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26.08.2022

Von Piastri zu Fricke


Silly Season – die Alberne Saison. So heißt in der Formel 1 jene Phase, in der sich das Fahrerfeld für das nächste Rennjahr sortiert und während der ein Gerücht über Cockpitwechsel und Neuverpflichtungen das andere jagt.

Dieses Jahr ist die alberne Saison besonders albern. Hauptdarsteller in einer Komödie, wie sie kein Autor dem Ohnsorg-Theater passender auf den Leib hätte schreiben können: Oscar Piastri, ein junger Australier mit dem Potenzial, der legitime Nachfolger von Alan Jones zu werden – dem letzten Weltmeister vom Fünften Kontinent.

Piastri ist binnen 24 Stunden zum Star der Königsklasse geworden, obwohl er noch nie ein Formel 1-Rennen gefahren hat. Denn er sollte bei Alpine den Platz von Fernando Alonso einnehmen – möchte das aber gar nicht.

Auslöser der ganzen „Tratsch im Treppenhaus“-Neuauflage ist der Rücktritt von Sebastian Vettel. Der, so weiß man inzwischen, ist eine ähnlichen Drehbuch gefolgt wie jener von Michael Schumacher einst bei Ferrari: Halb sank er hin, doch viel mehr zog es ihn – von seinem Team aus. Denn die Aston Martin-Chefetage hatte längst gespürt, dass in Vettel Zweifel nagten – und ihre Mohrrüben Fernando Alonso unter die Nase gehalten. Der Spanier ist nicht nur mit ausnehmend viel Rennintelligenz und Grundschnelligkeit beschlagen – sondern auch ein Meister der Intrige und Selbstdarstellung.

Er ließ die Karotte nicht lange baumeln. Wissend, dass bei Alpine aufgrund französischer Strukturschwächen und Reibungsverlusten zwischen englischen und französischen Technikern nichts vorwärtsgeht, griff er das Aston-Angebot auf – setzte den Verantwortlichen aber eine Frist. Und die fiel kürzer aus als jene Bedenkzeit, die Vettel sich ausbedungen hatte. Der wollte nämlich in den Sommerferien in Ruhe in sich gehen. Da die Aston-Chefetage fürchtete, was er dort finden würde, suchten die Bosse eine Alternative – und fanden sie in Alonso. Der musste allerdings schnell die Zusage bekommen, sodass Vettel am Ende förmlich zu seinem Rücktritt gedrängelt wurde – halb gegen seinen Willen. Was auch die etwas verquaste Begründung erklärt.

Bei Alpine wiederum waren die Bosse davon ausgegangen, dass Alonso bleibe. Und waren derart überrumpelt, dass sie sich einem Gestrüpp von Ausflüchten, Notlügen und Fehlinterpretationen verfingen. Höhepunkt des Possenspiels war die Bekanntgabe der Beförderung von Piastri aus dem Testfahrer- und Entwicklungsprogramm zum Stammpiloten – ohne den Australier vorher zu konsultieren.

Dabei hat Alpine-Chef Otmar Szafnauer, ein Amerikaner, die Rechnung ohne Piastris Betreuer Mark Webber gemacht. Der hatte nämlich längst mit McLaren-Teamchef Andreas Seidl über eine Verpflichtung seines Schützlings gesprochen. Seidl und Webber kennen einander in- und auswendig, seit Seidl vor seiner Zeit bei McLaren als Teamchef das Porsche 919-Projekt bei den 24 Stunden von Le Mans und in der Sportwagen-WM geleitet hat – in dem Webber eine der fahrerischen Eckpfeiler war.

Seitdem weiß Webber, wie der mega-ehrgeizige Passauer tickt: Er orientiert sich rein an den Daten, wenn er die Performance der Fahrer bewertet. Persönliche Befindlichkeiten spielen für ihn keine Rolle. Er gilt als harter Hund mit nüchternem Blick auf die Fakten. Und die zeigten: Daniel Ricciardo kommt mit den neuen Autos, die es seit diesem Jahr gibt, nicht so gut klar wie nötig, um McLaren voranzubringen. Denn die Hochabtriebswagen erfordern einen anderen Fahrstil als den eigentümlichen des Australiers aus Perth, und den konnte er sich – vor allem auf der Bremse – bislang partout nicht angewöhnen. Deswegen sortierte Seidl ihn aus – und hörte auf seinen Expiloten Webber, der Landsmann Piastri als Toptalent mit jeder Menge Perspektive pries.

Dass Webber dabei ausgerechnet einem Australier den Garaus machte, entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie. Denn der schlaksige Hobbyradfahrer stammt selbst vom Fünften Kontinent – und hat im Laufe seiner Karriere immer schon anderen Aussies geholfen, im großen Motorsport Fuß zu fassen. Vor Piastri lieh er etwa Will Power das nötige Geld, das der mitbringen musste, um im nordamerikanischen IndyCar-Gefüge seine ersten Schritte tun zu können. Im Speedwaysport unterstützte Webber zuerst Jason Crump – und fördert inzwischen Max Fricke, der im Sommer in Volens gerade Mannschaftsweltmeister geworden ist und zudem in Warschau dieses Jahr seinen zweiten Grand Prix-Sieg feierte.

Webber weiß, wie wichtig es für junge Sportler ist, in den Prägejahren gefördert und angeschoben zu werden. Er hat das zu Formel Ford-Zeiten selbst erlebt, als Ford-Mitarbeiterin Ann Neal ihm half. Die resolute Engländerin ist heute Webbers Lebensgefährtin – in einem Paar, über das man im Fernsehen stilecht den Blick rümpfen würde, denn sie ist erheblich älter als er. Und später war Paul Stoddart, ein aus Australien stammender Fluglinienbesitzer, ein weiterer Förderer von Webber: Er hat ihn seinerzeit ins Minardi-Team gehievt, das Stoddart kurz zuvor gekauft hatte.

Ricciardo hat sich den sang- und klanglosen Abgang von McLaren mit einem goldenen Handschlag versüßen lassen – mit einer millionenschweren Abfindung. Und er könnte unerwartet weich fallen. Denn Audi hat gerade seinen lange gemunkelten Formel 1-Einstieg ab 2026 bekanntgegeben. Dazu werden die Ingolstädter das Sauber-Team kaufen, das bislang noch unter der Flagge von Alfa segelt. Die Rolle von Sauber als Ferrari-Grundausbilder wird damit obsolet, das neue Team braucht gescheite Fahrer. Und Ricciardo ist der beste, der sich derzeit am Markt befindet.


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