+++ 2024-08-29 19:14 : Blog – warum will niemand Mick Schumacher? +++ 2024-08-18 11:14 : Blog – der unsinnigste Vergleich des Jahres +++ 2024-08-08 17:24 : Podcast – Erinnerungen an Speedwaystar Tommy Dunker. Interview von Norbert Ockenga mit Weggefährte und Rivale André Pollehn +++
BACK

28.11.2020

Seuchenschutzverordnung


Ins Scheichtum kommt man nur durch ein Zelt wie von einem Schützenfest hinein. Der Flughafen von Bahrein ist für alle Coronafälle gerüstet: Noch bevor man überhaupt in den Inselstaat im Persischen Golf einreisen kann, muss man in einem eigenen Sicherheitsbereich einen Covid-Schnelltest machen.

Die Ergebnisse kriegt man in einer Zeit, in der man etwa am Hamburger Flughafen Fuhlsbüttel noch immer auf sein Aufgabegepäck warten muss.

Erst wenn man als Nichtvirenschleuder erkannt wird, darf man weiter zu den Mietwagenschaltern, die extra für dieses neue Einreiselayout nach draußen verlegt worden sind. Im Nahen Osten lässt das Wetter solche Impromptu-Improvisationen zu.

Die Nahosttournee mit zwei Rennen in Bahrein und dem Finale in Abu Dhabi ist eines der Musterbeispiele aus dem Motorsport, wie man Corona eindämmen kann. Macau ist ein weiteres Exempel. Dort fand am vergangenen Woche ein großes Stadtrennen für Tourenwagen, GT3-Boliden und Nachwuchsfahrer statt. Eigentlich ist Macau ein internationales Spektakel, doch wegen Corona haben die Ausrichter das Rennen in Asien schon früh im Jahr auf eine regionale Veranstaltung zusammengeschrumpelt.

Wer trotzdem etwa vom chinesischen Festland auf die Halbinsel im Südchinesischen Meer reisen wollte, musste sich für 14 Tage in Qurantäne begeben – allein in einem winzigen Hotelzimmer, das man zwei Wochen nicht verlassen durfte. Sogar der Engländer Rob Huff hat sich diese Einzelhaft angetan, um beim Guia Race mitfahren zu können. Ich habe einige Zoom-Videocalls mit ihm geführt, für unsere Podcastreihe und die nächste Ausgabe der Zeitschrift PITWALK – es ist schon ein Wahnsinn, sich da zwei Wochen ganz allein einzukerkern.

Andererseits berichtet Huff davon, dass es in Macau schon seit Wochen genau null Neuinfektionen gebe. Und die strikten Kontrollen in Bahrein haben etwa Jonathan Wheatley schon bei der Einreise rausgefiltert: Der Teammanager von Red Bull Racing ist positiv getestet worden – und steckt nun seinerseits für 10 Tage in Arabien in Quarantäne.

Im Vergleich zum hiesigen Schlingerkurs wirken die Lösungen von Macau und Bahrein wie ein Vorbild zu einer zwar kompromisslosen, dafür aber auch schnell wirkenden Eindämmung der Seuche.

Die Formel 1 bleibt jetzt für Wochen in Arabien, aufgeteilt in Kohorten, meist die Mechaniker und Ingenieure, die je an einem Auto arbeiten. So wird schon das ganze Jahr versucht, eine Ansteckung innerhalb des Fahrerlagers zu vermeiden. Und die Fälle, die bekannt geworden sind, folgen in der Tat immer demselben Infektionsmuster: entstanden in Rennpausen, wenn die später Infizierten daheim waren und mit dem normalen Leben in Kontakt kamen. Deutsche Politiker würden das als diffuses Infektionsgeschehen beschreiben.

Man merkt bei der Art, wie die Länder und Ausrichter mit der Seuche umgehen, zweierlei: den unbedingten Willen, die Rennen zu veranstalten – aber auch die Furcht, als Einfallstor für Viren zu dienen und dann auch noch negative Schlagzeilen zu schreiben.

Die Entschlossenheit, Rennen zu fahren, merkt man bei keinem so sehr wie beim Quarantänekönig Rob Huff in Macau. Dessen Einzelhaft steht auch im krassen Kontrast dazu, wie die Formel 1-Fahrer mit den Maßnahmen umgehen: Für Valtteri Bottas und Charles Leclerc war es ja schon zu viel verlangt, zu Saisonbeginn zwischen zwei Rennen für drei Tage in der Steiermark in ihrer Kohorte zu bleiben. Huff dagegen sperrt sich gleich zwei Wochen lang ganz allein weg – der Hunger und die Leidenschaft zum Motorsport ist in anderen Klassen offenbar größer als in der übersättigten Formel 1, in der sich die Aktiven gern mal ihre eigenen Regeln geben.

In Arabien haben sie jetzt keine Wahl. Die Landesregierungen sowohl von Bahrein als auch von Abu Dhabi haben allen Alleingängen per Verordnung einen Riegel vorgeschoben. Sie tun das in der typisch arabischen Art ihrer Scheichtümer: mit Gastfreundschaft, Freundlichkeit – aber auch eine Bestimmtheit, der sich keiner zu widersetzen traut.

Es braucht eine harte Hand, um die Viren zu zähmen. Und manchmal auch, um die Formel 1-Akteure zu bändigen. Die Araber zeigen, wie’s geht.


Teile diesen Beitrag

Das könnte auch interessant sein:

  • 23.07.2026

    Die chinesische Buhlschaft

    Es ist der wohl merkwürdigste Bieterwettstreit seit langem. Beide Freier stammen aus demselben Haus, und beide werben um dieselbe Buhlschaft: den chinesischen Autohersteller BYD. S…
  • 16.07.2026

    Ein bisschen mehr Spa muss sein

    Spa 2026: Das wird jene Strecke, auf der das neue Reglement zum ersten Mal die Wahrheit sagt Denn: Monaco belohnt Traktion. Monza bestraft Luftwiderstand. Silverstone verlangt aero…
  • 24.06.2026

    Hitze als Wender?

    Bringt die Omega-Wetterlage die Wende? Seit Europa unter einer Hitzewelle ächzt, hat sich das Kräfteverhältnis in der Formel 1 auf den kopf gestellt. In Barcelona, der ersten Hitze…
  • 16.06.2026

    Der dusseligste Ausfall von Le Mans

    Zugegeben, der Gedanke ist vielleicht ein bisschen sehr theatralisch. Aber wenn man allein, bellend hustend, mit rasselndem Atem, Fieber und Schüttelfrost vor sich hin vegetierend …
  • 13.06.2026

    Der Morgen davor

    Die 24 Stunden von Le Mans sind immer auch geprägt von Zahlen und Fakten – und hier sind die wichtigsten, die man braucht, um das Rennen zu verstehen: Jedes Auto hat 24 Satz Reife…
  • 10.06.2026

    Der grüne Machtkampf

    Es gibt in Frankreich nicht nur das berühmte Gallische Dorf. Sondern an diesem Wochenende auch das „Wasserstoff-Dorf“, das sogenannte „Hydrogen Village“. Es steht in Le Mans, und e…
  • 05.06.2026

    Zum Tod von Herbert Schnitzer

    Es sind Bilder, die überdauern. Am Freitag, an seinem 85. Geburtstag, ist Herbert Schnitzer gestorben. Der legendäre BMW-Teamchef ist einer jener Hauptdarsteller der deutschen Renn…
  • 20.05.2026

    Wal Timmy in der Formel 1

    Es bleibt nur Staunen. Vor mehr als zwei Jahren schon habe ich ein langes Telefonat mit Mario Illien geführt – jenem Schweizer, der zu Zeiten der Dominanz mit Mika Häkkinen im Werk…
  • 10.05.2026

    Wasserstoff-Toyota in Le Mans!

    Der Wasserstoffrevolutionär lebt. Im Vorprogramm des 24-Stundenrennens von Le Mans wird in diesem Juni der neue Toyota-Sportprototyp, dessen Motor Wasserstoff statt Benzin verbrenn…
  • 29.04.2026

    Audi macht alles falsch

    Audi hat den Offenbarungseid geleistet. In der Woche vor dem Neustart der Formel 1 hat Audi-Teamchef Mattia Binotto gestanden, dass die Softwarekalibrierung des Motors nicht gut ge…
  • 25.04.2026

    Den Blick nach vorn

    Sie kennen unsere gemeinsame liebgewonnene Tradition ja inzwischen schon – auch dieses Mal erhalten Sie als einer der besonders treuen Fans und Leser vorab die Möglichkeit, sich da…
  • 23.04.2026

    Menschen im Mittelpunkt

    Hallo lieber PITWALK-Freund, die hohe Kunst des Journalismus besteht darin, außergewöhnliche Themen aufzuspüren. Oder außergewöhnliche Persönlichkeiten als Hauptdarsteller zu find…
2026 – BILD-PUNKTE LAREUS.MEDIA