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25.05.2023

Deutsche Angst


Es ist Sonntagmittag. Draußen tobt noch das 24-Stundenrennen auf dem Nürburgring. Ich sitze mit Vertretern der Automobilzuliefererindustrie in einem Auflieger im Fahrerlager. In solchen Sattelschleppern werden nicht nur Autos, Werkzeug und Ersatzteile transportiert. Vorn drin, in der Auflagefläche auf den Pritschen der Zugmaschinen, sind immer auch mobile Büros und Besprechungszimmer untergebracht.

Ein Meeting genau dort drin dreht den Scheinwerfer auf die ganze Absurdität, in der sich der Motorsport in Deutschland dank der Wirtschafts- und Umweltpolitik befindet. Wir reden über die Möglichkeiten für Zulieferer, die Hintergründe ihrer Engagements im Automobilsport und auch den Wissenstransfer in die Technik für Serienwagen zu kommunizieren. Der Vertreter einer solchen Firmen, die bis rauf zur Formel 1 in allen wichtigen Rennsportkategorien mitmischt, verdreht die Augen. Zu gern, räumt er ein, würde er die Geschichte erzählen. Doch die hauseigene Marketingabteilung unterbinde das mit klaren Worten. Denn es handele sich ja um einen Verbrennungsmotor, und über alles, was mit Zylinder, Kolben und Ventilen arbeite, dürfe man momentan nicht lobend reden. Das widerspreche dem Zeitgeist.

Es ist eine Hinterlassenschaft der Angela-Merkel-Politik, die von Teilen der aktuellen Regierung dankbar aufgenommen wird – und die dafür sorgt, dass der Motorsport in Deutschland direkt in ein zweischneidiges Schwert fällt. Auf der einen Seite ist das reine Zuschauerinteresse ungebrochen, alle großen Veranstaltungen melden neue Besucherrekorde. Sogar das DTM am kommenden Wochenende in Oschersleben, obwohl das mit echtem anspruchsvollen Motorsport nix zu tun hat. Die Fans sind seit Corona ausgehungert. Sie stimmen mit den Füßen ab – und votieren für Rennsport, wie sie ihn immer schon geliebt haben, mit lauten Motoren. Auf der anderen Seite diktiert die Politik, Verbrenner seien der Vorhof zur Hölle, und die Mainstream-Medien wiederkäuen genau dieses Narrativ. Damit schreiben und senden sie zwar an der Meinung der Massen vorbei. Aber sie zeichnen ein Bild, das dann wiederum die Marketingabteilungen aufnehmen – und die sorgen mit ihren Kontra-Verbrenner-Entscheidungen dafür, dass eine Krise entsteht, die am eigentlichen Interesse aller Beteiligten vorbeigeht.

Anders gesagt: Nur um sich einer Minderheitenmeinung anzupassen und ja keinen möglichen Fehler zu begehen, richten solche Entscheider große Schäden an.

Die Architektur und Konzeption des Audi für die Rallye Dakar steht als Paradebeispiel genau dafür: ein Kohlefaserauto, in dem ein Verbrenner Benzin verbrennt wie ein normales Rallyeauto, damit aber zuerst einen E-Motor befeuert, ehe die Kraft auf alle Viere geht?

Hmmm?

Aber Hauptsache elektrisch.

Dabei handelt es sich um ein rein deutsches Phänomen, vergleichbar vielleicht mit der Berichterstattung rund um die katarische Fußball-WM: In Deutschland wurde das Schurkenstaatdasein höher gehängt als in allen anderen Ländern. Folglich haben alle Anderen die WM genossen, während die Deutschen an ihr verdrossen sind. Inklusive des komischen Mundzuhalte-Auftritts der Nationalelf.

Im Motorsport ist es gerade ähnlich. In aller Welt fallen Zuschauerrekorde: Bei den 24 Stunden von Daytona und bald Le Mans ebenso wie am Ring, bei den 12 Stunden von Sebring und bei allen bisherigen Formel 1-Grands Prix. Selbst im ohnehin ausverkauften Monaco an diesem Wochenende sind die Liegeplätze für die Jachten ausgeweitet worden, um des Andrangs Herr zu werden. Doch in Deutschland liest man allenthalben, Motorsport sei nicht mehr zeitgemäß und völlig out.

Wirklich?

Warum kehrt dann Honda gerade nach einer Rolle rückwärts nun doch in die Formel 1 zurück, als Partner von Aston Martin? Und warum tritt Ford bald als Partner von Red Bull auf? Warum drängt Cadillac parallel zur Rückkehr auf den europäischen Straßenautomarkt auch mit aller Macht in die Formel 1? Und warum kehren Porsche, BMW, Ferrari und Peugeot als Gegner von Toyota nach Le Mans zurück?

Weil alle Lenker dieser Konzerne global denken – und erkannt haben: Der deutsche Nihilismus ist ein rein nationales Phänomen. In allen anderen Ländern der Welt setzt man weiter auf Autos als Teil der Mobilität – mit ganz unterschiedlichen Antriebskonzepten, je nach Land und Verwendungszweck. Der Motorsport, wissen die Chefs, dient dabei nicht nur als Imageträger – sondern auch als rollendes und schnellstmögliches Entwicklungslabor, um bestehende Techniken besser zu machen und neue zum Funktionieren zu bringen.

Deswegen ist der Run auf den Motorsport ungebrochen. Und wenn hierzulande die Unkenrufer verstummten, könnte auch die deutsche Industrie wieder davon profitieren – statt sich immer größere Rückstände auf die nachdrängende Konkurrenz aus dem Ausland einzuhandeln.


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