+++ 16.07.2019 15:25 : Neuer PITCAST online – die letzte Etappe der Rallye Seidenstraße +++ 15.07.2019 16:46 : Neue Fotogalerie online – Action aus der Wüste Gobi +++ 15.07.2019 12:31 : Neuer PITCAST online – Gespräch mit PITWALK-Formel 1-Reporterin Inga Stracke über den Großen Preis von England, aktuelles Update und Interview mit Speedbrain-Chef Wolfgang Fischer von der Rallye Seidenstraße +++
BACK

11.07.2019

Geheimwissenschaft


Wer die Disqualifikation des Manthey-Porsche nach dem 24 Stunden-Rennen auf dem Nürburgring verstehen möchte, der muss sich zunächst mit der Balance of Performance als Gesamtkunstwerk befassen. Denn die BoP ist für die Grüne Hölle deutlich vielschichtiger als bei anderen GT3-Rennen, etwa den europäischen Sprint- und Langstreckenrennen, wozu dann auch bald das 24 Stunden-Rennen von Spa zählen wird.

Warum? Weil die Nordschleife länger, schneller und unebener ist als normale Rennstrecken. Und weil es in der Eifel einen Reifenkrieg gibt, während alle anderen GT3-Rennserien auf Einheitsreifen unterwegs sind.

Die BoP-Stellschrauben für den Nürburgring bestehen deswegen nicht nur aus den üblichen Faktoren wie Durchmesser der Luftmengenbegrenzer vorm Motor, Tankinhalt, Fahrzeuggewicht oder Ladedruck – auch mal in einer Relationstabelle, abhängig zur jeweiligen Drehzahl. Die gelten am Ring auch alle.

Aber dazu kommen noch eine Menge weiterer Elemente. Die BoP-Tabelle für den Nürburgring wird gebildet aus

  • Mindesgewicht
  • Maximaler Tankinhalt
  • Maximale Kraftstofffüllmenge – dafür wird der Tank mit Verdrängerkugeln gefüllt, bis das Volumen und die Füllmenge gleich ausfallen
  • Restriktordurchmesser
  • Motorleistung, gemessen auf einem Prüfstand
  • Motorleistung, gemessen auf einem Rollenprüfstand
  • Zulässiger Höchstladedruck, natürlich nur für Turbos wie den BMW M6
  • Heckflügeleinstellung
  • Rake, also der Anstellwinkel der Bodenfreiheit von Front- zu Heckpartie

Bei manchen Stellschrauben, nämlichn den aerodynamischen, unterscheidet man am Ring zudem noch zwischen Konfigurationen für verschiedene Reifenausrüster.

Am Beispiel des in der Causa Manthey unter Beschuss geratenen Porsche 911 GT3 R der zweiten Generation galten folgende Werte:

  • Gewicht: 1.325 Kilogramm
  • Tankinhalt: 11 Liter
  • Kraftstofffüllmenge: 110 Liter
  • Restriktoren: zwei Stück mit je 34,6 mm Durchmesser
  • Leistung (Prüfstand): 475 PS
  • Leistung (Rolle): 494 PS
  • Ladedruck: entfällt, da Saugmotor
  • Heckflügel: für Michelin (wie Manthey) 3,5 Grad, für Falken (nur Schnabl) 4,5 Grad
  • Rake: für Michelin 0,35 Grad, für Falken 0,4 Grad.

Zum Vergleich hier mal die Daten der beiden Hauptgegner:

Mercedes-AMG, in der Anfangsphase bis zu einem Unfall mit der Supra von Uwe Kleen in den Händen von Maro Engel, Manuel Mezger, Dirk Müller und Adam Christodoulou klar führend:

  • 1.355 kg
  • 121 l
  • 118 l
  • 2 x 33,5 mm
  • 496 PS
  • 516 PS
  • 2,0°
  • 0,77°

Audi R8, mit dem Phoenix-Team und gefahren von Frank Stippler, Pierre Kaffer, Frédéric Vervisch und Dries Vanthoor siegreich – selbst wenn der Manthey-Porsche nicht disqualifiziert worden wäre:

  • 1.310 kg
  • 115 l
  • 112 l
  • 2 x 38,0 mm
  • 468 PS
  • 487 PS
  • 6,5°
  • 0,43°

Die ganze Einstufung ist quasi wie eine Sachaufgabe im Matheunterricht. Man muss das Leistungsgewicht auf ein ähnliches Level bringen, dabei aber auch die Abtriebswerte und – Nürburgring-spezifisch – das Potenzial der Reifen mit ins Kalkül ziehen. Erschwerend kommt hinzu, dass Vertreter des DMSB die GT3 für zu schnell für die Nordschleife erachten, also zu Jahresbeginn mit einer pauschalen Leistungsreduzierung von fünf Prozent reingegrätscht sind. Denn nur auf der Nordschleife gelten festgeschriebene Höchstleistungen, aus Sicherheitsgründen, nicht einfach nur Restriktor- oder Ladedruckgrenzen.

Und man darf nicht vergessen: Am Samstagmorgen vorm dem Rennen mussten die Porsche 20, die Mercedes 10 Kilogramm zuladen, als Redaktion auf das Ergebnis aus dem Einzelzeitfahren. Das allerdings war schon verwässert. Denn dort fuhren nur die Mercedes mit allen Betriebsstoffen ausschließlich für zwei fliegende Runden: Benzin, Öl, Kühlwasser, Bremsbeläge etc. Netto mussten die Porsche, die das Meiste schon für den Renntrimm befüllt und hergerichtet hatten, deswegen nur etwa sechs bis acht Kilogramm zuladen. Die Differenz? Wie ein Tara beim Schlachter – nur dieses Mal gebildet nicht aus der Verpackung, sondern aus den Betriebsmitteln, die man unnötig mitschleppte.

Das machte übrigens nicht nur Porsche so, sondern auch BMW. Aber die Münchener hatten sowieso verwachst. Denn beim vorigen Qualirennen hatte das Team von Henry Walkenhorst mit neuen Yokohama-Reifen aus der Super-GT eine dermaßen überlegene Vorstellung hingelegt, dass alle M6 GT3 vor Beginn des Marathonwochenendes ordentlich einen von der BoP eingeschenkt bekommen hatten. Zum großen Verdruss der Chefetage, die Walkenhorst in einer internen Besprechung äußerst rüde attackierte, warum die Osnabrücker nicht versucht hätten, ihr Potenzial zu verschleiern – so hätten sie der ganzen Marke geschadet. Ein Teil der Einstufung wurde fürs Rennen zwar zurückgedreht. Aber da war das Kind schon im Brunnen, die Startplätze so schlecht, dass drei Top-BMW sich mit dem Mute der Verzweiflung in Unfälle verstrickten.

Wie schief der Haussegen bei BMW nach dem neuerlich verkorksten Auftritt hing, beweist die Tatsache, dass alle Schnitzer-Piloten – Augusto Farfus, Martin Tomczyk, Timo Scheider und Sheldon van der Linde – noch am Samstagabend völlig desillusioniert abreisten. Und dass sich seither alle vor den Konsequenzen von Technikvorstand Klaus Fröhlich fürchten, der das Rennen über weite Teile mit kundigem Blick im Schwalbenschwanz oder von den Boxen und dem Fahrerlager aus verfolgt hat.

Manthey dagegen hat mit dem offenen Umgang mit dem Lapsus und der Disqualifikation – auch und nicht zuletzt in unserer PITCAST-Episode mit Geschäftsführer Nicki Raeder unter The Big One – selbst den Druck vom Kessel genommen.


Teile diesen Beitrag

Das könnte auch interessant sein:

  • 12.07.2019

    Die Formel 1 trägt schon wieder Trauer

    Silverstone ist eigentlich immer einer der wenigen in Europa ausgetragenen Großen Preise, auf die man sich regelrecht freuen kann – wegen der Einzigartigkeit von umgebender Landsch…
  • 11.07.2019

    Geheimwissenschaft

    Wer die Disqualifikation des Manthey-Porsche nach dem 24 Stunden-Rennen auf dem Nürburgring verstehen möchte, der muss sich zunächst mit der Balance of Performance als Gesamtkunstw…
  • 26.06.2019

    Stimmung in der Steiermark

    Allein schon der Tunnel. Wenn man normaler Weise unter einer Rennstrecke hindurch muss, um etwa von den Parkplätzen in den Innenbereich zu gelangen, bieten die Unterführungen stets…
  • 20.06.2019

    Vettel-Gate unter der Lupe

    Mächtig viel Palaver. Die Strafe gegen Sebastian Vettel beim vorigen Rennen in Montréal ist auch in Le Castellet immer noch das Topgesprächsthema. Nicht zuletzt deswegen, weil Ferr…
  • 14.06.2019

    Na also

    Die Zukunft ist klar. Ab September 2020 wird die Sportwagen-WM und damit auch das 24 Stunden-Rennen von Le Mans 2021 in der Ersten Liga mit Hypercars beschickt. Am Freitagmorgen be…
  • 13.06.2019

    Vetter-Bericht

    Die Corvette C7.R ist das mit Abstand älteste Auto im Feld der GTE-Pro-Wertung. Und die gelben Muscle Cars gehen in ihr letztes Le Mans – ab 2020 kommt die neue Mittelmotorvariante…
  • 13.06.2019

    Neues aus Hypercarhausen

    Freitag kommt alles raus. Dann werden der Le Mans veranstaltende ACO und der Weltverband FIA das neue Reglement für die Zukunft der Sportwagen-WM ab der übernächsten Supersaison vo…
  • 13.06.2019

    Toyota muss neues Auto bauen

    Sonderschichten bei Toyota: Am heutigen Donnerstag muss TMG einen neuen TS050 aufbauen. Der Wagen von Mike Conway, Kamui Kobayashi und José Mariá Lopez ist im gestrigen ersten Qual…
  • 12.06.2019

    Wo sind die Pferde?

    Dieser Motor ist Stein des Anstoßes bei den Privaten innerhalb der LMP1-Erstligisten: der Gibson-V8, mit dem seit Spa auch das Team von Dr. Colin Kolles unterwegs ist. In der noch …
  • 12.06.2019

    Und was macht das Wetter?

    Mühsam rumpelt sich der Flieger durch heftige Turbulenzen westwärts, in Richtung Paris. Mitten durch die Wolken. Normaler Weise würde der Kapitän jetzt hochziehen oder ein bisschen…
  • 11.06.2019

    Das langsame Erwachen

    Lange Zeit sah es so aus, als schaue die Zukunft des LMP1-Sports bei den 24 Stunden von Le Mans und in der Sportwagen-WM so aus wie dieses Auto hier. Doch seit vergangener Woche ha…
  • 10.06.2019

    Der Preis ist heiß

    Rechtzeitig vor Pfingsten sind die Preise für das aktuelle Gewinnspiel in der neuen Ausgabe der Zeitschrift PITWALK in der Redaktion eingetroffen. Seht Ihr? Das da oben sind jene E…
2019 – BILD-PUNKTE LAREUS.MEDIA