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15.10.2019

Das große Schwelgen


Nach vier Jahren endete am Wochenende für das Werksteam Ford Chip Ganassi Racing eine Ära: Das Zehnstundenrennen Petit Le Mans auf der berühmten Rennstrecke von Road Atlanta war für den Ford GT der letzte Werkseinsatz. Im persönlichen Rückblick sprechen Fahrer, Teammitglieder und Partner über ihre Erinnerungen und besondere Momente hinter den Kulissen.

Dirk Müller

Schönste Erinnerung: Das ist eindeutig die Auslaufrunde in Le Mans 2016. Nach dem Fallen der Zielflagge habe ich realisiert, was wir gerade erreicht hatten. Es war unser größter Sieg in den vier Jahren. Wir standen unter enormem Druck in jener ersten Saison und haben dem standgehalten. Nicht nur wir Fahrer, das gesamte Team hat perfekt gearbeitet und uns ermöglicht, diesen Erfolg zu erkämpfen.

Was niemand weiß: Nach diesem Sieg wurden viele Freudentränen im Verborgenen vergossen. Ich konnte im Funk hören, wie die Jungs weinten vor Glück.

Joey Hand

Schönste Erinnerung: Ich denke am liebsten an den Moment zurück, als ich in Le Mans 2016 auf meinem letzten Stint den Ferrari überholte. Danach haben wir die Führung nicht mehr abgegeben und wiederholten nach 50 Jahren einen legendären Sieg von Ford gegen Ferrari. Ich habe nicht nur den Überholvorgang auf der Strecke später noch oft im Highlight-Programm gesehen, sondern auch den Blick in die Box, als es passierte. Die ganze Mannschaft hat gejubelt und gespürt, dass dies der Moment ist, in dem wir Geschichte schreiben. Es war großartig, ein Teil davon zu sein.

Was niemand weiß: In der Frühphase des Werksprogramms statteten wir dem Design Center der Ford Motor Company einen Besuch ab. Es wurde zwar schon häufiger darüber berichtet, doch ich glaube nicht, dass die Leute sich das richtig vorstellen können, aber in einem Kellerraum – der sonst als Lager genutzt wurde – haben sie dort das komplette Designkonzept des Teams zusammen entwickelt. Ich dachte erst, es sei ein Witz, als wir alle in den Keller sollten. Aber der Raum bildete unsere neue Aufgabe bis ins Detail ab. Auf der einen Seite stand die Straßenversion des Ford GT, von innen und außen exakt so gestaltet wie später die Rennwagen. Auf der anderen Seite lagen unsere Overalls, die Teamkleidung und alle anderen Elemente im neuen Look bereit. Alles war von A bis Z perfekt aus einem Guss präpariert. Das war für mich einer der coolsten Momente des Programms.

Ryan Briscoe

Schönste Erinnerung: Ich habe gleich zwei davon. Die eine ist definitiv das Podium in Le Mans 2016. Dirk Müller, Joey Hand und Sébastien Bourdais hatten gewonnen; Richard Westbrook, Scott Dixon und ich standen als Drittplatzierte gemeinsam mit ihnen dort oben. Den Blick auf diese Menschenmenge werde ich nie vergessen. Ebenfalls eingebrannt hat sich mir das Podium nach den 24 Stunden von Daytona 2018, als wir nach langem Kampf mit unserem Schwesterauto gewannen und erneut gemeinsam jubelten.

Was niemand weiß: Wo auch immer wir fahren, gehen wir mexikanisch essen. Ein geeignetes Lokal zu finden, hat bei uns Tradition. Joey ist meistens die treibende Kraft, aber wir alle lieben dieses Essen.

Harry Tincknell

Schönste Erinnerung: Wir haben einige tolle Erfolge in der WEC gefeiert. Der Heimsieg 2017 in Silverstone war klasse, aber als bester Moment hat sich für mich der zweite Platz in Le Mans 2017 eingeprägt. Wir fuhren ein fast fehlerfreies Rennen in der Spitzengruppe. Auf der letzten Runde lag ich an Position drei und konnte zwei Kurven vor der Zielflagge noch eine Corvette überholen. Das war wohl der späteste erfolgreiche Positionskampf in der Geschichte dieses Rennens. Danach für Ford auf dem Podium zu stehen, fand ich sehr ergreifend.

Was keiner weiß: Die Zusammenarbeit mit Andy Priaulx hat mich zu dem Rennfahrer gemacht, der ich heute bin. Ich kam als 23-Jähriger zum Team und habe unglaublich viel von ihm gelernt. Vor allem bezüglich der Fahrzeugabstimmung und beim Feedback für die Ingenieure konnte ich von seiner Erfahrung profitieren, fahrerisch natürlich auch. Eher witzig war sein Wunsch, auf schwarze Balaclavas umzusteigen.

Mike Hull, Leitender Direktor Chip Ganassi Racing

Schönste Erinnerung: Le Mans 2016, als wir mit unserem Ford GT die GTE Pro-Kategorie gewannen und das Schwesterauto Platz 3 eroberte. Da auch der zweitplatzierte Ferrari von Risi Competizione aus den Vereinigten Staaten kam, war das Podium fest in US-amerikanischer Hand. Als die neun Fahrer auf dem Podest standen, flatterten drei US-Flaggen im Wind, dazu erklang unsere Nationalhymne. Das Siegerpodest ist sehr hoch und überragte eine Menge von rund 50.000 Menschen. Die europäischen Fans applaudierten den Fahrern und den Flaggen. Das hat mich als Amerikaner in Frankreich sehr bewegt.

Was keiner weiß: Unser Programm umfasste tatsächlich sechs Jahre. 2014 und 2015 haben wir den Motor und viele Komponenten bereits in einem Daytona-Prototyp erprobt. Wir testeten Kühler, Wärmetauscher, Turbolader, das Motormanagement und die Elektronik. Das Motorpaket war praktisch fertig, als wir es in den Ford GT implantierten und im Oktober 2015 mit ersten Versuchsfahrten für die Saison 2016 begannen. So konnten wir uns ganz auf das Chassis konzentrieren - das war ein großer Vorteil.

Kevin Groot, Leiter des IMSA/WEC-Programms bei der Ford Motor Company

Schönste Erinnerung: Das ist auf jeden Fall der Doppelsieg mit den beiden Ford GT bei den 24 Stunden von Daytona 2018. Ein großartiges Gefühl: Die Autos und das Team funktionierten 24 Stunden lang wie ein Uhrwerk, es gab kaum Gelbphasen, und wir dominierten. So etwas geschieht nicht oft.

Was keiner weiß: Ich denke, meine beste nie erzählte Geschichte handelt von Dirk Müller in Le Mans 2016. Es war nachts, er fuhr in der Mitte seines Stints, als plötzlich Lichter auf seinem Display blinkten. Im Funk ereiferte er sich über violette Signale, die er allerdings mit einem Kraftausdruck belegte, den keiner verstand, obwohl er ihn mehrfach wiederholte. Erst als wir Joey Hand den Funk aufsetzten, konnte er interpretieren, worüber sich Dirk Sorgen machte.

Larry Holt, Technischer Leiter Multimatic

Schönste Erinnerung: Ich denke sehr gern an den ersten Test mit dem Ford GT am 16. Mai 2015 zurück. Das Auto fuhr zwei Tage lang ohne Probleme in Calabogie auf dem Testgelände bei Ottawa. Scott Maxwell begann schon damit, die Abstimmung zu verbessern. So weit ist man selten beim ersten Test. Was mich am meisten überwältigt hat, geschah aber 2016 in Daytona. Das ist an sich keine schöne Erinnerung, erzählt aber, wie das gesamte Team – Multimatic, Ford und Chip Ganassi Racing – Rückschläge bewältigen konnte. Von Mai 2015 bis zum Rennen in Daytona Ende Januar 2016 hatten wir 18.000 Testkilometer zurückgelegt. Es gab ein paar Kleinigkeiten zu beheben, aber nichts Alarmierendes hinsichtlich der Standfestigkeit. Doch dann musste das eine Auto schon in der ersten Stunde wegen eines Defekts am Getriebe das Rennen aufgeben und das andere ereilte dasselbe Problem. Der Schaden war nie zuvor aufgetreten und brachte uns früh um alle Chancen. Ein schlimmer und deprimierender Moment. Aber wir alle zogen daraus zusätzliche Motivation, noch tiefer in jedes System des Autos reinzuschauen. Fünf Monate später fuhren drei von vier Ford GT 24 Stunden lang völlig reibungslos in Le Mans.

Was keiner weiß: Es gibt einige Dinge, die über dieses Programm bislang wenig bekannt sind - etwa, dass Multimatic Motorsports Europe die Sportwagen-WM-Einsätze von Ford Chip Ganassi Racing ausgeführt hat. Das war eine großartige Aufgabe für uns.


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