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21.03.2025

Verflucht und zugenäht


Vielleicht wäre es an der Zeit, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren. Denn bereits seit dem vergangenen Jahr macht der Automobilweltverband FIA einen Nebenkriegsschauplatz auf – während an vorderster Front die Lage zusehends außer Kontrolle gerät.

Der FIA-Chef Mohammed Bin-Sulayem hat angeordnet: „Wenn Fahrer in Interviews fluchen oder zu derbe Kraftausdrücke verwenden, werden sie empfindlich bestraft. Denn Motorsportler sollen Vorbilder für die ganze junge Generation der Welt sein.“ So hat’s inzwischen Formel 1-Fahrer Max Verstappen ebenso mit einem Strafenhagel erwischt wie zuletzt bei der Rallye Monte Carlo den Drifter Adrien Fourmaux. Letzterer hat einen derben Ausdruck verwendet, als er wenige Sekunden nach der Zielankunft einer Wertungasprüfung live fürs TV interviewt wurde. Also als er noch aufgewühlt war und das Adrenalin in seinen Adern rauschte.

Bin Sulayem übersieht ein Kernproblem: Die Fahrer, die Kraftausdrücke einstreuen, tun das auf Englisch – und nicht in ihrer Muttersprache. Und im Englischen sind sie nicht so sattelfest, als dass sie wirklich einschätzen können, wann Begriffe wie „fucking“ – oder auch das harmlose, aber von Auslänern inflationär verwendete „mate“ – tatsächlich in einen Satz oder einen Zusammenhang passen.

Auch sonst ist der Vorstoß von Bin-Sulayem wenig segensreich. Sport wird durch Emotionen erst schön. Und wenn Rennfahrer sich ärgern, dann sollen sie das auch rausposaunen dürfen – ohne aus Sorge vor Konsequenzen Gefühle zu unterdrücken und an runtergeschluckten Worten zu ersticken. Langeweiler am Mikro will keiner sehen. Da könnt’ man sich ja auch gleich eine Bundestagsdebatte angucken. Sport lebt von Helden; und die entwickeln ihr Identifikationspotenzial nur, wenn sie sich als Menschen statt als Roboter zeigen dürfen.

Die Erinnerungen an Leute wie Mika Häkkinen, David Coulthard, Nick Heidfeld, Felipe Massa, Giancarlo Fisichella und auch den jungen Lewis Hamilton ist noch viel zu frisch. Sie haben mit ihrer Floskelhaftigkeit, ihrer Blässe und Uniformität der Formel 1 viel Faszinationspotenzial geraubt. Zum Glück ist die aktuelle Fahrergeneration individueller, aussagekräftiger und facettenreicher als die Langweiler. Und genau jetzt kommt ein Funktionär und will das aus falsch verstandener Wokeness im Keim ersticken?

Aber abgesehen davon: Solange man keine anderen Probleme hat, kann man sich vielleicht um solche Irrläufer kümmern. Aber die Formel 1 hat andere Sorgen. Sie steckt schon nach dem ersten Grand Prix mitten in einem Betrugseklat. Die FIA hat großspurig angekündigt, dieses Jahr genau hinzuschauen, wessen Heckflügel sich unter Last von höherer Geschwindigkeit um wie viel verbiegen. Und prompt fiel in Melbourne auf: Der überlegene McLaren hat einen Heckflügel mit Eselsohren an einem Blatt, die wie ein Mini-DRS wirken, wenn schneller Fahrtwind draufprallt. Genau das Gegenteil vom Erlaubten.

Wer genau hingesehen hat, wusste schon bei den Testfahrten in Bahrein, welche Teams sich mit welchen Versionen von beweglichen aerodynamischen Anbauteilen versuchen. Da hätten die Beobachter und Technischen Kommissare vom Weltverband FIA sich schon vorbereiten können. Und im besten Fall die Teams vorwarnen, dass sie sich auf der falschen Seite der Grenze zur regeltechnischen Grauzone befinden. Stattdessen ließ man alles laufen – und hat sich so ohne Not eine Diskussion über die Legalität einiger neuer Modelle eingehandelt.

Aus lauter vorauseilendem Gehorsam. Denn die Untergebenen haben der kommunikationspolitischen Maßgabe ihres Präsidenten höchste Dringlichkeit eingeräumt und darüber die wahrhaft wichtigen Dinge verschlafen. Wird Zeit, dass da mal einer einen Weckruf reintrötet.


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