+++ 2024-06-16 08:41 : Podcast – so lief die Nacht in Le Mans. Mit Alex Wurz, Nyck de Vries und Nick Tandy am Mikro von Norbert Ockenga +++ 2024-06-15 22:41 : Podcast – Zusammenfassung der ersten Stunden vom 24 h-Rennen von Le Mans, mit Live-Schalte in die Box von Toyota Gazoo Racing sowie Gesprächen mit Porsche-Leuten +++ 2024-06-15 08:10 : Podcast – letzte News & Hintergründe vor dem Start der 24 h Le Mans, mit einer Liveschalte in die Box von Toyota Gazoo Racing +++
BACK

15.06.2023

Doppel-Kopf


Größer könnten die Gegensätze kaum sein. Vergangene Woche sahen 325.000 Zuschauer einen Sieg von Ferrari bei den 24 Stunden von Le Mans – mit einem Auto, das gerade in seiner ersten Saison fährt. In der Formel 1 hingegen wird die italienische Traditionsmarke dagegen regelmäßig abgewatscht – bei Grands Prix, die gerade mal zwei Stunden lang sind.

Wie können zwei Werksprogramme, in die jeweils hunderte von Millionen gepumpt werden, so weit auseinanderklaffen?

Die 499 P, von denen zwei in Le Mans im Einsatz waren, sind von einer völlig anderen Infrastruktur umgeben als die Formel 1-Wagen. Das Chassis stammt von Dallara. Die Ingenieure in Parma haben auch einen Großteil der Entwicklungsarbeit am Kohlefaserchassis vorgenommen. Erst in der finalen Phase, als die grundsätzliche Formensprache des Autos definiert war, ist die Gestione Sportiva, die Formel 1-lastige Motorsportabteilung in Maranello, intensiver mit eingebunden worden. Die ersten 499-Modelle kamen in den Windkanal; nach jeder Sitzung im Windtunnel folgte ein ausgiebiger Test im fahrdynamischen Simulator, um die Ergebnisse aus dem Windkanal zu verifizieren.

Dabei nutzte die Sportwagenabteilung für die digitale Arbeit mit dem Hypercar für Le Mans allerdings nicht denselben Simulator wie die Formel 1-Crew – sondern jene ältere Version, die vom Formel 1-Team gerade zugunsten eines neuen Driver-in-the-Loop ausgemustert worden war.

Die Einsätze des Hypercars werden nicht direkt vom Werk vorgenommen, sondern von einem italienischen Satellitenteam, AF Corse. Die Mannschaft verfügt aus GTE- und GT3-Zeiten über immense Langstreckenerfahrung und bügelt taktische Schwächen der Werksingenieure aus.

Zugleich ist das Auto einfacher: Die aerodynamischen Richtwerte sind von den Regeln vorgeschrieben und ohne viel Aufwand zu erreichen. Zudem fehlt der störende Einfluss der freistehenden Reifen, um die herum in der Formel 1 je nach Lenkwinkel und Rotationsgeschwindigkeit verschiedene, aber stets heftige Wirbelstürme tosen. Die Autos sind nicht so filigran und windanfällig wie Grand Prix-Autos. Obendrein sind die Reifen von Michelin besser als die heiklen Pirelli aus der Formel 1. In den Grand Prix geht’s in erster Linie um Reifenschonen, auf der Langstrecke um Reifennutzen.

Die einzige Gemeinsamkeit ist der Motor. Der Block des V6-Hybrid im Le Mans-Siegerfahrzeug ist baugleich zu jenem aus dem Formel 1-Boliden – und auch in jenem Ferrari 296 GT3, mit dem das kultige Frikadelli-Team das 24-Stundenrennen auf dem Nürburgring gewonnen hat. Auch die Hybridkühlung ist beim Le Mans- und Formel 1-Auto sehr ähnlich. Und die Motorelektronik wiederum ist beim 499P und dem 296 GT3 identisch, was wiederum dem GT3-Modell im direkten Vergleich zu den Kundenautos anderer Hersteller sehr zugute kommt.

Auffällig: Am Nürburgring war eine große Anzahl von Ingenieuren aus dem Hypercarprogramm in der Box von Rinaldi Racing, dem Einsatzteam der beiden Ferrari-Privatteams von Sieger Klaus Abbelen und Georg Weiß. Und in Le Mans wiederum, das sich heuer ausnahmsweise nicht mit dem Grand Prix in Montréal überschnitt, ließ Ferrari ein Gros der Formel 1-Motorbelegschaft antanzen.

Als Ferrari zuletzt beide Topligen – Le Mans und Formel 1 – bespielte, konzentrierten die Italiener sich bis zum Langstreckenrennen im Juni historisch häufig mehr auf Le Mans als auf die Königsklasse. Das ist allerdings mehr als 50 Jahre her. Seitdem hat sich der Fokus auf die Formel 1 verschoben. Das Hypercarprogramm allerdings ist intern höher aufgehängt als man von außen sehen kann: Das neue Ferrari-Management möchte nicht mehr die reine Emotionalität der Marke bemühen, sondern gezielt den Nachhaltigkeitsgedanken bewerben. Im Mittelpunkt steht dabei die Kommunikation zur Hybridisierung der Seriensupersportwagen. Und dazu eignet sich das Hypercar, das in dieselbe Kerbe haut wie die Traumautos für die Straße, besser als die abgehobene Formel 1.

Aus der Königsklasse stammt der Mythos Ferrari. Ein Mythos, der regelmäßig eine sehr hohe Erwartungshaltung ausbrütet. Und die fällt dem Formel 1-Team regelmäßig vor die Füße: Kurze Intermezzi an der Spitze werden regelmäßig von langen Flauten abgelöst, in denen dann die Kritik wie ein Giftpfeilhagel auf die Scuderia einprasselt. So wie jetzt gerade.

Teamchef Frédéric Vasseur betätigt sich deshalb öffentlich als Schönredner, dessen Aussagen häufig von Realität und Logik abweichen. Der Franzose tut das, um sich vor seine Mannschaft zu stellen – damit die nicht vor lauter Erfolglosigkeit und Kritik ihre Motivation verliert.

Der Adhocsieg von Le Mans setzt plötzlich ganz andere Emotionen frei. Er nimmt in Maranello zunächst mal Druck vom Kessel. Doch wenn sich jetzt weitere Erfolge anschließen, wird sich das Bild schnell wieder wandeln: Dann wird die Leistung des Grand Prix-Teams sowohl von den kritischen und emotionalen Medien als auch firmenintern noch kritischer hinterfragt, die Sympathien und der Fokus verschieben sich dann auf die Langstrecke.

Der Le Mans-Sieg ist also ein Katalysator, der direkte Folgen auf die Formel 1-Leistung haben wird. Die Frage ist nur: In welche Richtung?


Teile diesen Beitrag

Das könnte auch interessant sein:

  • 07.06.2024

    Montréal is' klasse

    Der Name hat auch mehr als 40 Jahre danach etwas Mythisches: Gilles Villeneuve. Nach dem Kanadier ist die Rennstrecke auf der Insel im Delta des St. Lorenz-Stroms benannt, auf dem …
  • 23.05.2024

    Audi im Irrtum

    Das Fahrerlager als Laufsteg – das hat in Monte Carlo zwar Tradition. Doch dieses Jahr wird das Schaulaufen besonders extrem ausfallen. Nicht so sehr bei den Promis, die von dem Gr…
  • 22.05.2024

    Renn-Rowdys

    So was nennt sich wohl Großreinemachen. Ferrari positioniert sich auf radikale Art und Weise neu. Letzte Woche haben die Italiener zwei Neuverpflichtungen bekanntgegeben, die tief …
  • 18.05.2024

    Warum heute Fernsehabend ist

    Es klang fast schon ein bisschen enttäuscht, als Kai Huckenbeck am Montag nach dem Grand Prix von Warschau am Telefon Bilanz zog. Zwei Mal hat der 31-jährige Speedway-WM-Neuling au…
  • 17.05.2024

    Gewinnt Nürburgring Classic-Karten!

    Lust auf eine Zeitreise? Auf wuchtige Vorkriegsrennwagen, Langstreckensportwagen aus dem vorigen Jahrhundert, Tourenwagen aus der guten alten echten DTM, alte Formelfahrzeuge und j…
  • 10.05.2024

    Ford holt Sainz!

    Carlos Sainz wird die Rallye Dakar 2025 mit Ford bestreiten. Der amtierende Gesamtsieger der härtesten Rallye der Welt wird neuer Teamkollege seines Landsmanns Juan Nani Roma, der …
  • 09.05.2024

    Was erwartet Euch bei der Double Duty?

    Plant Ihr schon eifrig, wie Ihr Euer Pfingstwochenende ins Zeichen des Motorsports stellen könnt? Mit einer langen Autofahrt am frühen Sonntagmorgen – oder mit der ersten Maschine …
  • 08.05.2024

    Spa für Männer

    Es war schon mal ein Thema in einem vorigen Podcast. Da wurde gesagt: „Verstehen Sie Spa?“ – diese Überschrift wird immer wieder gern genommen, wenn man von einem Rennen auf dem Ar…
  • 07.05.2024

    Porsche ohne Vettel

    Was war das für ein Palaver. Und am Ende? Nix von übrig geblieben. Sebastian Vettel fährt nicht im Porsche-Werksteam bei den 24 Stunden von Le Mans, und schon gar nicht wird er bei…
  • 06.05.2024

    Eure Chance aufs Double Duty

    Die Double Duty ist Gesprächsthema Nummer 1. NASCAR-Star Kyle Larson wird Ende Mai den Wahnsinn unternehmen, an ein und demselben Tag zwei Klassiker des US-Racing zu bestreiten: da…
  • 05.05.2024

    Wahnsinn USA

    Die Amis ticken halt doch anders. Zwei Mega-Rennen an ein und demselben Tag – das kann nur Amerikanern einfallen. In diesem Jahr genauer gesagt Kyle Larson. Der NASCAR-Star wird En…
  • 30.04.2024

    Ehre und Ämter

    Onkel Joki ist tot. Und mit der Todesanzeige kamen alte Erinnerungen zurück. An eine Zeit, als Johann Hinrichs – Onkel Jogi – Jugendwart beim Boßelverein „Lütje Holt“ Westerende wa…
2024 – BILD-PUNKTE LAREUS.MEDIA