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23.03.2021

Konferenz des Chaos-Clubs


Warum nur kommen seit Dienstagmorgen, nach der letzten Bundländerkonferenz mit Merkel und ihren Ministerpräsidenten, immer wieder diese alten Erinnerungen hoch? An eine Zeit in der Formel 1, zu der noch Bernie Ecclestone das Regiment führte – und die Teamchefs, Sport- und Technikdirektoren sich regelmäßig zu Besprechungen und Konferenzen in Seminarräumen am Londoner Flughafen Heathrow trafen?

Meist fanden diese Runden an den Vormittagen jener Sonnabende statt, an denen keine Grands Prix ausgetragen wurden.

Wie es bei diesen Meetings wirklich zuging, erfuhren nur echte Insider. Also nicht viele.

Dabei konnte man gerade die Samstagvormittage als Journalist, der es ernst meint mit der Recherche, besonders gut nutzen: einfach einen Telefontermin mit einem Informanten vereinbaren, am besten als eine Art Jour fixe – und dann in aller Ruhe alle wichtigen Themen und Hintergründe aus der Formel 1 ungefiltert besprechen. So manche an sich geheime Information hat über diese Wege – unter strenger Einhaltung des Quellenschutzes natürlich – schon Seiten in Zeitschriften gefüllt.

Denn der Zeitpunkt ist ideal: Selbst die hohen Verantwortlichen der Teams arbeiten zwar an Samstagen – aber sind dann immer ziemlich allein im Büro oder den Teamhallen. Die Telefonate finden offen statt, ohne dass Pressesprecherinnen davon wissen, geschweige denn zuhören, aufzeichnen oder ihren Senf dazugeben.

Da die meisten Informanten von englischen Teams etwa eine Autostunde von Heathrow entfernt wohnen oder arbeiten, boten sich auch deren Fahrten von den Konferenzen zurück ins Team für solche Telefonate an. So kriegte man immer ziemlich ungefiltert mit, wie es bei den Treffen von Heathrow wirklich zuging.

Meist herrschte am einen Ende der Leitung Entsetzen – und am anderen Erheiterung. Denn die Besprechungsrunden liefen immer nach demselben Muster ab: Jeder Teamvertreter hatte nur die Vorteile seines eigenen Rennstalls vor Augen. Die meisten redeten munter durcheinander, ohne auf eine nachvollziehbare Gesprächsführung zu achten. Immer wieder bildeten sich an den Tischen kleine Untergrüppchen, in denen geschwatzt wurde wie unter ungehorsamen Schülern in der Pubertät der siebten Klasse. Mobiltelefone mit so vielen Spielchen-Apps drauf wie heute gab's noch nicht, sonst hätte wohl auch der Eine oder Andere Candy Crush gezockt.

Aber auch so gab's genug zu Staunen: Eddie Jordan sprang im Zuge der Debatten gern mal auf den Tisch, um dort wild gestikulierend zu schreien. Peter Sauber ließ sich alles Gesagte ellenlang von seiner damaligen Justiziarin Monisha Kaltenborn penibelst übersetzen. Und Ron Dennis verlor sich in Monologen in seinem typisch gekünstelt-komplizierten Geschwurbel, das in der Branche als eigene Sprache – Ron-Speak – verlacht wurde. Ergriff der McLaren-Chef das Wort, schaltete der Rest der Runde für 20 Minuten die Ohren auf Durchzug. Erst danach kam jener Punkt zur Sprache, auf den Dennis eigentlich hinauswollte.

Mittendrin plagte Max Mosley, studierter Anwalt und FIA-Präsident, die Konferenzen mit juristischen Spitzfindigkeiten. Und Ecclestone ließ das Geschrei und Geplapper kalt grinsend laufen, wohl wissend, dass am Ende entweder gar keine Entschlüsse gefasst wurden – oder genau die falschen, die beim nächsten Treffen, oft schon beim folgenden Rennen, wieder revidiert wurden.

Für Ecclestone diente das Chaos als Machterhalt und -festigung. Mosley gefiel sich in der Rolle des allwissenden Moderators – dessen Ansichten meist richtig waren, aber von der ganzen juristischen Spitzfindigkeit in der Ausführung derart verschachtelt wurden, dass bei der Umsetzung nicht mehr viel vom Grundgedanken übrig blieb.

Auf lange Sicht hat der Chaos-Club von Heathrow die Formel 1 in eine Krise geführt, die heute noch andauert. Alles wurde teurer, verkopfter, wirklichkeits- und fanfremder. Jede Regeländerung ging nach hinten los oder zeigte mindestens keinen Effekt. Die Rennen wurden nie besser, sondern meist immer noch fader, die Atmosphäre im Fahrerlager gleicht inzwischen jener auf dem Katasteramt am Montagmorgen.

Die Grundlagen für all' diese Fehlentwicklungen wurden in den Konferenzen von Heathrow gelegt.

Warum nur schießen einem seit Dienstagmorgen immer wieder die Erinnerung an genau diese Treffen in den Kopf?

Genau wie der geflügelte Satz von Bernie Ecclestone, Europa seit mit der EU auf dem Weg zu einer Dritte-Welt-Region, allein deswegen schon müsse er die Expansion in andere Gegenden wie Asien und Arabien vorantreiben, um die Einnahmequellen der Formel 1 zu sichern?

Kommt Euch das nicht auch alles plötzlich seltsam bekannt und furchteinflößend parallel vor?


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