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06.07.2023

Ein Grand Prix, ein Mann


Die Zahl muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. 480.000 Zuschauer erwarten die Veranstalter des Grand Prix von Großbritannien am Wochenende in Silverstone. Nicht nur am Renntag, natürlich, sondern über die drei Veranstaltungstage verteilt. Aber trotzdem: neuer Rekord.

Während die englischen Organisatoren sich zurecht für eine Steigerung von einem Fünftel gegenüber dem Vorjahr feiern, haben die Veranstalter der 24 Stunden von Le Mans bereits ihre Abschlussbilanz vorgelegt: 325.000 Zuschauer an den beiden Renntagen, 2.525 akkreditierte Journalisten vor Ort, deren Veröffentlichungen für einen medialen Gegenwert von 97,9 Millionen Euro gesorgt haben.

Zu den am besten besuchten Formel 1-Grands Prix kommen maximal 400 akkreditierte Journalisten, und dann sind die Pressezentren an den Strecken schon zum Bersten voll. In Le Mans erstreckt sich das Pressezentrum über die Hälfte der Länge der Boxengasse. Doch der Vergleich hinkt eh’: Weil die Fernseheinschaltquoten der Formel 1 weltweit viel höher sind, ist auch der mediale Gegenwert größer – trotz weniger Journalisten vor Ort.

So oder so zeigen die Zahlen, genau wie so viele andere aus dem aktuellen Rennjahr: Motorsport ist in wie selten. Natürlich braucht es Zugpferde: Lewis Hamilton in England, Fernando Alonso in Spanien, das Ferrari-Comeback in Le Mans, das Porsche-Comeback bei den Langstreckenklassikern von Daytona und Sebring in den USA – überall fielen die bisherigen Zuschauerrekorde.

In Deutschland wäre das derzeit nicht der Fall, denn nur Nico Hülkenberg in einem Hinterbänkler-Haas reicht nicht, um Massen nach Hockenheim oder an den Nürburgring zu locken. Doch andere Events hierzulande zeigen, dass der Motorsport auch in Deutschland schwer boomt. Das 24-Stundenrennen auf dem Nürburgring etwa verzeichnete auch einen neuen Besucherrekord. Den muss man ein bisschen relativieren, weil ein Großteil der Zuschauer nicht als Fans kommt, sondern das Vatertagswochenende in der Eifel als Anlass zu ausgedehnten Partytouren nach dem „Tote Hosen“-Motto von der „Herrentour an die schöne Ahr“ nehmen. Doch der Truck-Grand Prix oder auch das 1.000-Kilometerrennen des Historischen Motorsports im September https://1000kmnuerburgring.de/ werden zeigen: Der internationale Trend vom beliebten Publikumssport Racing stimmt auch in Deutschland.

Und das, obwohl die hiesigen großen Medien die Rennerei konsequent totschweigen. Aus falsch verstandener politischer Korrektheit: Wer heute noch Autos mit Verbrennungsmotoren zujubelt, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt – meinen die Meinungsmacher in den Elfenbeintürmen. Es ist immer wieder verwunderlich, wie viele Kollegen es konsequent schaffen, an der Realität des Alltagsbürgers vorbeizuschreiben oder zu senden.

Ein rein deutsches Phänomen übrigens, über das sich ausländische Gesprächspartner immer wieder wundern. Die englische Presse würde einen Teufel tun, den Motorsport zu verdammen. Vielmehr glorifiziert man dort zu recht immer noch die Zeiten alter Teamchefrecken wie Frank Williams oder Ken Tyrrell. Man kann sich lebhaft ausmalen, wie solche Charakterköpfe über uns „Krauts“ lachen und lästern würden, wenn man ihnen noch erzählen könnte, was der deutsche Motorsportfan alles übers Auto lesen muss oder über die Rennerei nicht lesen kann.

Vor allem Sir Frank Williams, auf dem Bild oben mit seiner Tochter Claire zu sehen, steht als Synonym für funktionierenden Motorsport auf der Insel: Als Nachwuchsfahrer zu langsam, hat er seine wahre Berufung als Teamchef gefunden – und dem Job als echter Racer alles untergeordnet, auch seine Familie. Und jeder, der mal mit ihm gesprochen, weiß: Er ist selbst der Ansicht, ohne den Motorsport hätte er wegen seiner Lähmung vom Hals an abwärts nie so lange gelebt. Der Sport war sein Lebenselexier, seine Kraftquelle, seine Triebfeder. Williams hat zum Heimrennen regelmäßig all' jene Mitarbeiter aus der Fabrik an die Strecke eingeladen, die sonst nie bei den Rennen vor Ort sind – denn die sollten auch ein Mal pro Jahr live erleben können, wofür sie sonst so fleißig Innendienst schieben. Solche Gesten haben dafür gesorgt, dass jeder einzelne Mitarbeiter immer mit dem Gefühl zur Arbeit kam: Es sei eine Ehre, für Williams zu arbeiten. Eine Berufung, kein Beruf. Ein stahlharter Racer mit dem Herzen am rechten Fleck, dazu noch ein true British Gentlemen – auch nach seinem Tod scheint Frank Williams in Silverstone immer noch allgegenwärtig.

Er wird die Rennstrecke nie verlassen. Er ist zwar nicht mehr da – aber auch nicht weg.

Kein Fußballer, kein Rennfahrer, kein sonstiger Sportler kann an welchem Ort auch immer solche Assoziationen wecken.

Silverstone ist sowieso immer wieder ein Kulturschock im positiven Sinne. Genau wie ganz England. Wer ein Mal erleben möchte, wie man stilvoll, geschichtsbewusst, aber dennoch nicht ewiggestrig Motorsport vom Feinsten zelebrieren kann, der sollte sich ein Rennen in England geben. Allein die Stimmung auf den Rängen, dazu die einzigartige Mischung aus Ungeduld und typisch englischem Schlangestehen beim Warten auf die Fahrer für Autogramme – und das in einer unglaublichen Tiefe vorhandene Fachwissen auch beim ganz normalen Rennbesucher. All‘ das macht einen Rennbesuch bei der Formel 1 in Silverstone, aber auch bei Tourenwagenrennen in Brands Hatch oder beim Speedway in Ipswich zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Bei aller Begeisterung für solche Tage – man ist auch jedes Mal wieder ein bisschen traurig, wenn man das Paradies nach getaner Journalistenarbeit verlassen muss. Und eine Spur neidisch auf all’ jene, die auf der Insel bleiben dürfen, um dort ihrem Alltag nachzugehen.


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