+++ 2024-04-20 11:38 : Blog – Wie der China-Grand Prix den Finger in die Wunde der deutschen Autohersteller legt +++ 2024-04-19 11:02 : Blog – Blödorn kriegt die Wildcard für den Speedway-Grand Prix in Landshut +++ 2024-04-19 06:32 : Podcast – neues Gewinnspiel mit VIP-Karten fürs 24-Stundenrennen Nürburgring; Vorschau Formel 1 Schanghai mit Inga Stracke & Norbert Ockenga +++
BACK

06.10.2022

Rätsel Fernost


Es sagt schon einiges, wenn Honda dermaßen offensiv die eigene Geschichte bemüht. In der Woche vorm Heim-Grand Prix in Suzuka – auf einer Bahn, die Honda gehört – nahm Max Verstappen Platz in einem Auto, das wie ein Stammbaum ist. Sein Vater Jos hat zur Jahrtausendwende jede Menge Testkilometer im RA099 abgespult.

Das jungfernweiße Auto steht heute in der Honda Collection Hall, dem offiziellen Museum der Japaner. Seine Formensprache wirkt klobig, auch der Dreiliter-V10-Motor namens MF301HD hat mit der heutigen Formel 1 keine Berührungspunkte mehr.

Aber damals, Ende 1999, galt das 605 Kilogramm leichte Auto als ein möglicher Klassenprimus für die nächste Saison. Honda wollte damit eigentlich werksseitig in die Königsklasse zurückkehren, doch das Projekt wurde kurzfristig abgeblasen – nachdem Jos Verstappen den Wagen eigentlich für gut befunden hatte.

Offizieller Grund: ein Herzinfarkt von Konstrukteur Harvey Postlethwaite bei Testfahrten im April 1999 in Barcelona, den der gutmütige und humorvolle, aber auch leicht verschrobene Engländer nicht überlebte. Honda zog sich aus Kondolenzgründen zurück, hieß es.

Tatsächlich tobte damals eine Intrige im Dallas-Stil: Auf Geheiß des Managers von Exweltmeister Jacques Villeneuve hatte eine Tabakfirma – Zigarettenwerbung war noch statthaft – das Traditionsteam Tyrrell gekauft und einen Motorlieferantenvertrag mit Honda abgeschlossen. British American Racing, BAR, wie das neue Team heißen sollte, wollte aber Werksstatus – und musste dafür in der japanischen Konzernchefetage die geplante Formel 1-Abteilung rund um den RA099 ausstechen.

Das gelang, die Bosse ließen sich von der Aussicht auf geringere Kosten locken: BAR konnte preiswerter Formel 1 machen als das eigene vollwertige Werksteam, und weniger Geld auszugeben, kommt bei Chefs immer gut an. Deswegen machte BAR das Rennen um die Honda-Unterstützung – obwohl die ersten paar Wagen von BAR schlicht nicht konkurrenzfähig waren.

Besonders brisant dabei: Postlethwaite war vor seinem Einsatz bei Honda als Technikchef bei Tyrrell engagiert gewesen.

Die Geschichte von Honda in der Formel 1 steckt voller solcher Missverständnisse. Wahrscheinlich sind sie auf die grundlegenden Unterschiede in der Mentalitäten von Japanern zu Europäern, vor allem Engländern, zurückzuführen. Als Honda Mitte der Achtziger die besten Turbomotoren baute, konnte Nigel Mansell – auf dem Bild oben mit dem heutigen Williams-Teamchef Jost Capito – trotz Überlegenheit im Williams nicht Weltmeister werden, weil das Team sich in einem internen Zweikampf aufrieb. Honda ließ sich von Williams weglotsen zu Lotus, das schlechtere Autos baute – aber Satoru Nakajima als Fahrer fürs zweite Auto akzeptierte. Frank Williams hätte diese Kröte nie geschluckt, sich nie freiwillig in seinem Fahreraufgebot schwächen lassen, um den nationalstolzen Interessen von Honda nachzukommen.

Noch heute sind die legendären Konferenzen zwischen Williams und Honda legendär: Die Japaner verstanden meist kaum Englisch, die Runden redeten aneinander vorbei und erzielten stundenlang kaum Fortschritte – aber der Sage floss in Strömen, sodass die Konferenzen irgendwann gar sehr zünftig ausfielen. Das erheiterte die englische Seite, ließ sie aber gleichzeitig frustriert zurück – weil die Briten wussten: Sie hätten viel mehr aus der Kooperation rausholen können.

Später, als Partner von McLaren, baute Honda den besten Motor und McLaren das beste Auto, es setzte eine eindrucksvolle Bilanz. Dann folgte das Missverständnis BAR, das im erneuten Rückzug und der Privatisierung des Teams in den Händen von Ross Brawn und Nick Fry führte. Das Ergebnis ist bekannt: das Sommermärchen 2009, in dem BrawnGP mit Jensen Button Weltmeister wurde.

In all' den Jahren gab es von Honda eine Konstante: Motoren unter dem Label Suzuka Special. Für die Heimbahn gaben die Asiaten stets eine Ausbaustufe frei, die deutlich mehr Leistung aufwies als die Aggregate für den Rest der Saison. Sie waren immer so konstruiert, dass sie genau ein Rennwochenende lang hielten. Früher, als noch Motorwechsel erlaubt waren, gern auch mal nur ein Qualifying lang. Aber die Leistungssteigerung für den Heim-Grand Prix ging den Japanern über alles. Nur ausfallen durfte so ein Suzuka Special auf keinen Fall, sonst hätte das für den verantwortlichen Ingenieur das jähe Ende seiner Aufstiegsschancen innerhalb der Honda-Firmengruppe bedeutet.

Jetzt knüpft Max Verstappen doch noch an die Historie an, die sein Vater Jos mit dem verunglückten Werksboliden nicht legen konnte. Er macht Honda erneut zum Weltmeister. Und die Japaner sind wieder aufgewacht. Erst zu Beginn dieses Wirtschaftsjahres gab es aus Tokio die Maxime: Bloß nichts mit Motorsport. Nicht mal Tourenwagenrennen mit den Civic Type-R durften für die Märkte aktiviert werden, Honda Deutschland musste sich sogar vom 24-Stundenrennen auf dem Nürburgring zurückziehen.

Jetzt hat Honda vorm Heimrennen verkündet: Die Kooperation mit Red Bull und Schwester Alpha Tauri, die eigentlich schon am Ausphasen ist, soll nun wieder intensiviert werden. Die Japaner springen auf jenen Zug auf, den Porsche nicht entern konnte: Sie werden die Infrastruktur von Red Bull Powertrain in Milton Keynes nutzen, um Motoren nach der neuen Generation ab 2026 zu stellen.

Auch wieder so eine Geschichte: Honda hat Red Bull exakt diese Motorfabrik in England gerade erst zu einem Spottpreis abgegeben. Nun müssen die Japaner eine Rolle rückwärts machen, ohne dabei das Gesicht zu verlieren. Das ist gerade für diese besondere Spezies Asiaten unheimlich wichtig. Der gescheiterte Porsche-Einstieg hat ihnen die Tür dazu ermöglicht, diesen Spagat ohne große Mühen hinzukriegen: Andere sehen noch unglücklicher aus als sie.


Teile diesen Beitrag

Das könnte auch interessant sein:

  • 20.04.2024

    Chinesische Trauer

    Was für ein Unterschied. Plötzlich platzt selbst die Rennstrecke in Schanghai aus allen Nähten. Am Freitag schon, als nur Trainings stattfanden, waren die Tribünen weitgehend beset…
  • 19.04.2024

    Blödorn Goes Wild Card

    Keine Überraschung bei der Vergabe der Wild Card für Speedway-Grand Prix in Landshut: Norick Blödorn ist am Freitagmorgen von der FIM als Gaststarter in Bayern Mitte Mai nominiert …
  • 18.04.2024

    Warten auf 11 Uhr

    Die Speedwaygemeinde wartet auf Freitag, den 19. April; auf 11 Uhr. Denn dann wird offiziell bekanntgegeben, wer als Gaststarter beim Großen Preis von Deutschland dabei sein darf. …
  • 04.04.2024

    Die Nachrichtenbauer

    Seit Corona hat sich die Formel 1 verändert. Vor allem ihr Umgang mit den Medien. Das merkt man gerade seit Saisonbeginn auffällig, seit scheinbar ein Skandal den anderen jagt und …
  • 03.04.2024

    WM-Finale ohne Eishans

    Die letzten beiden Rennen der Eisspeedway-WM in Heerenveen finden ohne Johann Weber statt. Der 38-Jährige aus Valley in Oberbayern musste am Mittwoch vor der Veranstaltung auf Anra…
  • 22.03.2024

    Krieg im Spielzeugland

    Manchmal bleibt nur wundern. Wie kann jemand mit einem so drolligen Namen so schnell fahren? Ollie Bearman, so heißt die neue Offenbarung der Formel 1, und sie klingt irgendwie nac…
  • 07.03.2024

    Neue Hauptbühne

    Ein bisschen Menschlichkeit kann gerade nicht schaden. Daher lohnt sich ein Blick in die Box des Haas-Teams, wenn die Fernsehkameras mal reinschwenken in die Hälfte von Kevin Magnu…
  • 29.02.2024

    Mächtig viel Theater

    So viel Trubel vor dem ersten Rennen war selten. Wer spielte im Winter die Hauptrolle in der Formel 1-Seifenoper – Lewis Hamilton oder Christian Horner, der angeblich skandalbehaft…
  • 11.02.2024

    Ein Fest für Racer

    Hallo lieber PITWALK-Freund, nach guter Tradition des Hauses erhaltet Ihr heute wieder einen ersten, exklusiven Blick auf das Inhaltsverzeichnis der neuen Ausgabe, die gerade in D…
  • 08.02.2024

    Ein exzellenter Jahrgang

    Hallo lieber PITWALK-Freund, unglaublich, wie schnell die Zeit vergeht. Wusch – schon sind die Rallye Dakar und die 24 Stunden von Daytona auch schon wieder vorbei, und die erste …
  • 06.01.2024

    Was Tolles zum Lesen

    PITWALK-Chefredakteur Norbert Ockenga schreibt nicht nur selber. Hin und wieder wird auch über ihn geschrieben. Etwa am vergangenen Freitag, anlässlich des Starts der Rallye Dakar …
  • 02.01.2024

    Die Dakar 2024 im Fernsehen

    Auch in diesem Jahr könnt Ihr die Rallye Dakar, das größte Abenteuer des Motorsports, wieder im Fernsehen verfolgen, kommentiert von PITWALK-Chef Norbert Ockenga, der Stimme der Ra…
2024 – BILD-PUNKTE LAREUS.MEDIA