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27.04.2023

Dr. Marko und das Geschenk


Sein schönstes Geburtstagsgeschenkt machte ihm die Firmenzentrale: Zum 80. Geburtstag von Dr. Helmut Marko, dem Talentspäher und Motorsportchef von Red Bull, entschied die Limonadenfirma, Franz Tost als Teamchef bei Alpha Tauri abzusetzen. Tost ist noch bis Ende 2023 im Amt. Das musste er unmittelbar vorm Grand Prix von Aserbeidschan in Baku erfahren.

Dr. Marko wird es nie zugeben, aber die Ausmusterung von Tost wird den Grazer diebisch freuen. Denn die beiden verband eine herzhafte Abneigung, die das gemeinsame Interesse – Erfolg in der Königsklasse – nur mühsam und kurzfristig kaschieren konnte. In stillen Momenten, wenn sich die Gefühle in der rauen Welt der Formel 1 mal ihren Weg bahnen konnten, ließ gerade Dr. Marko ehrliche Einblicke zu.

Etwa, als ich ihm erzählte, dass Franz Tost – nach einer ihm unliebsamen Enthüllungsgeschichte von mir – den Entschluss gefasst hatte, nie wieder mit mir reden zu wollen. Da lächelte Dr. Marko hintersinnig und antwortete mit typisch österreichischem trockenen bis schwarzem Humor: „Das ist doch verkraftbar, oder?“

In der Tat.

Dr. Marko ist eine Legende des Sports: Jugend- und Schulfreund von Jochen Rindt, dem Hamburger Kriegswaisen, der bei seinen Großeltern in Graz aufgewachsen ist und mit Marko als Jugendlicher die Schule Bad Aussee und die Gassen der steirischen Stadt unsicher gemacht hat. Rindt wurde 1970 Formel 1-Weltmeister, posthum, denn er verunglückte in Monza tödlich, hatte aber uneinholbar viele Punkte auf dem Konto. Ein Jahr später gewann Marko mit dem Niederländer Gijs van Lennep die 24 Stunden von Le Mans – in einem Porsche 917, also einem der am schwersten zu bändigenden Rennwagen aller Zeiten. Und seit ihm beim Grand Prix von Frankreich in Clermont-Ferrand 1972 ein Stein, aufgewirbelt von Ronnie Peterson, das Visier durchschlug, trägt er links ein Glasauge. Seitdem kann er nicht mehr Rennfahren, eröffnete in Graz über die Jahre vier Hotels, wurde Kunstförderer – und zog sein eigenes Team auf. In dem schliff er junge Talente in der Formel 3 und der Formel 3000, machte sogar ausgemachte Flegel wie Jörg Müller und Juan Pablo Montoya Formel 1-tauglich. Zumindest so lange, bis die beiden sich nicht mehr beherrschen konnten und ihren wahren Charakter wieder an den Tag legten.

Als Red Bull sich vom Sponsor und Teilhaber bei Sauber für einen vollwertigen Formel 1-Einstieg erwärmte, übernahm Dr. Marko nicht nur den Aufbau eines systematischen Nachwuchsfördersystems – Vorläufer und Vorbild für alle heutigen Programme von Mercedes bis Ferrari –, sondern deichselte hinter den Kulissen auch die Strukturen für das Grand Prix-Team, das aus der gescheiterten Jaguar-Mannschaft hervorging.

Man muss Dr. Marko als den wahren Architekten des Red Bull-Formel 1-Erfolgs bezeichnen. Er hat Christian Horner als Teamchef installiert – man könnte auch sagen: unter sich geduldet. Denn Exrennfahrer Horner war von Anfang an clever genug, sich als Teamchef in den Vordergrund zu spielen, gerade mit gezielter Pressearbeit – aber Dr. Marko stets als Bindeglied zur Limonadenzentrale bei Salzburg zu achten. Der Doktor – ein Jurist übrigens – wiederum erkannte früh: In der englischen Welt der Formel 1 braucht er einen Engländer als Boss, um sich in den Machtspielchen zwischen FIA, Teamvereinigung und Fahrermanagern behaupten zu können. Genau wie jedes Team, das bei den 24 Stunden von Le Mans was reißen will, einen französischen Muttersprachler braucht, um mit den national-ehrpusseligen Funktionären des Ausrichtervereins Automobile Club de l’Ouest auf Augenhöhe klarkommen zu können.

Da war der junge, smarte Horner genau der Richtige. Und der schaffte es denn ja auch, seinen Landsmann Adrian Newey an Red Bull zu binden und eine Infrastruktur in Milton Keynes aufzubauen, die ihresgleichen sucht. Dr. Marko und Horner waren und sind ein kongeniales Duo, ohne die es die Phänomene Sebastian Vettel und Max Verstappen nie gegeben hätte.

Auch Tost hat seine Wurzeln in der Nachwuchsförderung, hat den verwöhnten Jugendlichen Ralf Schumacher im WTS-Formel 3-Team auf die Formel 1 vorbereitet – letztlich genau so vergeblich wie Müller und Montoya zwar, weil alle auf Dauer nicht aus ihrer Haut konnten. Als Teamchef beim Nachwuchsförder-B-Team von Red Bull, Alpha Tauri, hat er zusammen mit Gerhard Berger zunächst die Arbeit so gut gemacht, dass Vettel seinen ersten Grand Prix gewann. Dann wollte er aber sein Team als das bessere Red Bull Racing etablieren, verhedderte sich in Machtkämpfe und Intrigen – und zog immer wieder den Kürzeren. Auch in diesem „Dallas“-ähnlichen Scharmützel ergänzten Dr. Marko und Horner einander perfekt – während Tost sich ähnlich in seiner Rolle verbiss wie Cliff Barnes in „Dallas“ und deswegen immer wieder abprallte.

Es war teilweise richtig amüsant, diese Intrigen und Ränkespiele als Journalist erste Reihe, Mitte, miterleben zu können. Zumal Dr. Marko stets ein charmanter, aber offener und zuverlässiger Ansprechpartner war – und heute noch ist.

So bleibt Tost trotz langer Amtszeit am Ruder des B-Teams eine Fußnote der Formel 1-Geschichte – während Dr. Marko als einer der Hauptdarsteller einer ganzen Epoche in die Annalen eingehen wird.


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