+++ 2024-08-29 19:14 : Blog – warum will niemand Mick Schumacher? +++ 2024-08-18 11:14 : Blog – der unsinnigste Vergleich des Jahres +++ 2024-08-08 17:24 : Podcast – Erinnerungen an Speedwaystar Tommy Dunker. Interview von Norbert Ockenga mit Weggefährte und Rivale André Pollehn +++
BACK

04.03.2026

Kuriose neue Welt


Die Zahl hängt wie ein Damoklesschwert über der Box. Sollte Ferrari am Sonntag in Melbourne den Formel 1-Saisonauftakt nicht gewinnen – dann hätte das automatisch zur Folge, dass man eine deprimierende Bilanz reißt: 500 Tage ohne Grand Prix-Sieg.

Viel spricht dafür, dass es zu dieser niederschmetternden Statistik kommt. Und das, obwohl die Roten beim letzten noch möglichen Test in Bahrein die Konkurrenz mit einem Techniktrick überrumpelt hatten, den die Gegner nicht auf die Schnelle kopieren können – und der mit den neuen Regeln für 2026 zusammenhängt. Die sehen einerseits eine andere Verteilung der Energiebilanz der Verbrenner- und Elektromotoren des Hybridsystems vor – aber auch neue, bewegliche aerodynamische Bauteile, deren Position und Einstellungen während der Fahrt adhoc verstellt werden können.

Die große Regelnovelle sorgt dafür, dass die Teams völlig verschiedene Wege bei der Grundkonzeption ihrer Autos einschlagen. Ferrari setzt auf zwei Kniffe bei der Luftführung. Spannend vor allem: das um 270 Grad drehbare obere Element des Heckflügels. Diese Erfindung toppt das bisherige DRS-Klappflügelsystem, bei dem der Heckspoiler einfach nur flachgestellt wird und so weniger Luftwiderstand aufwirft. Der Rotationsflügel von Ferrari wirkt dank seines Negativprofils, wenn er aktiviert ist, wie ein Diffusor, kreiert eine eigene Unterdruckzone oben hinter dem Heckflügel – und sorgt so dafür, dass die Luft, die vom eigentlichen Unterboden kommt, schneller nach oben hochgesogen wird. Das bringt mittelbar weniger Luftwiderstand. Je nach Länge der Geraden, sind die Ferrari so um acht bis 12 km/h schneller als alle anderen Autos.

Aber: Der Drehflügel soll erst in Montreal im Sommer zum Einsatz kommen. In Bahrein probte Ferrari mit einem Erstling. Der drehte sich noch zu langsam um die eigene Achse. Und in jenen Sekundenbruchteilen, in denen die Rotation vonstatten geht, steht er für einen kurzen Moment senkrecht im Wind. Das wirkt wie ein Bremsfallschirm und wirft die ganze Luftführung durcheinander. Zudem sind die Scharniere, an denen er gedreht wird, noch zu schwer.

Deswegen ist das Renndebüt verschoben. Oder besser gesagt: Es war im internen Entwicklungsfahrplan ohnehin nicht für Melbourne, Asien und die Arabien-Grands Prix nach dem Ramadan, sofern sie stattfinden, vorgesehen.

So verschiebt sich die Favoritenrolle hin zu zwei Teams, die eine andere Lücke in den Regeln genutzt haben: Mercedes und Red Bull. Deren beide Motoren erzielen bei hohen Betriebstemperaturen eine höhere Verdichtung als jene von 16:1, die eigentlich im neuen Regelwerk vorgesehen ist. Bei Kaltstarts ist noch eine Zusatzkammer statisch, welche das Benzin-Luftgemisch in den Brennräumen bei 16:1 hält. Doch wenn es heiß wird, formt deren Beschichtung die Kammer so um, dass höhere Verdichtungen gefahren werden können.

Das gilt zwar als offenes Geheimnis. Doch den wahren Effekt, den dieser Trick als Vorteil nach sich zieht – den haben die Medien bislang noch nicht durchschaut. Alle Welt geht davon aus, dass es sich dabei vor allem um eine Maßnahme zur Leistungssteigerung handele. Dabei geht es in Wahrheit primär darum, die Energierückgewinnung zum Einspeisen von Strom in die Akkus besser nutzen zu können – über die Motorbremse. Jeder, der sich schon mal mit der Technik von Speedwaymotorrädern befasst hat, weiß: Die Einzylinder fahren Verdichtungen von bis zu 18:1. Das sorgt dafür, dass die Motorbremse extrem zupackt, sobald ein Speedwayfahrer den Gasgriff zudreht.

Bei den neuen Hybridregeln ist die Motorbremse immens wichtig. Denn die Energiebilanz sieht vor, dass E- und Ottomotoren über eine Runde ziemlich genau gleich viel Leistung abgeben müssen. Schon seitdem die Regeln erstmals kommuniziert worden, war allen klar: Das ist nicht ohne Weiteres zu leisten. Die Akkus müssen erheblich stärker aufgeladen werden, als das übers reine Rekuperieren der Bremsenergie möglich ist. Das geht nur über eine Lastpunktverschiebung des Verbrenners: Man muss früher lupfen, um das Aufladen der Akkus zu starten, und ein Teil der Motorleistung wird abgezwackt, um Strom in die Zellen zu füttern. Das will man aber nicht, denn es kostet Topspeed und Rundenzeit. Wenn man, wie Mercedes, mit höherer Verdichtung wird und so eine aggressivere Motorbremse provoziert, kann man sich die Lastpunktverschiebung ein Stück weit sparen.

Mercedes hat erst nach dem Bahrein-Test die volle Motorleistung freigegeben, sodass alle Zeiten aus der Wüste nicht aussagekräftig sind. Red Bull-Partner Ford hat auch die Lastpunktverschiebung über eine hohe Verdickung ausgemerzt, aber nicht so radikal wie der Daimler. Stattdessen fährt Max Verstappen in den meisten Kurven um einen Gang niedriger als eigentlich normal, um so die Drehzahl hochzujagen und in den Ecken mehr Energie in die Akkus zu wuchten. Das macht den Wagen enorm unruhig, vor allem hinten – was Verstappen als einziger Fahrer des Feldes überhaupt bändigen kann.

Ferrari bringt aber einen anderen Vorteil vom Bahrein-Test mit nach Melbourne: die Blitzstarts. Die Turbolader der Italiener sind kleiner als jene aller anderen. Also erreichen sie im Stand, beim Warten auf die Startfreigabe, schneller die Drehzahl der Turbinen als der Rest. Bei Probestarts hat sich gezeigt: Die Ferrari können allein durchs bessere Aus-dem-Band-Schnellen zwei Startreihen in Slalom überholen.

Die ersten Rennen der neuen Regeln dürften also ziemlich eigenartige Handlungsstränge und Verläufe an den Tag legen.


Teile diesen Beitrag

Das könnte auch interessant sein:

  • 01.11.2026

    Sonderfall Katar

    Es liest sich wie eine ganz normale Nachricht. Nasser Al-Attiyah hat die Baja Katar gewonnen – den vorletzten Lauf zum Baja-Weltpokal. Der Katari ist damit seiner Favoritenrolle in…
  • 28.10.2026

    Funktionär kommt von funktionieren – oder?

    Es ist das wohl am meisten vergessene Jubiläum des Jahres. 2026 ist es genau 100 Jahre her, dass auf der Avus in Berlin der erste Grand Prix von Deutschland nach dem Ersten Weltkri…
  • 25.10.2026

    Ein bisschen News von der Dakar

    Der Weg zurück ist wichtiger als der nächste Schritt: Am Sonntag hat die Amaury Sport Organisation als Veranstalter der Rallye Dakar verkündet, dass die härteste Rallye der Welt 20…
  • 22.10.2026

    Krieg als Politikum?

    Jetzt geht’s um die Macht. Und um die Frage: Wer hat im Motorsport eigentlich das Sagen – der Automobilweltverband FIA oder jene Agentur, die im Auftrag der FIM eine Rennserie verm…
  • 12.10.2026

    Wird das die Rettung der Dakar?

    Ist das die Lösung? Über ein halbes Jahr lang haben die Teams und Fahrer der Rallye Dakar gezittert, ob die härteste Rallye der Welt im kommenden Januar stattfinden kann – oder weg…
  • 07.10.2026

    Audi will keine Siege, nur Geld

    Es gibt in List auf Sylt ein Nobelhotel, das bereits seit Jahrzehnten mit BMW zusammenarbeitet. Gäste in dem Wellnessresort konnten in dicken Münchener Karossen Probefahrten machen…
  • 01.10.2026

    Ford zeigt, wie's geht

    Was man als Journalist nicht alles so geboten bekommt. Am Montag fand ein „digital round table“ von Ford statt – eine digitale Tafelrunde, also eine Videokonferenz mit Jim Baumbick…
  • 24.09.2026

    Stärkste Kraft. Na und?

    Damit hat bei Mercedes keiner gerechnet. Schon seit den Sommerferien ist die einst überlegene Truppe der britischen Schwaben an der Spitze der Formel 1 abgelöst worden. Nicht mehr …
  • 16.09.2026

    Dann halt als VIP nach Landshut

    Der Amtsschimmel hat gewiehert, aber das kann einen echten Racer nicht erschüttern. Die an sich fest eingeplante Motorzone Seebruck, ein neues Highlight des Historischen Motorsport…
  • 10.09.2026

    Kühe machen Mühe

    Madrid veranstaltet an diesem Wochenende erstmals seit 1981 wieder einen Grand-Prix. Doch hinter dem neuen Madring steckt weit mehr als die Rückkehr des Motorsports in die spanisch…
  • 03.09.2026

    Kommt auf nix mehr an

    Manchmal reicht ein Satz, um sich selbst zu entlarven. Beim Begriff „Clipping“, sagte der oberste Formel 1-Chef Stefano Domenicali im Sommer, würden vielleicht ein paar wenige Insi…
  • 20.08.2026

    Buenos Días Argentina?

    In Argentiniens Hauptstadt lodert wieder ein altes Feuer. Der lange gehegte Traum von einem Formel 1-Comeback ist inzwischen ein konkretes Projekt. Das Autódromo Oscar y Juan Gálve…
2026 – BILD-PUNKTE LAREUS.MEDIA