+++ 2024-08-29 19:14 : Blog – warum will niemand Mick Schumacher? +++ 2024-08-18 11:14 : Blog – der unsinnigste Vergleich des Jahres +++ 2024-08-08 17:24 : Podcast – Erinnerungen an Speedwaystar Tommy Dunker. Interview von Norbert Ockenga mit Weggefährte und Rivale André Pollehn +++
BACK

28.07.2022

Der Grüne verlässt den Grünen


Das Unausweichliche zog sich ziemlich in die Länge. Aber es geschah doch: Sebastian Vettel hört auf. Auf eine gewisse Art und Weise unfreiwillig: Hätte er eine Perspektive gesehen, wieder um Siege zu fahren, dann hätte er mit Sicherheit noch ein Weilchen drangehängt. Aber einer wie Vettel ist nicht im Sport, um hinterher zu fahren. Das entspricht nicht dem Anspruch, den er mit seinem unbändigen Ehrgeiz an sich selbst stellt.

In gewisser Weise ist er das Opfer vom ganz besonderen Mikrokosmos Formel 1 geworden. Denn die Szene ist bekannt dafür, sich selbst in die Tasche zu lügen. So haben sie Vettel bei Aston Martin glaubwürdig verkauft, dass das einstige Jordan-Team dank der Millioneninvestitionen auf den aufsteigenden Ast komme und den Anschluss an die Spitze schaffen würde. Vettel war wirklich davon überzeugt, dass er seinen Teil dazu beitragen und mit den Grünen wieder gewinnen könne.

Doch diverse Fehlentscheidungen des neuen Besitzers Lawrence Stroll haben dazu geführt, dass dessen ehrgeizige Pläne nie in die Tat umgesetzt werden konnten. Allen voran die Verpflichtung des ehemaligen McLaren-Geschäftsführers Martin Whitmarsh als übergeordneten Markenchef. Der Engländer ist zwar ein exzellenter Verkäufer seiner selbst. Doch seine Vorstellungen davon, dass man ein Rennteam wie einen Großkonzern führen müsse, haben schon dafür gesagt, dass bei McLaren eine Abwärtsspirale in Gang kam. Bei Aston erstickten sie jeden Fortschritt im Keim. Denn ein Rennstall lebt maßgeblich von kurzen Entscheidungswegen und klaren Strukturen. Jede Konferenz und jede Matrixebene in der Hierarchie sind in der schnelllebigen Motorsportwelt ein unnützer Hemmschuh.

Aston hat zwei verschiedene technische Wege beschritten, beide erwiesen sich als Rohrkrepierer. Das ist Vettel inzwischen auch aufgegangen. Und er hat die Ausweglosigkeit des Unterfangens erkannt. Zudem haben sich in seinem Leben die Prioritäten verschoben – wie es so oft passiert, wenn ein Mensch älter und obendrein noch Elternteil wird. Der ganz normale Reifeprozess hat dazu geführt, dass Vettel sich mehr für Umwelt- und soziale Themen interessiert als früher. Als Jüngling ging es in seinem Leben immer nur um Rennsport – oder genauer gesagt: ums Gewinnen. „Das Weltmeister-Gen“ – so sagt man im Formel 1-Fahrerlager. Die Teamchefs und Verantwortungsträger verorten bei jungen Fahrern schon in den Nachwuchsformeln, wer den unbändigen Ehrgeiz und kompromisslosen Siegeswillen in sich trägt – und wer nicht. Nur wer mit dem „Weltmeister-Gen“ auffällt, kriegt überhaupt eine Chance – und nur wer diese Erbanlagen dann wirklich konsequent auslebt und durchzieht, gewinnt Grands Prix und Titel.

Bei Vettel gab es nie einen Zweifel, dass er die dazu nötige Kompromisslosigkeit besitzt. Seit Kind schon hat er alles dem Motorsport untergeordnet; Schwäche zeigen war verpönt, Kritik mündete auch schon Mal in Tränen.

Gleichzeitig hatte er allerdings schon als Formel 1-Novize die geistige Kapazität, sich mit anderen Themen zu befassen. Das fiel auf, als wir zwischen den Rennen von Schanghai und Fuji mal ein paar Tage in Tokio zusammen verbrachten: Da wollte er auf den berühmten Fischmarkt und saugte im Elektronikviertel Akihabara meine Kenntnis über Sonderpressungen von Musikalben für den japanischen Markt auf. Als Abba-Fan stöberte er in den Regalen nach solchen Raritäten aus alten Zeiten, in denen man Musik noch auf Plattenteller legte.

Da war schon absehbar, dass Vettel nicht so eindimensional gepolt ist wie etwa ein Max Verstappen – dass er seine geistige Kapazität aber so genau kanalisieren kann, dass sie immer dann zu 100 Prozent für die Formel 1 genutzt wurde, wenn das nötig war. Dass daraus jetzt ein Umwelt- und Nachhaltigkeitsbewusstsein geworden ist, überrascht vor diesem Hintergrund nicht. Und im selben Maße, wie die sportliche Lage sich immer weiter verdüsterte, verschob Vettel die Prioritäten hin zu Familie und Umwelt. Auf Dauer konnte das nicht gutgehen: Ein Grüner im Grünen.

Manch’ einer hätte aus dem Aston Martin womöglich sogar mehr rausgeholt als Vettel. Doch der Hesse ist ein Fahrer, der immer erst dann schnell wird, wenn er genau durchblickt hat, wie ein Wagen flott bewegt werden will. Solange ihm das nicht in Fleisch und Blut übergegangen ist, kann er sein fahrerisches Talent und seine Wagenbeherrschung nicht voll ausschöpfen. Bei dem heiklen Aston Martin hat sich dieser Heureka-Moment, in dem der Knoten platzt, nie eingestellt. Vettel blieb stets hinter den eigenen Möglichkeiten zurück – und nicht nur hinter den eigenen Erwartungen.

Der Rücktritt ist folgerichtig. Aber er kommt zu spät, um noch ein würdevoller Ausstieg zu sein. Vettel geht es wie so vielen vor ihm, auch seinem großen Idol Michael Schumacher: Er hat vor lauter Begeisterung für die Formel 1 und den unerschütterlichen Glauben an weitere Siege den optimalen Zeitpunkt für den Absprung verpasst.


Teile diesen Beitrag

Das könnte auch interessant sein:

  • 10.06.2026

    Der grüne Machtkampf

    Es gibt in Frankreich nicht nur das berühmte Gallische Dorf. Sondern an diesem Wochenende auch das „Wasserstoff-Dorf“, das sogenannte „Hydrogen Village“. Es steht in Le Mans, und e…
  • 05.06.2026

    Zum Tod von Herbert Schnitzer

    Es sind Bilder, die überdauern. Am Freitag, an seinem 85. Geburtstag, ist Herbert Schnitzer gestorben. Der legendäre BMW-Teamchef ist einer jener Hauptdarsteller der deutschen Renn…
  • 20.05.2026

    Wal Timmy in der Formel 1

    Es bleibt nur Staunen. Vor mehr als zwei Jahren schon habe ich ein langes Telefonat mit Mario Illien geführt – jenem Schweizer, der zu Zeiten der Dominanz mit Mika Häkkinen im Werk…
  • 10.05.2026

    Wasserstoff-Toyota in Le Mans!

    Der Wasserstoffrevolutionär lebt. Im Vorprogramm des 24-Stundenrennens von Le Mans wird in diesem Juni der neue Toyota-Sportprototyp, dessen Motor Wasserstoff statt Benzin verbrenn…
  • 29.04.2026

    Audi macht alles falsch

    Audi hat den Offenbarungseid geleistet. In der Woche vor dem Neustart der Formel 1 hat Audi-Teamchef Mattia Binotto gestanden, dass die Softwarekalibrierung des Motors nicht gut ge…
  • 25.04.2026

    Den Blick nach vorn

    Sie kennen unsere gemeinsame liebgewonnene Tradition ja inzwischen schon – auch dieses Mal erhalten Sie als einer der besonders treuen Fans und Leser vorab die Möglichkeit, sich da…
  • 23.04.2026

    Menschen im Mittelpunkt

    Hallo lieber PITWALK-Freund, die hohe Kunst des Journalismus besteht darin, außergewöhnliche Themen aufzuspüren. Oder außergewöhnliche Persönlichkeiten als Hauptdarsteller zu find…
  • 20.04.2026

    Die 24 Wunden von Le Mans

    Die ganze Rennserie steht unter Bewährung. Die Sportwagen-Langstrecken-WM hat sich im vergangenen Jahr selbst in die sportliche Bedeutungslosigkeit manövriert. Entsprechend waren d…
  • 26.03.2026

    Audi: willkommen im Mittelmaß

    Das muss man erstmal schaffen. Audi trennt sich nach gerade mal zwei Rennen von einem seiner beiden Teamchefs – und behält den schlechteren des Duos. Die Ingolstädter werfen sich m…
  • 12.03.2026

    Nahost-Entscheidung am 20. März

    Am Samstag sind alle schlauer. Denn es geht von derjenigen Strecke, auf der das Rückgewinnen von Energie zum Aufladen der Akkus am schwersten fällt, auf jene, auf der man mit am be…
  • 10.03.2026

    Die lange Nacht der Stars

    Sogar der Weltmeister gibt sich die Ehre. Wenn bahndienst.com und Inn-Isar-Racing am Mittwochabend im Studio Bayern zum großen Eisspeedway-Talkabend laden – dann kommt selbst Marti…
  • 04.03.2026

    Kuriose neue Welt

    Die Zahl hängt wie ein Damoklesschwert über der Box. Sollte Ferrari am Sonntag in Melbourne den Formel 1-Saisonauftakt nicht gewinnen – dann hätte das automatisch zur Folge, dass m…
2026 – BILD-PUNKTE LAREUS.MEDIA