+++ 2024-08-29 19:14 : Blog – warum will niemand Mick Schumacher? +++ 2024-08-18 11:14 : Blog – der unsinnigste Vergleich des Jahres +++ 2024-08-08 17:24 : Podcast – Erinnerungen an Speedwaystar Tommy Dunker. Interview von Norbert Ockenga mit Weggefährte und Rivale André Pollehn +++
BACK

20.10.2023

Geschlossene Gesellschaft


Die Grand Prix kommt zur Unzeit. Zumindest für den inneren Zirkel der Formel 1 – und für kritische Beobachter, die sich nicht nur um die Grand Prix-Szene, sondern um den Motorsport ganz allgemein kümmern. Denn er dreht den Scheinwerfer genau auf die Hintergründe einer Debatte, welche die Szene spaltet.

Die Insider bemängeln, dass ihre Königsklasse in letzter Zeit immer mehr den Showelementen der noch recht neuen amerikanischen Rechteinhaber anheim falle; dass Liberty Media die Formel 1 zu sehr amerikanisiere. Und wer mit wachen Augen durch den gesamten Rennsport flaniert, dem ist das Spektakel beim Petit Le Mans auf der Road Atlanta im US-Bundesstaat Georgia am vergangenen Samstag nicht entgegen.

Das 10 Stunden dauernde Langstreckenrennen war das Finale der IMSA-Serie, also der Nordamerikanischen Sportwagenmeisterschaft. 52 Autos aus vier Klassen balgten sich vom Mittag bis in die tiefe Dunkelheit auf einer Berg- und Talbahn mit Rundenzeiten von knapp über 1.10 Minuten. Unfälle, Rempeleien und happige Abflüge waren an der Tagesordnung. Und schon bei der Startvoraufstellung wurde jede Dreimannbesatzung aus jedem Wagen typisch amerikanisch vorgestellt: mit je ein paar Takten Hardrock oder Heavy Metal als Intro, von Ozzy Osbourne bis Twisted Sister, und Verlesens der Namen im Stil der Intros von Boxkämpfen, dahingebölkt mit langgezogenen Vokalen.

Das Petit Le Mans vereint all’ das, was in der Formel 1 verpönt ist: harter Rennsport mit Publikumsnähe und mitreißenden Veranstaltungskonzepten. Die neuen Vermarkter möchten all’ das auch einführen, doch die ultrakonservativen Mitglieder der Fahrerlagergemeinde und vor allem des Weltverbands FIA mühen sich, solchen Fortschritt zu unterdrücken. Weil es dabei vor allem um einen Machtkampf zwischen Verbandsfunktionären und Vermarktern aus dem freien Markt geht, blockiert diese Auseinandersetzung die ganze Formel 1.

Zugespitzt auf die Kernthese, geht es nur darum: Wer hat das Sagen in der und über die Formel 1? Der Weltverband – oder jene Agentur, die ihre kommerziellen Rechte vermarktet?

Die Zeiten, dass beide Parteien in dieselbe Richtung vom selben Strang zogen, sind vorbei. Seit zwei Jahren schon gibt es ein Gezerre hinter den Kulissen, dass in Debatten über die Zulassung von Andretti Autosport als neues Team oder jüngst in Entsetzen über völlig aus dem Rahmen fallende Geldstrafenkataloge für die Fahrer gipfelte.

Man kann argumentieren: Bei der Formel 1 sind die Ränge immer voll, die Medien kommen in Scharen. Also macht sie alles richtig. Aber das ist womöglich zu kurz gedacht. Man bemühe nur das Beispiel der deutschen Fußballnationalmannschaft. Die hat gezeigt, wie schnell aus einem Boom eine Übersättigung werden kann, wenn die Prioritäten falsch gesetzt und die Hauptdarsteller immer wunderlicher und abgehobener werden. Also: Die Formel 1-Hauptdarsteller sollten sich ihre nächsten Schritte genau überlegen, um sich nicht eines Tages in eine Abwärtsspirale zu stürzen.

Die IMSA-Serie – ja die ganze Sportwagenszene, denn die WM mit vergleichbaren Autos brummt gerade ganz genauso – geht dagegen den genau anderen Weg. Erst in diesem Jahr kommen mehr Zuschauer als je zuvor. Und auch mehr Teilnehmer, vor allem werksseitig. Porsche ist in die erste Liga zurückgekehrt, bald kommen Lamborghini und Alpine, Ford mit Mustang bereichert die GT3, also die Zweite Liga. Und Aston Martin mit einem Hypercar, das sowohl in der WM als auch in der IMSA fahren wird – und von den Amerikanern mit offenen Armen empfangen wird.

Die Formel 1 sperrt sich dagegen gegen die Neuaufnahme von Andretti. Die einen möchten unter sich bleiben, die anderen öffnen sich und freuen sich über jeden Neuzugang, der ihre Szene und ihre Felder bereichert. Perspektivisch ist das sicher der bessere Weg, denn man darf nicht davon ausgehen, dass jene Teams und Marken, die gerade in einer Rennserie unterwegs sind, auch dabei bleiben. Die Formel 1 setzt auf Artenerhaltung, die Sportwagenszene auf Artenvielfalt.

Zwar hat Audi angekündigt, ab 2026 in die Formel 1 kommen zu wollen, indem man das Sauber-Team übernimmt. Doch diese Pläne wackeln. Die Ingolstädter haben zwei Milliarden Etat für ihren Einstieg budgetiert, wissen aber jetzt schon: Sie brauchen mindestens drei. Und von der These, mit der Formel 1 Geld verdienen zu können, sind sie inzwischen auch aufgewacht. Der Einstieg steht auf einem wackligeren Fundament denn je zuvor. Und wenn man Andretti – der ebenfalls Sauber hätte kaufen wollen – die Tür weiter zuhält, dann bleibt die Formel 1 „a closed shop“, eine geschlossene Gesellschaft, während die Sportwagen für eine sympathische weltoffene Willkommenskultur steht.


Teile diesen Beitrag

Das könnte auch interessant sein:

  • 03.09.2026

    Kommt auf nix mehr an

    Manchmal reicht ein Satz, um sich selbst zu entlarven. Beim Begriff „Clipping“, sagte der oberste Formel 1-Chef Stefano Domenicali im Sommer, würden vielleicht ein paar wenige Insi…
  • 20.08.2026

    Buenos Días Argentina?

    In Argentiniens Hauptstadt lodert wieder ein altes Feuer. Der lange gehegte Traum von einem Formel 1-Comeback ist inzwischen ein konkretes Projekt. Das Autódromo Oscar y Juan Gálve…
  • 29.07.2026

    Die Themen des Sommers

    Hallo liebe PITWALK-Freunde, wie immer, erhaltet Ihr als besonders treue Leser und Freunde des Hauses exklusiv vorab die Möglichkeit, Euch das Inhaltsverzeichnis der neuen Ausgabe…
  • 24.07.2026

    Endlich wieder was zu lesen

    Hallo lieber PITWALK-Freund, Ihr könnt sich schon Mal ganz tüchtig vorfreuen: Bald gibt es wieder ein neues Exemplar von Deutschlands bester Motorsportzeitschrift. Die Arbeiten li…
  • 23.07.2026

    Die chinesische Buhlschaft

    Es ist der wohl merkwürdigste Bieterwettstreit seit langem. Beide Freier stammen aus demselben Haus, und beide werben um dieselbe Buhlschaft: den chinesischen Autohersteller BYD. S…
  • 16.07.2026

    Ein bisschen mehr Spa muss sein

    Spa 2026: Das wird jene Strecke, auf der das neue Reglement zum ersten Mal die Wahrheit sagt Denn: Monaco belohnt Traktion. Monza bestraft Luftwiderstand. Silverstone verlangt aero…
  • 24.06.2026

    Hitze als Wender?

    Bringt die Omega-Wetterlage die Wende? Seit Europa unter einer Hitzewelle ächzt, hat sich das Kräfteverhältnis in der Formel 1 auf den kopf gestellt. In Barcelona, der ersten Hitze…
  • 16.06.2026

    Der dusseligste Ausfall von Le Mans

    Zugegeben, der Gedanke ist vielleicht ein bisschen sehr theatralisch. Aber wenn man allein, bellend hustend, mit rasselndem Atem, Fieber und Schüttelfrost vor sich hin vegetierend …
  • 13.06.2026

    Der Morgen davor

    Die 24 Stunden von Le Mans sind immer auch geprägt von Zahlen und Fakten – und hier sind die wichtigsten, die man braucht, um das Rennen zu verstehen: Jedes Auto hat 24 Satz Reife…
  • 10.06.2026

    Der grüne Machtkampf

    Es gibt in Frankreich nicht nur das berühmte Gallische Dorf. Sondern an diesem Wochenende auch das „Wasserstoff-Dorf“, das sogenannte „Hydrogen Village“. Es steht in Le Mans, und e…
  • 05.06.2026

    Zum Tod von Herbert Schnitzer

    Es sind Bilder, die überdauern. Am Freitag, an seinem 85. Geburtstag, ist Herbert Schnitzer gestorben. Der legendäre BMW-Teamchef ist einer jener Hauptdarsteller der deutschen Renn…
  • 20.05.2026

    Wal Timmy in der Formel 1

    Es bleibt nur Staunen. Vor mehr als zwei Jahren schon habe ich ein langes Telefonat mit Mario Illien geführt – jenem Schweizer, der zu Zeiten der Dominanz mit Mika Häkkinen im Werk…
2026 – BILD-PUNKTE LAREUS.MEDIA