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31.12.2022

Daily Dakar: Gezeitenwende


Bei der Rallye Dakar 2023 greifen einige neue Regeln. Allen voran gibt es in der Motorradwertung plötzlich Zeitgutschriften, mit denen das taktische Element der Führungsarbeit und die daraus resultierenden Jojo-Effekte reduziert werden sollen.

Die ganze Sache ist äußerst kompliziert.

Der Hintergrund: Die Etappensieger müssen jeweils den nächsten Tag eröffnen, dies ist meist ein mehr oder weniger großer Nachteil. Der erste Fahrer navigiert im unberührten Dünensand voraus und verliert dadurch oft viel Zeit, für die hinteren Piloten sind die Spuren meistens gut erkennbar und dadurch ein großer Vorteil. Sie können den Spuren im Sand nachfahren und wertvolle Zeit gut machen. So entwickelte sich die Rallye Dakar in den vergangenen Jahre zu einem taktischen Spiel.

Nun führt der Organisator, die ASO, ein völlig neues Regelsystem ein, indem die Tagessieger am darauffolgenden Tag eine Zeitgutschrift bekommen. Der jeweils erste Starter kriegt bis maximal zum ersten Tankstopp eine Zeitgutschrift von 1,5 Sekunden pro Kilometer. Der zweite Tagesstarter erhält eine Sekunde pro Kilometer Zeitgutschrift und der dritte Fahrer bekommt eine halbe Sekunde pro absolviertem Kilometer. Eröffnet der Sieger des Vortages die Etappe und bleibt bis zum ersten Tankstopp an der Spitze des Feldes, kann er eine Gutschrift von maximal fünf Minuten erhalten. Wird er vor dem ersten Tankstopp eingeholt und überholt, bekommt der neue Etappenführende, vom Zeitpunkt der Führung bis zum Tankstopp, die 1,5 Sekunden und der neue Zweite eine Sekunde gutgeschrieben. Mit diesem neuen System sollen die großen Nachteile der bisherigen Regeln ausgeglichen werden. Diese Regelung gilt für alle Etappen, außer der Letzten.

Kapiert? Na gut, ist auch schwierig. Also bemühen wir ein konkretes Beispiel mit drei Hauptdarstellern aus der großen Dakar-Vorschau in der neuen Ausgabe der Zeitschrift PITWALK https://www.pitwalk.de/pitwalk/ausgabe-70

Als da lautet: Matthias Walkner gewinnt die erste Etappe und eröffnet somit Etappe 2 am nächsten Tag. Sam Sunderland geht als Zweiter in die Etappe, Toby Price als Dritter. Der erste Tankstopp ist bei Kilometer 200. Solange Walkner die Führung hat und nicht eingeholt wird, bekommt er 1,5 Sekunden pro Kilometer gutgeschrieben. Kommt er also als erster zum Tankstopp, erhält Walkner auf die Gesamtzeit (nicht auf die Tageswertung) fünf Minuten Gutschrift. Wird Walkner bei Kilometer 150 von Sunderland eingeholt und überholt, und passiert Sunderland vor Walkner den ersten Tankstopp, erhält Sunderland bis Kilometer 150 eine Sekunde Zeitgutschrift und ab Kilometer 150, 1,5 Sekunden Gutschrift. Passiert Walkner als Zweiter den Tankstopp, erhält er für die letzten 50 Kilometer eine Sekunde gutgeschrieben.

Dasselbe Szenario gilt natürlich auch für den dritten Fahrer. Wie das ganze Regelwerk in der Praxis funktioniert, wenn etwa der erste Starter von den beiden Nachfolgern eingeholt wird und die drei Piloten in einer Gruppe gemeinsam und in abwechselnder Führungsarbeit bis zum Tankstopp navigieren, geht noch nicht klar hervor. Walkner vermutet, dass die Reihung der Tankstopp-Ankunft entscheide.

Die neue Regel soll Tagessiege stärker belohnen als bislang. Davon profitiert vor allem Honda-Fahrer Joan Barreda – der einer der schnellsten Biker überhaupt ist, aber in der Vergangenheit überproportional oft dem Jojo-Effekt zum Opfer fiel, weil er beim Eröffnen mehr Zeit verlor als Wüstenfüchse wie etwa Walkner, Sunderland oder Price. Wenn der ehemalige Crosser Barreda das zu vermeiden versuchte, überreizte er oft das Risiko – sodass der Spanier auch derjenige Fahrer aus der Spitzengruppe ist, der die höchste Sturzquote aufweist.

Honda hatte Barreda deswegen für die Dakar 2023 eigentlich schon ausgemustert – zugunsten von Adrian van Beveren. Der Schwager von Titelverteidiger Sam Sunderland hatte vor der Arbeitslosigkeit gestanden, weil sein bisheriger Arbeitgeber Yamaha Europa die Marathonrallyesparte nach der Dakar 2022 zugesperrt hatte. Und eine Initiativbewerbung bei KTM war bei den Österreichern nicht auf fruchtbaren Boden gefallen, sodass van Beveren bei Honda landete.

Als die neue Zeitgutschriftregel im Sommer kommuniziert wurde, heuerte Honda Barreda doch wieder an. Weil er dank der neuen Regeln zum heißesten Eisen der Japaner im Kampf gegen die Pierer-Marken KTM, Gas Gas und Husqvarna avancieren dürfte.


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