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12.01.2022

Rallye-Schach


Die Entscheidung in der Motorradwertung wird ein Thriller. Matthias Walkner hat es zwar am Dienstag als erster Biker geschafft, aus dem ewigen Jojo der besten Sechs auszubrechen und sich zwei Tage nacheinander an der Spitze festzubeißen. Doch das ist für den amtierenden Marathonweltmeister aus Kuchl im Salzburger Land keine große Erleichterung.

Vielmehr hat der 35-jährige KTM-Fahrer die ganze Nacht gegrübelt, wie er sich die nächsten beiden Tage einteilen sollte: Als Königsetappe gilt allgemein der 11. Tag – also der Donnerstag, vor einem kurzen Ins-Ziel-Roller über 150 Kilometer am Freitag. Der Donnerstag soll dagegen noch mal ein richtiger Hammer werden. Vor allem in Sachen Navigation und Orientierung. Wer dort vorne liegt, eröffnen muss und damit die Spur für alle Verfolger zieht – der kann locker mal 20 Minuten Zeit einbüßen.

Genau diese 20 Minuten spukten auch Walkner am Dienstagabend im Biwak herum: Er sei total hin- und hergerissen, ob er am Mittwoch attackieren und auf Angriff fahren solle – oder dosieren, um dann am 11. Tag von einem späteren Platz in der Startreihenfolge aus zu attackieren und sich dann womöglich Platz 1 wiederzuholen.

Eigentlich hat Walkner durch das Ausbrechen aus dem Jojo, der sich aus zwei Dreiergruppen rekrutiert, die beste Ausgangslage inne. Er kann morgen taktieren und den Zeitverlust so zu verwalten probieren, dass er auf der Königsetappe nicht zu viel riskieren braucht.

Doch Walkner startet Mittwoch nicht als Erster, sondern als Vierter. Und vor ihm sind zwei Honda-Fahrer, die in der Gesamtwertung nichts mehr zu bestellen haben: Nacho Cornejo aus Chile macht die Prüfung auf, Ricky Brabec geht als Dritter in die Spur. Selbst der Chilene hat in der Gesamtwertung schon mehr als eine halbe Stunde Rückstand auf Walkner. Honda kann also Cornejo und Brabec taktisch einsetzen und opfern, um Pablo Quintanilla und Joan Barreda zu helfen – den beiden Siegaspiranten von Honda.

Dieses Biker-Schach kann einerseits so aussehen, dass die beiden auf ihre Teamgefährten warten, um ihnen bei der Navigation zu helfen. Dafür kommt vor allem Cornejo infrage, der als Meister der Umsicht, Geländegängigkeit und Orientierung gilt. Brabec dagegen kann eher als fahrender Prellbock missbraucht werden: Wenn er sich vor Walkner hält, sich ein bisschen in dessen Fänge zurückfallen lässt – dann kann der Punkrock-Fan aus Kalifornien den KTM-Star so in eine Staubfahne hüllen und panieren, dass Walkner Dampf rausnehmen muss, um im dichten Staub keine Fehler zu riskieren, Steine oder Kamelgras zu übersehen und zu stürzen.

Das würde auch einen Angriff von Walkner vereiteln. Und es würde Sam Sunderland in die Hände spielen. Denn der Engländer geht mit seiner Gas Gas als 13. in die Loipe. Deswegen gelten bei den derzeitigen Hochrechnungen die morgigen Späterstarter Sunderland und Pablo Quintanilla als diejenigen Fahrer mit der besten Ausgangslage – weil sie ihre Taktik freier ausspielen und an die Entwicklung des Tages anpassen können. Wobei Quintanilla ein ähnliches Schicksal blühen könnte wie Walkner. Denn direkt vor ihm geht Luciano Benavides auf die Reise – auf einer Husqvarna. Die schwedische Marke gehört wie KTM und Gas Gas zur Pierer Mobility Group. Benavides kann also Quintanilla durch Bummeltempo und Staubwerfen nerven.

Toby Price und Danilo Petrucci, die beiden möglichen KTM-Wasserträger der letzten drei Etappen, fahren dagegen deutlich später los als die Sieganwärter. Sie können erst dann eingreifen, wenn sich vor ihnen Navigationsfehler zutragen. Dann werden sie aber zur Stelle sein, um mannschaftsdienlich zu fahren.

Die ganze Dramaturgie der Mittwochs-Etappe wird erst im Laufe des Vormittags sichtbar werden – und sich womöglich über den Tag hinweg in mehreren Handlungssträngen immer weiter verzweigen und in neuen Schleifen aufgehen. Nominell ist der Mittwoch zwar nicht der schwierigste Tag – aber er wird in Sachen Taktik und Rallyeintelligenz einer derjenigen, die am spannendsten zu verfolgen sind.


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