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04.05.2023

Miami Preis


Es ist Mittwochnachmittag vorm Grand Prix in Miami, und Lewis Hamilton gibt sich die Ehre. Auf einem öffentlichen Basketballplatz unter einer Brücke über jenes Haff, das die Innenstadt von der Küstenstraße in Miami Beach – mit dem berühmten South Beach – trennt, tänzelt der Mercedes-Fahrer unterm Korb. „Shooting hoops“, so heißen die Korbleger im Fachjargon der NBA, und Hamilton sieht ein bisschen aus wie eine magere Version von Kobe Bryant, dem legendären Spieler der L.A. Lakers, den sie „Die Schwarze Mamba“ nannten.

Hamilton passt in das typisch US-amerikanische Ambiente wie kein zweiter Formel 1-Pilot. Doch nicht nur er fühlt sich in Miami wie zuhause: Bei der erst zweiten Auflage des Grand Prix im Süden Floridas gilt das Stadtrennen schon als neuer Klassiker der Szene. Wegen des Ambiente, wegen der hohen Promidichte, wegen der ganz besonderen Atmosphäre in der ebenso farbenfrohen wie fröhlichen Stadt mit ihrem karibischen Flair auf amerikanischem Fundament.

Die Formel 1 tut so, als hätte sie den Grand Prix von Miami erfunden. Tatsächlich aber hat der Motorsport in zweitgrößten Stadt Floridas eine lange Geschichte. Länger gar als jene der Formel 1-WM selbst.

Die größte Berühmtheit erlangte der Rennsport in Miami in jener Zeit, in der IMSA-Serie im Maurice-A.-Ferré-Park gastierte. Die Lang- und Mittelstreckenserie für Sportprototypen und GT-Fahrzeuge, quasi das nordamerikanische Pendant zur Sportwagen-WM (WEC), startete 1983 zum ersten Mal auf einem 2,98 Kilometer kurzen Stadtkurs im ehemaligen Hafengelände von Miami und dem Biscayne Boulevard, der als U.S. Highway 1 runter in die Everglades und auf die Florida Keys führt. Das Gelände ist zu eine Park ausgebaut und seither mehrfach umgebaut und -getauft wurden. Als die Sportwagen dort fuhren, hieß die Anlage noch Bicentennial Park. Das erste Rennen war ein Fiasko: Ein Tropenrennen erzwang einen Abbruch nach einem Sechstel der Distanz. Der Veranstalter zahlte dennoch auf freiwilliger Basis das volle Preisgeld aus – und handelte sich so einen Verlust von 1,3 Millionen Dollar ein.

Doch Rafael Sanchez konnte sich das leisten. Der auf Kuba Geborene, der als Zehnjähriger auf Geheiß seiner Schule nach der Kubanischen Revolution Flugblätter für die Opposition gegen Fidel Castro verteilen musste, wurde von seinen Eltern zu Onkel und Tante nach Florida ausgeflogen. Castro und seine Schergen hatten damit begonnen, die Kinder der Konterrevolution gnadenlos zu verfolgen und in Haft zu stecken. Als 13-Jähriger landete er in Miami, zunächst bei seinen Verwandten, später in einem Waisenhaus, und machte danach als Land- und Immobilienprojektentwickler schnell ein Vermögen.

Nebenbei verdingt er sich schon früh als Rennsportveranstalter. Den Verlust vom ersten Sportwagen-Grand Prix schüttelt er quasi aus dem Ärmel, in den Jahren danach gehen Bilder von Sportprototypen wie Porsche 962C, Nissan GTP, Jaguar XJR-5 und -10 auf dem pittoresken Stadtkurs um die Welt, das Rennen ist bis 1993 ein Event mit Feelgood-Faktor. Auch wenn die Politiker und Einwohner sich von Anfang an dagegen gewehrt haben.

Sanchez wird schließlich die Ovalrennstrecke von Homesteadt, südlich von Miami in Richtung der Everglades gelegen, aufbauen – eine neue Heimat für die IMSA, aber auch für die IndyCar, das nordamerikanische Pendant zur Formel 1.

Damit schließt sich ein Kreis. Denn die erste Rennstrecke in Miami ist nicht der Stadtkurs für die Goldene Ära des Sportwagensports – sondern ein gewaltiges Oval. Carl Fisher, der das Oval von Indianapolis gebaut hat, ließ in Fulford, dem heutigen North Miami Beach, ein Oval auf Holzplanken bauen – mit Steilkurven, die 50 Grad überhöht waren. Man musste mindestens 180 km/h fahren, um auf dem glatten Holz nicht einfach runterzurutschen.

Fisher wollte mit der Auto- und Rennsportszene einem Trend folgen, den die normalen Amerikaner damals schon pflegten – wie heute noch: Im Winter migrieren sie wie Zugvögel aus den kalten Nordstaaten in den Süden, nach Florida oder Texas, um die kalte Jahreszeit in milder Witterung zu überdauern. Die Autoindustrie sollte in Fulford testen und rennen können, wenn das in Indy – vier Autostunden südlich von Chicago – wegen des Winterwetters nicht möglich ist. Doch nach nur einem Rennen legt der Great Miami Hurricane die Anlage 1926 in Trümmern.

Die Saat des Motorsports in der Region aber ist gesät. Sie findet mit den IMSA-Klassikern ihre Fortsetzung, von 1985 steigt vier Jahre lang zusätzlich das Saisonfinale der C.A.R.T.-Serie – so hießen damals die IndyCars – im Tamiami Park statt.

Die Formel 1 hat sich also mit dem neuen Grand Prix quasi in ein gemachtes Nest gesetzt. Miami ist kein neuer Markt wie etwa die Großen Preise von Bahrein, den anderen Nahostorten oder Singapur – sondern das Aufsetzen auf eine große Motorsporttradition wie etwa in Japan oder Australien. So ist es denn kein Wunder, dass Miami von Anfang an zu einem Highlight im Kalender avanciert ist.


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