+++ 2024-08-29 19:14 : Blog – warum will niemand Mick Schumacher? +++ 2024-08-18 11:14 : Blog – der unsinnigste Vergleich des Jahres +++ 2024-08-08 17:24 : Podcast – Erinnerungen an Speedwaystar Tommy Dunker. Interview von Norbert Ockenga mit Weggefährte und Rivale André Pollehn +++
BACK

27.07.2023

Der Tod fährt mit


Die Diskussion muss kommen. Ist Spa in der aktuellen Streckenführung noch zeitgemäß? Nach zwei tödlichen Unfällen auf dem Bergaufstück nach der Senke von Eau Rouge gibt es naturgemäß Debatten über die Sicherheitsstandards an der Strecke.

Anfang Juli starb Dilano van't Hoff, ein 18-jähriger Niederländer, in einer Aufsteigerformel, die eine Klasse unterhalb der Formel 3 anzusiedeln ist. Nachdem 2019 in unmittelbarer Nachbarschaft zur jetzigen Unfallstelle der Franzose Anthoine Hubert, ein Freund des heutigen Ferrari-Stars Charles Leclerc, tödlich verunglückt war.

Die Streckenpassage ist berüchtigt. 1985 schon starb Stefan Bellof, angehender Ferrari-Formel 1-Fahrer aus Gießen, bei einem Sportwagen-Langstrecken-WM-Lauf in einem Gruppe C-Porsche. Zwar etwas weiter unten, in der eigentlichen Senke über den roten Bach hinweg, aber dennoch im selben Bereich. Und als 1994 die Tragödien um Roland Ratzenberger, Ayrton Senna und Karl Wendlinger passierten, wurde in Eau Rouge sogar eine Schikane eingebaut, um das Tempo runterzubringen und die Gefahrenstelle zu entschärfen.

Damals war das eine Notreaktion, getrieben von der Furcht, dass die schwarze Serie anhalten könnte und dass die Verbesserungen bei der passiven Sicherheit der Autos nicht schnell genug kommen konnten. Jetzt werden wieder Modifikationen an der Streckenführung gefordert, um Eau Rouge langsamer nehmen zu müssen und dann auch das Tempo in der Raidillon – zu Deutsch: Steigung – nach der Senke runterzuzwingen.

Klar ist Spa-Francorchamps die gefährlichste Rennstrecke im Formel 1-Kalender. Aber man darf auch nicht übersehen: Die meisten Pisten, auf denen in den USA die IndyCar und die IMSA-Sportwagenmeisterschaft, sind deutlich gefährlicher – mit kleineren Auslaufzonen, mit Mauern nahe an der Strecke, mit Bodenwellen und Huckeln. Und alle Fahrer, mit denen man spricht, sagen unisono, es mache ihnen viel mehr Spaß auf US-Strecken zu fahren als auf den sterilen Formel 1-Pisten europäischer Prägung. Denn sie wissen: Die Herausforderung ist größer, man muss besser fahren können und auch eine stringentere Risikoabwägung kalkulieren.

Gefahr gehört zum Motorsport dazu. Natürlich will niemand Verletzte sehen, und jeder Tote ist einer zu viel. Deswegen werden immer wieder neue Maßnahmen an den Autos ergriffen, um deren passive Sicherheit zu erhöhen. Der Heiligenschein genannte kastenförmige Aufprallschutz um den Helm herum steht dafür als offensichtlichstes Beispiel. Aber auch Knautschzonen in der Nase und hinterm Getriebe sowie Seitenaufprallschutz inklusive einer Ummantelung der Cockpitflanken mit Zylon, einer kugelsicheren Folie, sollen dafür sorgen, dass schlimme Unfälle ausbleiben.

Allerdings ist irgendwann der menschliche Körper die Schwachstelle. Wenn Autos nicht mehr zerbersten, wird die Kraft eines Aufpralls nun mal an den Körper weitergegeben, an die Innerereien, und die stoßen dann unweigerlich an ihre Grenzen. Im Motorsport-Englisch heißt so etwas: A Freak Accident. So nennt man einen Unfall, bei dem alle ungünstigen Faktoren zusammenkommen und sich zu einer schlimmstmöglichen Verkettung unglücklicher Umstände vermengen.

Klar ist auch: Auf einer schnellen Strecke wie Spa, mit einer Mutpassage wie Eau Rouge, steigt das Risiko solcher Megaunfälle überproportional an. Doch es fällt auch auf: In der Formel 1 und in der absoluten Spitze wird mit so viel Augenmaß gefahren, dass schlimme Unfälle so gut wie nie vorkommen. In den Nachwuchsformeln dagegen sind böse Abflüge deutlich häufiger. Denn die jungen Wilden wiegen sich oft in trügerischer Sicherheit, weil sie immer wieder sehen: Auch bei Hightech-Abflügen passiert heutzutage kaum mehr etwas. Deswegen nehmen sie mehr Risiko in Kauf, halten im Blindflug mehr rein und legen eine Sorglosigkeit an den Tag, die in neun von 10 Fällen gutgeht. Wenn es dann schiefläuft, sind die Folgen um so verheerender.

Ohne Aggression geht es im Motorsport nicht. Und wer Schiss hat, schafft es niemals an die Spitze. Aber eine Risikoeinschätzung ist unabdingbar. Das gehört zum Reifeprozess von jungen Rennfahrern mit dazu. Und auf dem Weg dorthin passieren Unfälle. Unweigerlich.

Dass es jetzt Debatten um die Streckenführung gibt, verlagert die Diskussion auf einen Nebenkriegsschauplatz. Natürlich kann man die Risiken immer weiter minimieren, aber irgendwann wird's dann fade. Für die Fahrer – aber auch für die Zuschauer. Die Piloten wissen um die Gefahr. Und sie blenden das Risiko immer ein Stück weit aus. Jacky Ickx, einer der größten Rennfahrer der Sechziger und Siebziger, hat schon vor Jahren gesagt: Jeder Pilot ist von sich und seinem Fahrkönnen derart überzeugt, dass er sich jeden Tag einredet, ihm selbst könne ja gar nichts passieren; treffen könne es immer nur die Anderen, die nicht so gut seien wie man selbst.

Gefahr gehört dazu. Das schreibt sich von außen leicht. Gerade PITWALK-Chef Norbert Ockenga ist aus eigener journalistischer Erfahrung klar, wie unermesslich schmerzlich tödliche Unfälle für die Hinterbliebenen sind: Ich habe mit den Witwen von Bellof und Manfred Winkelhock schon tiefschürfende, hoch emotionale Geschichten gemacht. Kein Witwenschütteln im Boulevardstil, sondern einfühlsame Storys.

Beide Witwen haben den Schmerz bis heute nicht verwunden – und die Unfälle waren beide anno 1985.

Die Hefte mit den Geschichten sind übrigens nicht umsonst längst vergriffen.

Jedes Opfer ist eines zu viel. Aber selbst Rennfahrer sagen von sich selbst, man könne sich nicht in Watte hüllen und alles sein lassen, was unter Umständen gefährlich sein könnte. Anregungen zu verbesserter Sicherheit sind hochwillkommen. Aber übertriebene Forderungen, verfasst aus reiner Theorie vom Schreibtisch aus, sind übertrieben.

Deswegen fällt viel von dem, was vor Spa verfasst wurde, in dieselbe Kategorie wie angebliche Löwensichtungen im Süden Berlins.


Teile diesen Beitrag

Das könnte auch interessant sein:

  • 03.09.2026

    Kommt auf nix mehr an

    Manchmal reicht ein Satz, um sich selbst zu entlarven. Beim Begriff „Clipping“, sagte der oberste Formel 1-Chef Stefano Domenicali im Sommer, würden vielleicht ein paar wenige Insi…
  • 20.08.2026

    Buenos Días Argentina?

    In Argentiniens Hauptstadt lodert wieder ein altes Feuer. Der lange gehegte Traum von einem Formel 1-Comeback ist inzwischen ein konkretes Projekt. Das Autódromo Oscar y Juan Gálve…
  • 29.07.2026

    Die Themen des Sommers

    Hallo liebe PITWALK-Freunde, wie immer, erhaltet Ihr als besonders treue Leser und Freunde des Hauses exklusiv vorab die Möglichkeit, Euch das Inhaltsverzeichnis der neuen Ausgabe…
  • 24.07.2026

    Endlich wieder was zu lesen

    Hallo lieber PITWALK-Freund, Ihr könnt sich schon Mal ganz tüchtig vorfreuen: Bald gibt es wieder ein neues Exemplar von Deutschlands bester Motorsportzeitschrift. Die Arbeiten li…
  • 23.07.2026

    Die chinesische Buhlschaft

    Es ist der wohl merkwürdigste Bieterwettstreit seit langem. Beide Freier stammen aus demselben Haus, und beide werben um dieselbe Buhlschaft: den chinesischen Autohersteller BYD. S…
  • 16.07.2026

    Ein bisschen mehr Spa muss sein

    Spa 2026: Das wird jene Strecke, auf der das neue Reglement zum ersten Mal die Wahrheit sagt Denn: Monaco belohnt Traktion. Monza bestraft Luftwiderstand. Silverstone verlangt aero…
  • 24.06.2026

    Hitze als Wender?

    Bringt die Omega-Wetterlage die Wende? Seit Europa unter einer Hitzewelle ächzt, hat sich das Kräfteverhältnis in der Formel 1 auf den kopf gestellt. In Barcelona, der ersten Hitze…
  • 16.06.2026

    Der dusseligste Ausfall von Le Mans

    Zugegeben, der Gedanke ist vielleicht ein bisschen sehr theatralisch. Aber wenn man allein, bellend hustend, mit rasselndem Atem, Fieber und Schüttelfrost vor sich hin vegetierend …
  • 13.06.2026

    Der Morgen davor

    Die 24 Stunden von Le Mans sind immer auch geprägt von Zahlen und Fakten – und hier sind die wichtigsten, die man braucht, um das Rennen zu verstehen: Jedes Auto hat 24 Satz Reife…
  • 10.06.2026

    Der grüne Machtkampf

    Es gibt in Frankreich nicht nur das berühmte Gallische Dorf. Sondern an diesem Wochenende auch das „Wasserstoff-Dorf“, das sogenannte „Hydrogen Village“. Es steht in Le Mans, und e…
  • 05.06.2026

    Zum Tod von Herbert Schnitzer

    Es sind Bilder, die überdauern. Am Freitag, an seinem 85. Geburtstag, ist Herbert Schnitzer gestorben. Der legendäre BMW-Teamchef ist einer jener Hauptdarsteller der deutschen Renn…
  • 20.05.2026

    Wal Timmy in der Formel 1

    Es bleibt nur Staunen. Vor mehr als zwei Jahren schon habe ich ein langes Telefonat mit Mario Illien geführt – jenem Schweizer, der zu Zeiten der Dominanz mit Mika Häkkinen im Werk…
2026 – BILD-PUNKTE LAREUS.MEDIA