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07.06.2024

Montréal is' klasse


Der Name hat auch mehr als 40 Jahre danach etwas Mythisches: Gilles Villeneuve. Nach dem Kanadier ist die Rennstrecke auf der Insel im Delta des St. Lorenz-Stroms benannt, auf dem an diesem Wochenende der Große Preis von Kanada ausgetragen wird.

Villeneuve ist 1982 im Training vorm Grand Prix von Belgien in Zolder, unweit von Aachen, aus seinem Ferrari geschleudert worden, nachdem er auf den langsam vor ihm zuckelnden Jochen Mass aufgefahren war. Schon bei der Landung auf dem belgischen Asphalt, noch in seinem Sitz verrenkt, starb er.

Der große Held und Charismatiker der Achtziger war plötzlich tot.

Wie groß die Lücke ist, die Leute vom Schlage eines Villeneuve hinterlassen, merkt man immer erst hinterher. Als sein Sohn Jacques, im Schicksalsjahr noch zu klein für aktive Erinnerungen an seinen Vater, in der IndyCar und später in der Formel 1 aufkreuzte, schlug über ihm vonseiten der älteren Journalisten eine Woge der Begeisterung zusammen. Der Filius sorgte denn auch prompt mit vergleichbarem Auftreten wie einst sein älterer Herr dafür, dass das Erbe hochgehalten wurde: loses Mundwerk und atemberaubende Fahrzeugbeherrschung. Wo andere Fahrer im Grenzbereich längst abgeflogen wären, konnten sowohl Vater als auch Sohnemann Villeneuve ihre Autos wieder zurück unter Kontrolle bändigen. Dass es in beiden Epochen Andere gab, die in Sachen reiner Grundschnelligkeit überlegen waren – geschenkt. Das Spektakel, das Vater und später Sohn im Fahrerlager und auf der Strecke verbreiteten, war mehr wert als nüchterner Speed wie zu Sohnes Zeiten etwa von Michael Schumacher vorgetragen.

Papa Villeneuve war der Prototyp der Wilden Achtziger, bevor die zur Dekade der Dekadenz wurden: Wer es sich mit ihm verscherzte, hatte nie wieder etwas zu lachen und wurde mit gnadenloser Verachtung gestraft. Der Sohn stach in der zweiten Hälfte der Neunziger als der Antityp der damals in der Formel 1 Gefragten heraus: nicht so geschliffen und bis zur Langeweile glattgebügelt wie Schumi, Mika Häkkinen und Co. Als Bad Boy war er einer der Wenigen, die sich etwas getraut haben – und die Michael Schumacher deswegen auch besiegen konnten, selbst wenn Schumacher der bessere Rennfahrer war.

Wer heute an Gilles Villeneuve denkt, kriegt immer zwei Bilder ins Kopfkino vorgespult: wie er im Ferrari auf drei Reifen und einer Felge im Affenzahn um die Strecke rast, um zur Box zu kommen, und wie er mit abgeknicktem und nach oben aufgestellten Frontflügel, der ihm direkt vor dem Helm baumelt, scheinbar völlig unbeeindruckt weiterfährt.

All’ das stammt aus einer Ära, als es noch keine Funkverbindung zwischen Fahrer und Kommandostand mit Ingenieuren und Teamchef an der Box gab. Die Piloten mussten selbst einschätzen, wie schnell sie risikoarm fahren konnten, um etwa auch nach so einem Boxenstopp noch ohne Aufhängungsschaden weitermachen zu können. Villeneuve sr. überspannte in solchen Lagen zwar oft den Bogen, doch Einlagen wie diese haben ihn unsterblich gemacht.

Als der Sohn fuhr, wurde er schon von den Ingenieuren über den Äther ferngeleitet, die im Zweifel genau kommandieren, wie schnell er wo fahren möge, um auch mit Plattem heil zur Box zu kommen. Doch auch der Junior war gut für das eine oder andere Bonmot. So schwärmte er etwa nach einem Riesenunfall mit Totalschaden in der Eau Rouge von Spa – wo 1985 Stefan Bellof tödlich verunglückt war – davon, was das für ein „great accident“ gewesen sei: ein toller Unfall.

Heutzutage würde jede Pressesprecherin eines Formel 1-Teams bei solchen Aussagen ihrer Fahrer umgehend in Ohnmacht fallen und jeden Journalisten anweisen, die Worte bitte tunlichst überhört zu haben.

Wenn man heute auf die Insel Nôtre Dame im St. Lorenz-Strom kommt, ist das immer auch wie eine Zeitreise in eine glorreichere Epoche der Formel 1. Wegen des geschwungenen Namenszuges von Papa Gilles unterm Zielstrich, aber auch wegen der Präsenz von Sohn Jacques im Fahrerlager. Der ist zwar auch andernorts oft dabei, aber gerade in seiner Heimatstadt in Quebec natürlich besonders gefragt. Und er gibt auch heutzutage noch zu alles und jedem in der Königsklasse seinen Senf dazu. Und zwar im Gegensatz zu den oft komischen und vergangenheitsverleugnenden Aussagen von Ralf Schumacher, der neuerdings in fast allen deutschen Medien mit seiner Meinung auftaucht, mit kontroversen, aber durchaus fundierten Ansichten.

Jacques Villeneuve unterhält in der Innenstadt von Montréal ein eigenes Restaurant, das „Newtown“, getauft nach der englischen Übersetzung seines französischen Nachnamens. Man muss an jedem Formel 1-Wochenende mindestens ein Mal da gewesen sein. Denn in diesem Riesenladen verdichtet sich die ganze Formel 1-Party- und Rennatmosphäre in vier Wänden, bei Köstlichkeiten.

Hach, Montréal ist klasse.


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