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03.01.2017

Daily Dakar, Episode 7: Die erste Überraschung


So muss das sein. Am ersten Tag der Rallye Dakar setzt es gleich die erste faustdicke Überraschung.

Und es ist eine Sensation, die einer schönen Tradition folgt. Denn in den vergangenen gut fünf Jahren hat es sich als ebenso angenehmer wie verlässlicher Trend verfestigt: Wer immer in der gerade relevanten Ausgabe unserer Zeitschrift PITWALK eine tragende Rolle spielt, der schneidet auch im dazugehörigen Event gut ab. Wir sind da irgendwie zu einer Art inoffizieller Glücksbringer geworden.

Jetzt halt für Xavier Pons und das Southspeed-Team, die Überraschungs-Zweitplatzierten vom Prolog am gestrigen Montag in Paraguay. Denn Southspeed-Teamchef Scott Abraham – ein in Deutschland ansässiger Südafrikaner, der perfekt Deutsch spricht – ist einer jener Experten, die in unserer großen Dakar-Vorschau im neuen Heft ausgiebig zu Wort kommen. Und seinen Schützling „Xevi“ Pons haben wir auch schon als eine Art Geheimfavorit rausgearbeitet in diesem Heft.

Das ist natürlich alles kein Zufall. Denn die Ford Ranger von Southspeed entstammen derselben motorsportlichen Pritschenwagen-Hochburg wie jene Toyota Hilux, in denen Nasser Al-Attiyah und Giniel de Villiers gestern so aufgegeigt haben: Südafrika, dem Land der Offroad-Rennen fahrenden Pickup-Trucks.

Die Technik der Ranger entstand in Pietermaritzburg bei einem großen Südafrikanischen Offroad-Team, schließlich war Scott Abrahams Vater schon ein Hauptdarsteller in genau dieser Disziplin im Land am Kap. Und weil Sohn Scottie jahrelang unter anderem als Teammanager bei X-Raid in leitender Funktion tätig war, kennt auch er das Marathongeschäft mit all seinen Fallstricken und Tricks aus dem Effeff.

So ist es denn kein Wunder, dass die Southspeed-Ranger dieses Jahr deutlich stärker daherkommen als noch im Januar 2016. Zum ersten Mal fährt man mit dem Fünfliter-V8-Sauger, wie er serienmäßig im Straßen-Ford Mustang GT verbaut ist. Im Vergleich zum bisherigen Motor, einer Ableitung der vorigen Generation der Ford-Daytona-Prototypen aus der Grand-Am und den 24 Stunden von Daytona von der Rundstrecke, leistet der Mustang 20 PS mehr und hat vor allem deutlich mehr Durchzugsvermögen unter der gesamten Drehmomentkurve anliegen.

Seit Juli fährt Southspeed mit dem neuen Mustang-Motor. Pons wurde damit Vierter bei der Baja Spanien und Zweiter beim Marathon von Portalegre in Portugal. Da hätte man die Nachtigall schon trappsen hören können.

Nach der Feuertaufe hat Southspeed die Übersetzungen und vor allem die Differenziale des Allradlers auf die bessere Kraftentfaltung angepasst – und ein neues Fahrwerk von BOS eingebaut und optimiert.

Eigentlich gelten Reiger-Dämpfer im Marathonsport als das Maß der Dinge. Doch BOS hat früher, als die Rallye noch in Afrika tobte, die Mitsubishi Pajero bestückt. Deren damaliger Konstrukteur, der Franzose Thierry Viardot, hat zwischenzeitlich als Freiberuflicher Ingenieur an der Konzeption des Southspeed-Ford mitgearbeitet und seine Vorliebe für BOS in die Geometrie des Ranger einfließen lassen.

Man muss schon sehr bewandert in der Geschichte der Rallye Dakar sein, um das wirklich einordnen zu können. Denn heutzutage kann sich kaum noch einer daran erinnern, dass Mitsubishi einst die Übermacht im Marathonsport schlechthin stellte. Die Ära mit Stéphane Peterhansel, Nani Roma, auch Jutta Kleinschmidt und dem furiosen Hiroshi Masuoka ist längst in Vergessenheit geraten. Heute denkt beim Namen Mitsubishi jeder an biedere Autos, die Emotion und technische Demonstration durch den Motorsport assoziiert niemand mehr mit der Marke und ihren Produkten.

So geht’s, wenn man zu lange aus dem Motorsport fern bleibt. Oder können Sie sich noch daran erinnern, dass Fiat einst eine stolze und Maßstäbe setzende Marke in der Rallye-WM war? Heute ist der Ruf von beiden Marken ein ganz anderer – und nicht gerade ein besserer, das muss man ganz klar sagen.

Jedenfalls hat Viardot seinerzeit maßgeblich dazu beigetragen, dass Mitsubishi die besten Marathon-Allradler einer ganzen Generation gebaut hat. Und wie so viele geniale Konstrukteure aus der französischen Rallyelandschaft, hat er sich nach dem Ende des Werksprojekts mit einem eigenen Ingenieursbüro selbständig gemacht.

Mit dem gab er dem Ford Ranger von Southspeed jenen Feinschliff, der die Gardeleistung von Xavier Pons am Vortag möglich gemacht hat.

Inzwischen arbeitet Viardot für X-Raid. Dort traf er auf alte Bekannte: Teamchef Sven Quandt fuhr in den späten Achtzigern in Mitsubishi selbst erfolgreich als Amateur in der Marathonszene – und war dort später Sportchef, ehe die Japaner das Dakar- und auch das Rallye-WM-Projekt abrupt vor den Baum gesetzt haben.

Bei Southspeed jedenfalls greift jetzt alles Hand in Hand: Das BOS-Fahrwerk mit dem neuen Fünfliter-V8 aus dem Mustang und einer neuen Motronic von Motec. Die ist so aufwändig, weil sie – wie von Cosworth vorgemacht – nicht mehr mit klassischen Sicherungen, sondern nur noch mit Widerständen in den Stromkreisläufen arbeitet. Das muss alles im wahrsten Sinne des Wortes wasser- und bei der Dakar auch staubdicht gemacht und richtig programmiert werden.

Southspeed ist zuversichtlich, das hinbekommen zu haben. Über die Distanz wird Pons mit dem rein privat eingesetzten Wagen nicht das Tempo der großen Drei halten können: Hallspeed-Toyota, X-Raid und Peugeot. Zumal dem ehemaligen Rallye-WM-Hoffnungsträger auch das Layout und der Belag der gestrigen Prüfung sehr entgegen kam. Ab heute geht es schon mit mehr typischem Marathon-Terrain weiter, mit ultraschnellen Geradeauspassagen und durch eine staubige Landschaft, quasi hinein in die Kreidezeit der Dakar.

Denn so heißt die Region, wegen ihres kalk- oder kreideähnlichen Sands, der – wenn es trocken bleibt – als fieser Staub in der Luft hängen bleibt.

Pons wird da von seiner guten Startposition profitieren, das war genau der Plan, den die ausgebuffte Southspeed-Mannschaft gestern verfolgt hat. Jetzt ist die Ausgangslage als Favoritenschreck auf Zeit gegeben, mal sehen, wie lange es dauert.

Der Rallye können solche Überraschungen jedenfalls nur gut tun.


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