+++ 2023-06-09 13:55 : Podcast – Analyse Hyperpole Le Mans mit Kamui Kobayashi & Alex Wurz, Vorschau Speedway-GP Teterow mit Kai Huckenbeck +++ 2023-06-08 07:19 : Podcast – Qualifikation für die Hyperpole vor den 24 Stunden von Le Mans. +++ 2023-06-07 15:19 : Podcast – die ultimative Vorschau auf das 100-jährige Rennen in Le Mans +++
BACK

01.09.2022

Der stolze Spanier


Fast könnte man meinen, Fernando Alonso sei immer noch ein Siegfahrer. Der Spanier ist vor dem Großen Preis der Niederlande wieder mal in aller Munde. Weil er sich – auch wieder mal – medial geschickt in Szene setzt. Mit einer Entschuldigung an Lewis Hamilton, den er im Bordfunk nach der Startrundenkollision von Spa noch als Idioten tituliert hatte.

Kein Fahrer versteht es, die Macht der Bilder so gut zu nutzen wie der Exweltmeister aus Oviedo. Dabei malt er von sich immer wieder das Bild des charmanten Latino, der kein Wässerchen trüben kann – obwohl er in Wahrheit das genaue Gegenteilt ist: Ein rücksichtsloser Egoist mit einem Selbstbewusstein, das länger ist als die ganze Nordseeküste von Zandvoort bis hoch zur Autoverladung nach Niebüll am Hindenburgdamm – und mit einem Hang zu impulsiven Ausrastern, die ihn bei allen möglichen Teams immer wieder in Schwierigkeiten bringen.

Bei Toyota hat eine solche Eskapade sogar zum Rauswurf aus dem Le Mans-Team der Japaner gefühlt: Nachdem er eine taktische Anweisung in der Endphase eines Langstreckenrennens nicht verstanden hatte und als Stallregie zu seinen Ungunsten missinterpretierte, warf er in der Box mit üblen Beschimpfungen um sich. Auch bei anderen Anlässen flogen schon mal Getränkeflaschen durch die Box. Die Impulsivität mochte sich die Teamleitung nicht länger bieten lassen.

Als Alonso beim Hallspeed-Team aus Südafrika für die Rallye Dakar anheuerte, machte sich bei der Mannschaft von Glyn Hall schon früh ein unbehagliches Gefühl breit. Man wartete bei allen Testfahrten förmlich darauf, dass Alonso aus der Haut fahren würde. Doch nichts dergleichen geschah. Auch nicht bei einem Überschlag während der Rallye über eine Düne hinweg in der Wüste.

Alonso ist ein unberechenbares Pulverfass. Mal bricht er einen teaminternen Streit vom Zaum, mit Intrigen, die auch J.R. Ewing nicht besser hätte inszenieren können – wie bei McLaren, als er seine Vormachtstellung vom jungenhaften Lewis Hamilton gefährdet sieht. Damals behinderte er nicht nur Hamilton, sondern brachte das ganze Team mit seinen Enthüllungen und Drohungen zum Spionageskandal an den Rand des Abgrunds. Bei Renault war er maßgeblich am Crashgate, dem absichtlich provozierten Unfall von Nelson Piquet, beteiligt. Nach seiner Rückkehr zu McLaren brüskierte er Honda mit Worten und einem demonstrativen Chillen in einem Anglersessel, unübersehbar platziert auf einem hohen Erdwall direkt neben der Strecke.

Und im Wechseleklat rund um Oscar Piastri spielt Alonso auch eine Hauptrolle. Jedes Mal nutzt er die Macht der Bilder: Der Anglersessel von McLaren-Honda ist nur ein Beispiel. Bei Toyota brachte er während des 24-Stundenrennens von Le Mans vor laufenden Kameras der Eurosport-Liveübertragung Kaffee zu den Renningenieuren an den Kommandostand, um zu zeigen: „Ich bin einer von Euch.“ Und als Alpine-Chef Otmar Szafnauer ihn nicht erreichen konnte, weil er angeblich in der Ägäis auf einer Jacht sei – da postete er flugs ein Instagramvideo von sich vor einem Orts- bzw. Namensschild in seiner Heimatstadt Oviedo.

Aber dann gibt es auch den anderen Alonso. Den etwa, der einem kindlichen Fan bei einer Autogrammstunde in Silverstone spontan nicht nur eine Autogrammkarte gibt – sondern sich gleich die eigene Kappe vom Kopf reißt, die auch noch unterschreibt und dem Kind schenkt. Dessen große Augen mit dem ungläubigen Blick bleiben als eines der Bilder der Formel 1-Saison 2022 im Gedächtnis.

Keine Frage, Alonso war auf dem Höhepunkt seiner Karriere mit mehr Talent, Fahrzeugbeherrschung und Gabe zum Schnellfahren gesegnet als viele Andere, womöglich sogar als Michael Schumacher. Und er verfügt immer noch über eine Rennintelligenz, eine Auffassungsgabe während des Fahrens und eine Fähigkeit, das Rennen von sich und seinen Konkurrenten zu lesen wie kein anderer Fahrer im aktuellen Feld. Dieses Sich-Erkundigen und Analysieren von Rennsituationen und –verläufen war schon immer das, was Formel 1-Ingenieure an Alonso noch beeindruckender fanden als seine reine Grundschnelligkeit.

Seine Experimente beim Indy 500 und bei der Rallye Dakar und Tateinheit mit einer Formel 1-Zwangspause haben ihm nicht gutgetan. Der fahrerische Hochglanzlack ist ab. Alonso ist immer noch gut, phasenweise sehr gut. Aber aus der einstigen Note „Eins Plus“ ist inzwischen bestenfalls eine „Eins Minus“ geworden, meistens pendelt er sich sogar im Bereich der „Zwei“ ein. Das ist zu wenig, um Aston Martin im kommenden Jahr nach vorn zu bringen. Und es ist auch zu wenig, um den ganzen Bohei um seine Person zu rechtfertigen, der in den letzten Wochen hochgesimmert ist.

Viel zu oft hat Alonso sich mit seiner Impulsivität und der Tatsache, zur falschen Zeit beim richtigen Team angedockt zu haben, um bessere Ergebnisse gebracht. Er hätte ebenso viele WM-Titel haben können wie Schumi und Sir Lewis, doch dafür hat er sich zu oft selbst im Weg gestanden.

Meistens war die Zeit mit Alonso für das betroffene Team vor allem ein großes Missverständnis.

Auch bei Toyota. Da hätte Alonso selbst dafür sorgen können, dass die erfolgreiche Kooperation – mit Le Mans-Siegen – weitergeht. Er hätte sich nur beim Technischen Direktor Pascal Vasselon zu entschuldigen brauchen. Teamchef Rob Leupen hatte ihm goldene Brücken gebaut. Doch Alonso war sich dafür zu stolz. Er hat lieber wieder eine Brücke hinter sich abgebrochen und verbrannte Erde hinterlassen, wie schon so oft.

So gesehen, ist das Palaver von Zandvoort sogar ein Fortschritt. Alonso scheint etwas gelernt zu haben aus den Fehlern der Vergangenheit. Immerhin hat er sich ja bei Hamilton entschuldigt.


Teile diesen Beitrag

Das könnte auch interessant sein:

  • 05.06.2023

    Die Wahrheit über Teterow

    Das Bangen hat ein Ende. Der Große Preis von Deutschland am Sonnabend in Teterow wird plangemäß stattfinden – allen Unkenrufen zum Trotz. Denn der Speedwayklassiker in Meckenburg s…
  • 02.06.2023

    Vettel geht aufs Wasser

    Mitten im normalen Journalistenalltag trudelt Überraschendes im Emailpostfach ein. Sebastian Vettel engagiert sich als Teilhaber bei einem neuen deutschen Team für die „SailGP“ – e…
  • 31.05.2023

    Genie-Gene

    Auch wenn man den Job schon Jahrzehnte ausübt – es gibt immer noch Gespräche und Termine, die sind etwas ganz Besonderes. So etwa bei der Recherche für die aktuelle Ausgabe der Zei…
  • 25.05.2023

    Eine Bayerin in Ostfriesland

    Hoch im Norden wartet zu Pfingsten ein ganz besonderer motorsportlicher Leckerbissen: Beim Störtebeker-Pokal der Speedwayfahrer im ostfriesischen Motodrom Halbemond tritt auch eine…
  • 25.05.2023

    Deutsche Angst

    Es ist Sonntagmittag. Draußen tobt noch das 24-Stundenrennen auf dem Nürburgring. Ich sitze mit Vertretern der Automobilzuliefererindustrie in einem Auflieger im Fahrerlager. In so…
  • 18.05.2023

    Narben in der Eifel

    Wie sangen die Toten Hosen vor langer Zeit so schön? „Machen wir ‘ne Herrentour // an die schöne Ahr“. Genau da führte am Vatertag – den manche Gleichstellungsbeauftragte inzwische…
  • 17.05.2023

    Volksfeiertag

    Es ist das Wacken des deutschen Motorsports, und die Fanmassen haben die Grüne Hölle längst in Beschlag genommen. Ab dem Himmelfahrts- oder besser Vatertag tobt in der Eifel wieder…
  • 13.05.2023

    SGP statt ESC!

    Na, auch keine Lust auf diesen European Song Contest, oder wie der einstige Schlager-Grand Prix heutzutage heißt? PITWALK kennt das ideale Alternativprogramm – und den passenden Ha…
  • 04.05.2023

    Miami Preis

    Es ist Mittwochnachmittag vorm Grand Prix in Miami, und Lewis Hamilton gibt sich die Ehre. Auf einem öffentlichen Basketballplatz unter einer Brücke über jenes Haff, das die Innens…
  • 29.04.2023

    Maifeier-Race

    Wem's am 1. Mai zuhause zu fad' wird – dem kann geholfen werden. Mit einer ganz besonderen Veranstaltungsempfehlung von PITWALK. Denn am 1. Mai findet in Brokstedt in Schleswig-Hol…
  • 28.04.2023

    Drift in den Mai

    Das Wochenende vorm 1. Mai steht ganz im Zeichen einer außergewöhnlichen Motorsportsparte: Auf dem Estering in der Nähe von Buxtehude findet der Auftakt der Deutschen Rallycross-Me…
  • 27.04.2023

    Dr. Marko und das Geschenk

    Sein schönstes Geburtstagsgeschenkt machte ihm die Firmenzentrale: Zum 80. Geburtstag von Dr. Helmut Marko, dem Talentspäher und Motorsportchef von Red Bull, entschied die Limonade…
2023 – BILD-PUNKTE LAREUS.MEDIA