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25.03.2021

Sehnsucht nach MSC


So viel Vorfreude war selten. Die Rückkehr des Namens Schumacher in die Formel 1 sorgt für einen Hype, der mit Ratio nicht zu erklären ist. Schließlich wird Mick Schumacher, der Sohn vom siebenfachen Weltmeister Michael, in diesem Jahr alle Hände voll damit zu tun haben, die Rote Laterne abzuwehren.

Man muss schon masochistisch veranlagt sein, um sich dafür begeistern zu können. Andererseits gibt es ja auch Fans des VfL Bochum.

Und es gibt auch Leute, die das Geschwurbel von Jogi Löw über „die Basics, also die Basis, die Basics“ in der Pressekonferenz vor dem Island-Spiel gesendet, zitiert oder für bare Münze genommen haben.

Die Aussagen von Mick Schumacher vor dem Einstand in Bahrein sind ähnlich gehaltvoll. Der Neuling floskelt sich durch die Vorberichterstattung, ohne jemals Konkretes zu äußern. Das minimiert die Gefahr, falsch verstanden oder wiedergegeben zu werden. Aber: In einer normalen Welt würde man so keinen Heldenstatus schaffen.

Doch inzwischen wird mehr darüber berichtet, dass auf den Zeitnahmemonitoren wieder das Namenskürzel „MSC“ auftaucht, das auch Vater Michael führte – statt jenes „SCH“, das Mick Schumacher zu Zeiten in den Nachwuchsformeln hielt. Sogar große Nachrichtenagenturen erheben das zu einem Thema.

Geht es noch nebensächlicher?

In der Wirklichkeit der Formel 1 gibt es vor dem ersten Rennen deutlich spannendere Themen: Haben die neuen Aerodynamikregeln den Mercedesvorteil tatsächlich gekillt, sodass es einen Kampf auf Augenhöhe mit Red Bull geben kann? (Ja, auch wenn das in Bahrein wegen der Streckencharakteristik noch nicht so doll auffallen wird wie bei den nächsten Rennen.) Und wie lange braucht Mercedes, um die alte Dominanz wieder herzustellen? (Bis nach Imola, also bis in den Mai hinein.) Kann die Erfahrung von Daniel Ricciardo McLaren den nächsten Schritt bei der Aufholjagd ermöglichen? (Nein; warum – das steht in der nächsten Ausgabe der Zeitschrift PITWALK.) Kommt Sebastian Vettel bei Aston Martin direkt vom Regen in die Traufe? (Ja; die Gründe dafür stehen ebenfalls im riesigen Formel 1-Themenblock in der kommenden Ausgabe der Zeitschrift PITWALK.) Und: Welches Team findet sich am besten mit dem neuen Testfahrplan klar, der nur noch drei Pobefahrtentage vor der Saison erlaubt hat? (Mercedes.)

Es gibt also tatsächlich jede Menge Grund zur Vorfreude auf die neue Saison. Denn Max Verstappen dürfte so nahe an Lewis Hamilton dran sein wie nie zuvor, und man kann berechtigt hoffen, dass die Monotonie an der Spitze endlich aufgebrochen wird.

Gleichzeitig hat Ferrari sein Auto so weit entrümpelt, dass es deutlich besser fahrbar ist – und auch für Vettel gewesen wäre. Deswegen brauen sich für diese Saison gleich drei Kampfgruppen zusammen: Mercedes gegen Red Bull an der Spitze; McLaren gegen Ferrari und Aston Martin dahinter. Dahinter taumeln Alpine, Alpha Tauri und Alfa Romeo durch den luftleeren Raum, kleine Achtungserfolge von Alpine und Alpha Tauri nicht ausgeschlossen. Und am Schwanz des Feldes raufen Williams und Haas – mit Mick Schumacher – um den vorletzten Rang.

Dass der Name Schumacher immer noch elektrisiert, mag man ja verstehen. Wahrscheinlich profitiert der stille Bubi aber jetzt noch von einem vergleichbaren Effekt, der auch seinen Vater schon maßgeblich auf der Popularitätsskala nach oben gepeitscht hat: die allgemeine Stimmung in der Gesellschaft.

Schumacher d.Ä. kam zu einer Zeit in die Formel 1, als in Deutschland nach der Wende die Sehnsucht nach Identifikationsfiguren herrschte – Helden, die Ost und West begeisterten, die Wendeeuphorie mitnähmen, aber die auch von den sich klar abzeichnenden Problemen auf beiden Seiten des ehemaligen Eisernen Vorhangs ablenkten. Schumi erfüllte genau dieses Anforderungsprofil, mehr als jeder Fußballer damals. Denn die Kicker blieben auch nach der Wende lange in Ost- und Westlager getrennt. Die Formel 1 war vorher schon ein gesamtdeutsches Phänomen, in der ehemaligen DDR getrieben von Besuchen der Deutschen beim Ungarn-Grand Prix, der noch zu Ostblockzeiten etabliert wurde – und von einer Begeisterung für den Rennsport, der sich auch in skurrilen Serien wie dem Pokal für Frieden und Freiheit oder genehmigten Westreisen für Rennsportler ausdrückte.

Im ehemaligen Osten war die Formel 1 populärer als im Westen. Und die Wessies wiederum suchten jemand, der das Vakuum von Boris Becker als ihr Volksidol ausfüllen konnte. So wurde Michael Schumacher zum ersten gesamtdeutschen Phänomen.

Jetzt hat das Coronachaos der Bundes- und Länderregierungen wieder eine tiefe Verunsicherung ins Land getragen. Das Volk lechzt nach neuen Helden, zu denen es aufblicken kann – und die als Ablenkung von der Tristesse und als Symbol für eine neue Hoffnung taugen, wenn jemals sinnvoll geimpft werden sollte. Mick Schumacher läuft genau in diese Welle rein – unfreiwillig und ungeplant, genau wie sein Vater damals, und er nutzt sie auch nicht bewusst aus. Aber er wird zur Stelle sein, wenn die Menschen ihn brauchen wollen.

Das Politchaos der Coronakrise wird gerade verlängert bis in den nächsten Herbst.

In der Zeit hat Mick Schumacher seinen Platz in der Formel 1 gefunden – und seinen Teamkollegen Nikita Masepin im Griff. Mehr muss er nicht schaffen in diesem Jahr. Denn von seinem Auto und Team erwartet eh’ kein Insider mit Kennerblick etwas: Der Rennstall investiert nix mehr in die Entwicklung des Wagens, sondern konzentriert sich voll auf die Auslegung und Umsetzung eines ganz neuen technischen Regelwerks, das ab 2022 gelten wird und völlige Neukonstruktionen möglich macht.

Mick Schumacher ist nur bei Haas, weil es sich dabei um ein B-Team von Ferrari handelt – und der Sohn aus hohem Hause dort in aller Ruhe seine Lehrjahre in der Königsklasse ableisten soll, ohne gleich unter der großen Erwartungshaltung eines Topteams zu ächzen. Masepin als teaminterner Gegner – das ist machbar für Schumacher, wenn der ähnlich stark und rasch dazulernt wie in den Nachwuchsklassen.

Und dann kann er in aller Ruhe auf die nächsten Schritte von Ferrari warten. Dort hält Carlos Sainz jr., der Nachfolger von Vettel, nur den Sitz warm, bis Mick Schumacher reif für die Beförderung ist – und bereit für die Nachfolge von Vater Michael in allen Bereichen.

Bis dahin brauchen er selbst, aber auch die deutsche Öffentlichkeit den Langmut, mit ausbleibenden Erfolgen von MSC in der Formel 1-Statistik klarzukommen.


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