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20.06.2024

Presse-Freiheit


Es ist wieder mal an der Zeit, über Journalismus zu reden. Anlass – natürlich die Fußball-EM. Glaubt man den nationalen Berichterstattern, dann ist die deutsche Nationalmannschaft derart gut, dass sie bei dieser Europameisterschaft Weltmeister werden wird. Kritik? Oder auch nur nüchterne Analyse? Fehlanzeige.

Dabei hat jeder auch ohne Fußballsachverstand schon am ersten Vorrundenspieltag sehen können: Es gibt andere Mannschaften, die deutlich flüssiger, schneller und durchdachter spielen. Aber das ist kein Thema, es könnte ja die Sommermärchenstimmung trüben. „Never let facts get in the way of a good story“, sagen Engländer dazu, ein ehemaliger Vorgesetzter aus Österreich prägte für vergleichbare Fälle im Motorsport den Ausdruck, die Berichterstattung sei „von Fachwissen weitgehend unbelastet“.

Stattdessen verbreiten sich Journalisten absätzelang darüber, dass sie im Pressezentrum für ihre Snacks und Getränke zahlen sollen.

Kein allein auf die Fußball-EM beschränktes Phänomen. Beim 24-Stundenrennen auf dem Nürburgring mokierte sich doch tatsächlich ein Kollege, dass alle Speisen in der Mampfecke nur aus Schweinefleisch bestünden. Und bei der Fernsehübertragung des 24-Stundenrennens von Le Mans konnte man leicht den Eindruck gewinnen, dass außer Boxengassenreporterin Eve Scheer keiner wusste, was bei dem französischen Marathon tatsächlich passiert.

Und in der Formel 1? Da huldigen tatsächlich die meisten Berichterstatter immer noch dem Glauben, dass Sebastian Vettel und – wahlweise auch oder – Mick Schumacher zurückkommen. Nur dann werde die Formel 1 für den deutschen Medienmarkt wieder relevant.

Schumacher fuhr in Le Mans, aber selbst da ließ man die Fakten nicht in den Weg einer guten Geschichte treten. Denn der Weltmeistersohn war schnellster Fahrer innerhalb des Aufgebots der französischen Mannschaft Alpine. Dass die einstige Traditionsmarke sich mit BMW um die goldene Zitrone des schlechtesten Werksteams balgte, ist die eine Seite der Medaille. Die andere lautet: Die Kollegen an der Seite von Mick Schumacher sind allesamt schon so alt oder so unerfahren oder so langsam, dass es für Schumi jr. kein Qualitätsnachweis ist, Schnellster in diesem Rudel zu sein. Zumindest keiner, der unmittelbar auf eine Formel 1-Tauglichkeit hindeutet.

Man muss der Wahrheit ins Auge blicken. Natürlich wäre es klasse, wenn der Sohn der Ferrari-Legende aus Kerpen an die Erfolge des Herrn Papa anknüpfen könnte – und damit in Deutschland wieder eine ähnliche Leidenschaft für den Grand Prix-Sport entfachen würde. Aber er ist dafür einfach nicht talentiert genug. Das Können reicht nicht – und das ist keine Schande. Mick Schumacher geht es wie sehr vielen guten Nachwuchsfahrern: Irgendwann kommen sie an ihre persönlichen Grenzen, und die liegen in den allermeisten Fällen unter denjenigen von Max Verstappen, Lewis Hamilton und Konsorten. Das erkennen Fachleute meist spätestens in der ersten Formel 1-Saison, oft sogar schon in der Formel 3 oder der Formel 2. Bei Schumacher wurde es erst in der Königsklasse offenbar, was zeigt: Er ist sehr, sehr gut – aber eben nicht so überragend, wie man als Grand Prix-Fahrer sein muss.

Dass Kevin Magnussen, Lance Stroll oder Logan Sargeant auch nicht besser sind, sondern sogar eher schlechter – geschenkt. In der Formel 1 muss man sich mit den Besten messen (lassen), nicht an den Schlechtesten.

Und Vettel? Hat er wirklich geglaubt, eine Chance auf ein Comeback zu haben? Bei Mercedes gar, als Hamilton-Ersatz? Kaum vorstellbar, denn er ist ja nicht auf den Kopf gefallen. Trotzdem spukte er wochenlang durchs Internet, als stehe seine Rückkehr unmittelbar bevor. Dabei hatte er schon bei Ferrari unfreiwillig demonstriert, dass auch er nicht mehr zur Spitze der Formel 1 gehört. Das haben die Entscheidungsträger in den Teams, mit denen er jetzt wieder in Verbindung gebracht wurde, auch genau gesehen.

Sollte sich nun doch ein Teamchef für Vettel oder Schumacher entscheiden, dann nur aus Marketinggründen: um mit dem großen Namen bei potenziellen Sponsoren oder Vorständen des Autoherstellers vorstellig werden zu können und so mehr Geld zu verlangen. Das wäre legitim und beileibe nicht das erste Mal, aber aus rein sportlichen Gesichtspunkten holt sich keiner einen Schumacher oder Vettel.

Was spricht dagegen, das bei der Berichterstattung objektiv und faktenbasiert zu würdigen? Das alte Jesus-Zitat aus der Bibel etwa? „Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland und in seinem Hause.“

Was aber hat der Journalist davon, wenn sich seine Leser, Zuhörer und -schauer hinterher wundern, dass 2025 kein weiterer Deutscher fährt? Oder dass die Nationalmannschaft aus scheinbar heiterem Himmel im Viertelfinale ausscheidet?


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