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26.05.2022

Highway to Green Hell: WM als Vorgruppe


Wenn die weltweit wichtigste Tourenwagen-Rennserie plötzlich zum Rahmenprogramm wird – dann sagt das alles aus über die schiere Größe der Veranstaltung, bei dem so eine tektonische Verschiebung stattfindet. Normaler Weise ist der WTCR – also der Tourenwagen-Weltpokal – eine eigenständige Rennserie mit 10 Veranstaltungen von Frankreich bis Japan und dem spektakulären Stadtkurs von Macau bei Hongkong. Doch auf dem Nürburgring stellen sich die weltbesten Tourenwagenfahrer freiwillig ins zweite Glied – hinter das gewaltige 24-Stundenrennen.

So groß ist die Faszination und der Mythos der Nürburgring-Nordschleife, dass die WTCR sich ins Rahmenprogramm fügt, mit zwei Sprintrennen. Die führen über gerade mal je drei Runden auf der 25,378 Kilometer langen Kombination aus modernem Grand Prix-Kurs und altehrwürdiger Nordschleife des Nürburgrings. Doch diese drei Runden haben es in sich.

Die Autos des WTCR basieren zwar genauso auf Serienmodellen wie jene GT3-Boliden, die beim Vierundzwanzinger um den Gesamtsieg kämpfen – gehorchen aber einem anderen technischen Konzept. GT-Sportwagen sind zweitürige Coupés, Tourenwagen hingegen viertürige Limousinen oder Kompaktwagen. Sie verfügen über Vorderradantrieb, während GT3-Wagen über die Hinterachse angeschoben werden. Die Leistung ihrer Zweiliter-Turbomotoren ist auf 360 PS begrenzt – bummelig 200 weniger als die Motoren der GT3. Das langt aber immer noch für Topspeeds von bis zu 260 km/h.

Aber wie immer im Motorsport, ist nicht die Endgeschwindigkeit das Entscheidende – sondern die Kurventempi. Aufgrund der Gewichtsverteilung – Motor und Getriebe vorn – und des Frontantriebs legen die WTCR-Wagen einen besonders spektakulären Stil an den Tag: Die Vorderreifen müssen alle Lenk-, Brems- und Beschleunigungskräfte verkraften. Das Heck muss einfach nur irgendwie mit um die Kurven kommen; es wird deswegen in den Kurven extrem leicht, neigt zum Ausbrechen – und dann fängt man den Wagen mit gekonnt-beherztem Vollgasgeben wieder ein, zieht ihn also aus dem wilden Drift heraus wieder gerade.

Der WTCR hat vor dem Nürburgring erst ein Rennwochenende absolviert – auf einem ebenso engen wie malerischenStadtkurs in Pau, im Baskenland der französischen Pyrenäen. Der Argentinier Nestor Girolami, genannt Bubu, reist als Tabellenführer vor seinem Landsmann Esteban Guerrieri an. Die beiden Gauchos fahren für das Team des ostdeutschen Webhosting-Magnaten René Münnich, die Einsätze werden von Teammanager Dominik Greiner aus Nienburg bei Bremen geleitet.

Münnich Motorsport ist eines von zwei deutschen Teams, das zwei Honda Civic Type-R einsetzt. Die zweite Honda-Mannschaft stammt aus Wiggensbach im Allgäu: Dort wechselte das Traditionsteam von Franz Engstler für dieses Jahr von Hyundai auf Honda. Tiago Monteiro fährt für Engstler – und der Portugiese aus Porto gewann im vergangenen Jahr nach einer spektakulären Windschattenschlacht eines der beiden Nordschleifenrennen. In diesem Jahr sind die Civic allerdings wegen der Erfolge von Pau mit 40 Kilogramm Platzierungsgewicht beladen und damit die schwersten Autos im Feld – das ist im WTCR-Regelwert die Kehrseite der Erfolgsmedaille. Über solche Ballastgewichte soll über die Saison hinweg eine Chancengleichheit aller Modelle gewährleistet werden, Ausreißer wegen der reinen Technik soll es nicht geben.

Das Taktieren mit der Einstufung bedingt, dass man übers Jahr hinweg genau überlegt, bei welchen Rennen man auf Sieg fahren soll – und wann man sich besser ein bisschen zurückhält, um im Mittel aller Läufe die bestmöglichen Grundvoraussetzungen zu erwirtschaften. Genau in dieser strategischen Denkweise hat sich der chinesische Hersteller Lynk & Co. – die jüngste Marke im WTCR – seit seinem Einstieg in die Serie als Meister des Geschachers hervorgetan. Deswegen stellte Lynk & Co. – gemanagt von Ron Hartvelt, einem ehemaligen Red Bull-Formel 1-Renningenieur aus den Niederlanden – in den letzten Bilanzen die erfolgreichste Marke, gewann 2021 durch den Elsässer Yann Ehrlacher den Titel.

Der bubihafte Blondschopf hat einen prominenten Lehrmeister: Er ist der Neffe des mehrfachen Tourenwagenweltmeisters Yvan Muller, genannt Yvan der Schreckliche – auch mit über 50 immer noch ein Siegkandidant im WTCR, bei Lynk & Co. Onkel und Teamkollege von Ehrlacher zugleich.

Muller und der frühere Formel 1-Pilot Monteiro sind die Silberrücken des WTCR, Rob Huff aus England gilt als einer der spektakulärsten Piloten – und bei jedem Rennen hat mindestens ein halbes Dutzend Piloten reelle Siegchancen. In der Eifel steckt Lynk & Co. in der Favoritenrolle. Denn die Asiaten haben als einzige mit allen Fahrern vorab auf der Nordschleife getestet – bei den Test- und Einstellfahrten der Nürburgring-Langstreckenserie am Ende des Winters, bei dem auch Nicht-NLS-Teilnehmer mit auf die Strecke durften, wenn sie sich eingemietet haben.

Unumschränkte Alleinherrscher sind die türkisen Chinesen deswegen aber noch lange nicht. Denn die Sprints leben auch davon, dass die Piloten sich immer wieder beherzt und mit Schmackes gegenseitig ins Auto fahren. Blechschäden und abgerissene Aufhängungen stellen so immer wieder das Kräfteverhältnis auf den Kopf.


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