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24.08.2018

Die Verlierer eines Sommers


Endlich mal eine Sommerpause, die ihren Namen verdient. Eine Teampleite, ein Rücktritt, ein überraschender Teamwechsel – da konnte sich die Formel 1 in den Ferien ja mal richtig erholen.

Das größte Erdbeben hat der Rücktritt von Fernando Alonso ausgelöst. Der Spanier hat von der tristen Perspektivlosigkeit bei McLaren die Nase voll. Statt sich auf weitere zwei Jahre Aufbauarbeit mit bestenfalls zweifelhaftem Ausgang einzulassen, geht er lieber da hin, wo er sich beweisen und wieder Freude am Fahren haben kann: Zuerst gewinnt er diese Saison die Sportwagen-WM mit Toyota, im kommenden Jahr wird er dann die US-amerikanische IndyCar-Serie aufmischen. Es gibt keinen Zweifel, dass Alonso auch in den Staaten sofort vorn dabei sein wird – auch wenn dort ganz anders gefahren und gearbeitet werden muss als in der Formel 1.
Ich habe gerade eine große Geschichte mit Alonso für die nächste Ausgabe unserer Zeitschrift PITWALK produziert, in der er unter anderem sagt: Erst jetzt sei die Zeit reif und er bereit für die Ausweitung seiner Aktivitäten auch über die Formel 1 hinaus. Da ich Alonso schon seit seiner Formel 3000-Zeit und seinen ersten Schritten in der Formel 1 – mit Minardi – kenne, kann ich nur sagen: stimmt.

Die Zeit hat Alonso gezeichnet, aber auch reifen lassen. Aus dem eindimensionalen, ruchlosen, ehrgeizigen Manipulator ist ein lockerer Routinier geworden; fast könnte man meinen, im Fahrerlager der Sportwagen-WM begegnet man dem älteren Bruder des Formel 1-Fieslings.

Das wahre Faszinationspotenzial für Fans entfaltet Alonso erst jetzt, wo seine menschliche Seite zu den sportlichen Leistungen passt. Dass er immer noch der beste Formel 1-Pilot ist – daran zweifelt keiner, der Einblick hinter die Kulissen der Königsklasse hat. Aber McLaren steht vor einer dermaßenen Trümmerlandschaft, dass es keinen Sinn ergibt, dort noch Luftschlösser zu bauen – wenn man anderswo seinen Traum erfüllen kann, sich in Indy und Le Mans zu einem der größten Allroundfahrer der Geschichte zu küren.

Wie groß die Begeisterung für Alonso trotz seiner jahrelangen Formel 1-Flaute immer noch ist, zeigt schon die Resonanz auf das Gewinnspiel in unserer aktuellen Ausgabe von PITWALK. Da kann man ein Original-Luftleitblech von jenem Toyota TS050 gewinnen, mit dem Alonso an der Seite von Sébastien Buemi und Kazuki Nakajima die 24 Stunden von Le Mans gewonnen – mit Originalautogrammen aller 3 auf dem Flap. Wir hatten bislang noch kein Gewinnspiel mit so vielen Teilnehmern wie dieses Mal – und die Frist bis zum Einsendeschluss ist noch lange nicht um.

Alonso ist der große Gewinner der Sommerpause. McLaren dagegen bleibt nur der Blick in die Röhre. Zwar hätte man in Lando Norris ein junges Toptalent in den eigenen Förderkaderreihen, das bei den 24 Stunden von Datyona im selben Auto – einem Ligier LMP2 aus dem privaten Rennstall von McLaren-Teamchef Zak Brown – sogar schneller war als Alonso. Doch statt den Hänfling aus Bristol holt McLaren Carlos Sainz jr., den Sohn des zweifachen Rallye-Weltmeisters und Dakar-Siegers aus Madrid. Doch „Carlito“ ist längst nicht so gut, wie es sein Ruf wegen Papas großen Namens vermuten lässt. Er wird zum Umbruch bei McLaren nichts beitragen können. Vor 50 Jahren gab es in Spa den ersten Sieg, der gerade an diesem Wochenende groß gefeiert wird; der nächste wird noch lange auf sich warten lassen.

Nicht ohne Grund hat Dr. Helmut Marko, der Motorsportbeauftragte der Sprudelfirma Red Bull, nicht den eigenen Zögling Sainz als Nachfolger des im Sommer zu Renault abgewanderten Daniel Ricciardo geholt – sondern Pierre Gasly, den in der japanischen Super Formula in Warteschleife gehängten Junior. Auch hier kann man nur sagen: wohlgetan. Gasly verfügt über erheblich mehr Potenzial als Sainz jr.

Dass Ricciardo zu Renault gehen wird, hat viele überrascht. Mich nicht. Denn bei Red Bull ist er in die Rolle einer klaren Nummer 2 degradiert worden. Genau wie sein Landsmann Mark Webber einst hinter Sebastian Vettel, muss Ricciardo sich stets hinter Max Verstappen einordnen. Nur mit außergewöhnlichen Leistungen kann man diese teaminterne Barriere durchbrechen, und dann werden solche Kraftakte auch noch stets von der Teamleitung misstrauisch beäugt. Vor allem Teamchef Christian Horner betont stets, bei Red Bull gebe es keine Stallregie, und alle schreiben oder senden das – doch in Wahrheit sind die Bullen die Vorreiter einer einsamen Bevorzugung ihrer jeweiligen Protegés, sie machen das nur äußerst subtil.

Bei Renault hat Ricciardo nun auch einen Nummer 1-Vertrag, Nicolas Hülkenberg muss sich dem Aussie aus Perth unterordnen. Der Emmericher hat sich in seine Rolle als Adabei gefügt; er sagt selbst, für ihn gebe es keine Chance mehr auf ein Topteam, er wolle nun das Beste aus seiner Formel 1-Karriere machen. Mit solch’ einer Lakonie kommt man in der Königsklasse nicht weiter, nicht mal weit. Hülkenberg hätte fahrerisch das Zeug zum Weltmeister gehabt, wird aber als zahnloser Tiger zu Ende fahren.

Wo wir gerade bei den Verlierern sind: der größte des Sommers ist Franz Tost, der Teamchef von Toro Rosso. Dessen verbiestert ehrgeizige Pläne, das einst als B-Juniorteam von Red Bull etablierte Ex-Minardi-Team besser aussehen zu lassen als die Erste Mannschaft von Horner, sind endgültig gescheitert. Das Wunder aus der Boßel-Landesliga der Frauen, wo Dietrichsfeld II gegen die Erste Damen Meister wurde, lässt sich in der Formel 1 nicht wiederholen. Toro Rosso hat seinen genialen Chefkonstrukteur James Key, der sich unter der eigenbrötlerischen Knute von Tost nie entfalten konnte, an McLaren verloren. Und muss sich künftig mit zugelieferten Teilen von der Ersten Mannschaft aus Milton Keynes begnügen. Einen Entwicklungswettstreit gibt es nicht mehr.

Bleibt noch die Pleite von Force India. Von Anfang an absehbar eigentlich. Der indische Multiunternehmer Vijay Mallya hat das Team gekauft, nachdem seine vorigen Besitzer es gerade wieder saniert hatten. Mallya führte es finanziell wie seine Unternehmen – mit laxer wirtschaftlicher Hand. Die sportliche Abteilung machte das Beste aus der Lage und etablierte die Truppe an der Spitze des Verfolgerfeldes. Aber wirtschaftlich kam man auf keinen grünen Zweig – und geriet in den Strudel der Probleme von Mallya. Der wurde als Whiskey- und Schnapsmagnat schon bald zu seinem besten Kunden, vergaß Steuern und Abgaben zu zahlen, in seiner indischen Heimat gibt es Haft- und Vollstreckungsbefehle, sodass er sich in England versteckt hält. Auch die Insolvenz des Teams lag letztlich daran, dass die Sozialversicherungs- und Krankenkassenabgaben der Belegschaft nicht abgeführt wurden, sodass die englische Finanzkasse den Insolvenzantrag stellte.

Mallya wird als eine der viele zwielichtigen Figuren in die Geschichte eingehen, die von der Formel 1 schon seit Jahrzehnten immer wieder angezogen werden: Don Nichols, Rolf Lüthi und Jean-Pierre van Rossem stehen exemplarisch, solcher Namen gibt es noch viele mehr. Er wird aber nicht mehr eine Randfigur mit tragikomischer Note bleiben – während das Team unter neuen Segeln weiterleben wird. Denn nicht mal die schrägsten Vögel können in der Formel 1 wahres Können unterdrücken.


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