+++ 2022-03-05 14:22 : Podcast – Desert Challenge, Technik-Eklat bei den Autos, Prolog der Motorräder. Mit Century-Chef Julien Hardy & KTM-Weltmeister Matthias Walkner +++ 2022-03-04 16:22 : Podcast – Vorschau Abu Dhabi Desert Challenge, mit Timo Gottschalk, Dirk von Zitzewitz & Dennis Zenz am Mikro von Norbert Ockenga +++ 2022-02-22 16:07 : Neu unter PITWALK – das steht alles in Ausgabe 65 von Deutschlands größter Motorsportzeitschrift +++
BACK

24.04.2022

Typ-Beratung


Timo Gottschalk musste sich sehr wundern. Und auch ein bisschen lachen. Als der extrem erfahrene Beifahrer aus dem Marathonrallyesport seine erste Rallye Dakar als Navigator von Carlos Sainz bestritt, da wurde ihm schlagartig klar, was für ein Vulkan da neben im brodelt. „Wenn Carlos das Gefühl hat, er sei über eine Düne nicht schnell genug rübergefahren“, grinst Gottschalk, der aus Rheinsberg im Ruppiner Seenland stammt, „dann ärgert er sich 10 Minuten später immer noch darüber.“

Genau solche emotionalen Wallungen haben „El Matador“, den feurigen Madrilenen, schon zu Zeiten der Rallye-WM ausgezeichnet. Und in den Marathonrallyesport, in dem deutlich mehr Langmut gefordert ist, hat Sainz sein ungestümes Wesen gleich mit importiert. Mit dem Resultat, dass er zwar auch mit knapp 60 noch zu den zwei absolut schnellsten Fahrern in der Wüste gehört – aber immer auch ein Hochrisikopilot ist. Der Abflug fährt immer mit.

Carlos Sainz hat einen Sohn, der ihm in der breiten Öffentlichkeit gerade den Rang abräumt. Carlos Sainz jr., eigentlich als „Carlito“ bekannt, ist berühmter als der Herr Papa. Denn während der Rallyesport nur eine Nische besetzt, die ausschließlich von absoluten Motorsport-Connaisseuren geschätzt wird, fährt Junior für das berühmteste Team der Welt: Ferrari-Formel 1. Und dort hat er seinen Kontrakt gerade bis Ende 2024 verlängert bekommen.

Sainz jr. ist von seinem Vater in eine Rundstreckenkarriere gedrängt worden. Allerdings legte er anfangs die gleichen Erbanlagen an den Tag wie der Herr Papa: Auf jener Hallenkartbahn in Madrid, die Sainz gehört, wollte der Kleine bis ins Konfirmandenalter lieber Driften und Donut drehen, aber keinen sauberen Strich auf der Ideallinie üben. Sodass Vater Carlos schon fürchtete: Aus dem wird nie ein guter Rennfahrer. Doch irgendwann hat der Junior die Kurve gekriegt, auch mithilfe eines Mentaltrainers, und sich auf dem klassischen Karriereweg in die Formel 1 empor gearbeitet.

Es darf erstaunen, wie systematisch der Latino arbeitet – wenn man seinen direkten Vorfahren kennt. In fast allen Rennfahrern, die als Söhne großer Namen in die Königsklasse gekommen sind, findet man die Väter wieder: Jacques Villeneuve war genau so ein furchtloser und gefahrverachtender Draufgänger wie der 1982 in Zolder tödlich verunglückte Gilles; Damon Hill konnte ein Team genauso zielstrebig und gleichzeitig einfühlsam fühlen wie Graham; Nico Rosberg legte ein genauso großes Kämpferherz an den Tag wie Keke; Mick Schumacher zeigt die gleiche Analytik und Nüchternheit, aber auch übertriebene Diplomatie wie Michael.

Nur Sainz ist so ganz anders als sein Vater. Das schreit mal nach einer großen Personality Story in unserer Zeitschrift PITWALK. Vor allem aber muss es Mick Schumacher fuchsen. Denn aus dem Underdog, der nur Schumachers Sitz bei Ferrari warm hält, bis der Deutsche sich seinen Feinschliff beim Kundenteam Haas geholt hat, ist plötzlich ein echter Konkurrent erwachsen.

Ist Mick Schumacher nicht so gut, wie die Förderer und Ausbilder der Ferrari-Akademie das erwartet hatten? Oder ist Carlos Sainz so viel besser als gedacht?

Beides trifft zu. Schumacher hat in jeder Serie stets ein Lehrjahr vor seinem Herrenjahr gebraucht – und sich in diesem Herrenjahr dann so manches Mal, notabene in der Formel 3, sogar erst spät in der Saison auf ein konstant hohes Niveau steigern können. Ein Lehrjahr gesteht man jedem Formel 1-Novizen zu. Aber eigentlich nur zur Not. Denn echte Überflieger fallen gleich auf. Das ist Mick Schumacher nicht gelungen. Und dass ausgerechnet der eigentlich schon ausgemusterte Kevin Magnussen, der ganz kurzfristig von einem Peugeot-Le Mans-Programm zurück in die Formel 1 gelotst wurde, bei den ersten Rennen schneller war als Mick – das hat dem Ruf des Sohnes vom Siebenfachen nachhaltig ramponiert. Inzwischen zweifeln viele hinter vorgehaltener Hand an, dass Mick so gut werden könne wie Vater Michael. Zwar habe er das Zeug zu einem guten Formel 1-Rennfahrer, das schon – aber ein echter Star, der auch ein Team zum Weltmeister machen kann, werde er wohl eher nicht.

Sainz hingegen hat im vergangenen Jahr im direkten Zeiten- und Punktevergleich zu seinem Teamkollegen Charles Leclerc viel besser abgeschnitten, dem Monegassen teilweise intern sogar den Rang abgelaufen. Und Leclerc ist immerhin derjenige, der Sebastian Vettel bei Ferrari derart vorgeführt hat, dass die Italiener Vettel nicht mehr haben wollten. Dass ausgerechnet dessen Nachfolger Sainz gleich in seinem ersten Jahr mindestens so schnell war wie Leclerc – das hat vielen in Maranello zu denken gegeben, ob die Rolle als Sitzheizung für Mick Schumacher für Sainz nicht doch eine Nummer zu klein sei.

In der Formel 1 gilt immer der alte Wahlspruch: Der eigene Teamkollege ist stets dein härtester Gegner.

Während Sainz seinen Ruf nach oben korrigierte, sauste der Kurs von Schumacher vor genau diesem Hintergrund in den Keller wie die Aktie von Netflix diese Woche. Für Schumacher steht das Jahr jetzt nur noch im Zeichen einer Kurskorrektur. Er muss sich dringend neue Karrierekorridore erschließen. Denn Ferrari hat über Jahre hinweg eine homogene Fahrerpaarung, von der jeder den anderen schlagen kann – und je nach Saisonverlauf auch jeder imstande ist, aus eigener Kraft und bei passender Technik den WM-Titel zu gewinnen. Schumacher spielt in den Planungen von Ferrari keine Rolle mehr.


Teile diesen Beitrag

Das könnte auch interessant sein:

  • 24.06.2022

    Tag der Enthüllungen

    So. Die neue Ausgabe der Zeitschrift PITWALK ist auf dem Weg zu allen Abo-Inhabern und Vorabbestellern. Drin stehen schon alle Details zu zwei spektakulären Enthüllungen, die heute…
  • 22.06.2022

    Up to Speed mit dem neuen Heft

    Die Tage ticken runter, die Vorfreude steigt – in vier Tagen haben alle Vorabbesteller und Abo-Inhaber die neue Ausgabe der Zeitschrift PITWALK druckfrisch daheim im Briefkasten. …
  • 20.06.2022

    Start frei!

    Der Startplatz ist bereitet. Kein Speedwayfahrer könnte es so perfekt präparieren wie unsere Grafiker in den vergangenen beiden Tagen: Die neue Ausgabe der Zeitschrift PITWALK geht…
  • 19.06.2022

    Geldwerter Nachteil

    Ausgerechnet rund um eine der am wenigsten durchdachten Reisen des Jahres geht das Geschacher los. Die Formel 1 reist binnen einer Woche mit Mann und Maus von Aserbaidschan nach Ka…
  • 17.06.2022

    Alles über Porsches Le Mans-Comeback!

    Hallo lieber PITWALK-Freund, die Sommerausgabe Eurer Lieblingszeitschrift steht schon wieder auf dem Startplatz. Auf 180 Seiten haben wir wieder das Beste aus der weiten Welt des …
  • 16.06.2022

    Speedway-Volksfest

    Am Fronleichnamstag findet in Olching ein Schmankerl des Motorsports statt: Der Auftakt des German Speedway-Masters. In der sogenannten heimlichen Hauptstadt Bayerns messen sich zw…
  • 10.06.2022

    Was treibt Audi denn da?

    Der angekündigte Formel 1-Einstieg von Audi wirft seine Schatten bis nach Le Mans – wo an diesem Wochenende das berühmte 24-Stundenrennen auf dem Programm steht. Audi hat den Klass…
  • 27.05.2022

    Highway to Green Hell: Rekordverdächtig?

    Fällt in diesem Jahr der Distanzrekord beim 24-Stundenrennen auf dem Nürburgring? Alles deutet darauf hin, dass die 50. Jubiläumsausgabe des Marathons ein ganz besonderes Rennen wi…
  • 26.05.2022

    La Malédiction de Leclerc

    The Andretti Curse – der Fluch der Andrettis. So nennt sich ein Teil der Motorsportfolklore rund ums Indy 500 – das größte Autorennen der Welt, das an diesem Wochenende in Indianap…
  • 26.05.2022

    Highway to Green Hell: Tipps für den vollen Genuss

    Das 24-Stundenrennen ist ein Rundumerlebnis – mehr als nur ein normales Autorennen, sondern ein Volksfest, in dem man sich verlieren und verwöhnen lassen kann. Die Keimzelle des …
  • 26.05.2022

    Highway to Green Hell: das Top-Qualifying

    Die Startaufstellung fürs 24-Stundenrennen steht erst am Freitagabend gegen 20 Uhr. Dann endet das Top-Qualifying – in dem sich die schnellsten GT3-Fahrer in einer Art Einzelzeitfa…
  • 26.05.2022

    Highway to Green Hell: WM als Vorgruppe

    Wenn die weltweit wichtigste Tourenwagen-Rennserie plötzlich zum Rahmenprogramm wird – dann sagt das alles aus über die schiere Größe der Veranstaltung, bei dem so eine tektonische…
2022 – BILD-PUNKTE LAREUS.MEDIA