder die WM, beide mit Prototypen und GT – oder das Rahmenrennen mit TCR und GT4, die auch nur eine Nuance leiser sind. Der Klangteppich von großen, starken Motoren tönt fast ununterbrochen. Er dröhnt auch durch die Holzwände im Pressezentrum, wenn man gerade schreiben muss, sie dämmen nur wenig. Und essen tut man in einem Zelt wie bei einem Feuerwehrfest, da dringt der Lärm ungefiltert durch die Wände.

Kurz und gut: Super-Sebring ist ein Fest für jeden Sportwagenfan, denn er kriegt rund um die Uhr etwas geboten. Wer mag, kann sich den ganzen Tag Action auf der Strecke angucken. Oder, wer die Nähe zu Fahrern und Blicke auf Autos sucht, kann sich stundenlang im Fahrerlager rumtreiben. Denn entweder die IMSA- oder die WM-Teams arbeiten immer an den Wagen. Und zwar in Teamzelten statt Boxen mit Rolltoren. Und die Teamzelte stehen zur Flaniermeile nach vorn offen. Man erheischt also bei allen Rennställen stets einen Blick auf die Technik der Autos.

Selbst bei den abgehobenen Ferraristi.

Super-Sebring soll es nicht mehr geben. Die Veranstalter der WM möchten stattdessen zurück nach Austin, wo die WEC schon mal vor leeren Rängen gastierte. In Sebring bleibt das 12-Stundenrennen der IMSA. Und es ist der größere Publikumsmagnet: Am Freitag, in den letzten Stunden des WM-Rennens, kam eine Pressemitteilung der Sebring-Streckenbetreiber, wonach für den Sonnabend, zum 12-Stundenrennen der IMSA, kurzfristig eine neue Parkregelung gelte, und Eintrittskarten könne man sowieso nicht mehr an der Strecke kaufen – alles wegen des enormen Andrangs zum zweiten Lauf der IMSA-Serie.

Was nicht heißt, dass die WM die Zuschauer kaltgelassen hätte, ganz im Gegenteil: Die Anzahl der Fans im WM-Fahrerlager fiel ebenso verblüffend aus wie ihr Wissen über die Hypercars und die Unterschiede zu den GTP-Autos, vor dem Hintergrund dessen, dass es in der IMSA und im US-Sport ja gar keine Hypercarklasse gibt.

In Austin ist die WM auch schon im Tandem mit der IMSA aufgetreten. Nach dem IMSA-Rennen haben sich die Ränge fluchtartig geleert, die WM, die abends fuhr, war ein Geisterrennen – als herrsche da schon Corona.

In Sebring ist die Atmosphäre schon seit Gründung von Super-Sebring eine völlig andere.

Deswegen ist es so unsagbar schade, dass die WM-Veranstalter dieses größte Festival des Motorsports einfach so aufgeben.

Auch wenn man künftig auf der Rückreise von nur dem 12-Stundenrennen vielleicht nicht gleich an Bord in einen komatösen Schlaf fällt, sondern zumindest noch das Essen mitkriegt.


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