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04.04.2024

Die Nachrichtenbauer


Seit Corona hat sich die Formel 1 verändert. Vor allem ihr Umgang mit den Medien. Das merkt man gerade seit Saisonbeginn auffällig, seit scheinbar ein Skandal den anderen jagt und jeden Tag eine neue Gerüchtesau durchs Dorf getrieben wird.

Klammheimlich haben die Strippenzieher der Kommunikation dafür gesorgt, dass die Recherchemöglichkeiten eingeschränkt wurden. Zuerst aus der Notwendigkeit heraus: Als die Seuche tobte, musste man die persönlichen Kontakte zwangsläufig begrenzen. Zuerst durften Journalisten bei den Geisterrennen nur im Pressezentrum sitzen bleiben, statt wie üblich im Fahrerlager sitzenzubleiben. Danach gab es vor allem organisierte Fragestunden in einem Verschlag für die Fahrer auf der einen und Fernsehreporter mit langen Mikrofonständern oder -haltern auf der anderen. Dieser „TV Pen“ – wir sagen: Viehgatter – ist beibehalten worden, die bis dato üblichen Gesprächsrunden mit Print- oder Onlinejournalisten, während Corona abgeschafft, sind einfach nie wieder eingeführt worden. Zumindest nicht in einem Maße, das vernünftiges Arbeiten möglich machen würde.

Die Formel 1 konzentriert sich seit Corona auf TV und selbst produzierte Inhalte, darüberhinaus auf schnelle Oberflächlichkeiten. Das tut ihr auf den ersten Blick gut, denn es verhindert langes und mehrschichtiges Nachbohren. So sehen es zumindest die Vermarkter, aber auch die Pressesprecher der Teams und Hersteller. Sie meinen, so den Ton der Berichterstattung vorgeben zu können. Im Sinne der ganzen Serie und ihrer eigenen Arbeitgeber natürlich. Kritik? Technische Details? Größere Zusammenhänge? Egal, Hauptsache alles sieht nach Spektakel aus.

Doch in der Causa Horner und nun auch bei den Spekulationen um die Zukunft von Carlos Sainz hat man gesehen, wohin das führt: Alter Wein wird in neuen Schläuchen immer wiederkehrend serviert. Jeder, der zu einem Thema etwas zu sagen hat oder das zumindest meint, wird auf Online-Kanälen zitiert und rezitiert. Aus Recherche ist ein reiner Wiederkäujournalismus geworden. Es gibt schon seit Wochen nichts Neues, also wiederholt man Altbekanntes mit neuem Vokabular und anderer Ausdrucksweise. Hauptsache, man kann es skandalisieren und sein eigenes Missfallen über Horner und dessen Umgang mit seiner Mitarbeiterin und der ganzen Krise wortreich, aber inhaltsleer zum Ausdruck bringen.

Plötzlich heißt es auch, die ganze Formel 1 würde wegen der Affären Schaden nehmen. Was natürlich Quatsch ist. Es gilt der alte Grundsatz, jede Nachricht ist eine gute Nachricht – selbst eine schlechte. Denn sie hält einen im Gespräch. Die Formel 1 blüht im Zuge der Skandale geradezu auf, sie wird auf ein Maß erhöht, das weit über die reine Sportberichterstattung hinausgeht.

Wer sich wirklich auskennt im Sport, rümpft längst die Nase. Und wundert sich über so manche Entscheidung, die getrieben wird von PR-Leuten, deren Blick nicht über den eigenen Tellerrand hinausreicht. Natürlich kann man auch heute noch im Fahrerlager recherchieren, wenn man gut vernetzt ist und die richtigen Leute persönlich kennt, vor allem aber deren Vertrauen genießt. Es gibt auch immer noch genug Print- und Onlineredaktionen, die genau das tun: jeden Tag das Fahrerlager auf und ab gehen, jeden Gesprächspartner anhauen und abgrasen. Das können auch die Restriktionen der Vermarkter und PR-Leute nicht verhindern.

Allzu oft allerdings bleiben Manche einfach nur im klimatisierten Pressezentrum und lassen sich Informationen zuführen, statt selbst die Steine draußen im Fahrerlager umzudrehen. Und sie geben ihre Ansichten dann auch in einer Vermengung aus Nachricht und Kommentar weiter, die nach strengen Volontärtrainingsmaßnahmen unzulässig ist. Diese Berichterstattung wiederum wird dann von Keyboard- und Camera Warriors aufgegriffen und gesten- sowie wortreich und bedeutungsschwanger als absolute Neuigkeit präsentiert, obwohl absolut nichts Neues dahinter steckt.

Die Kommunikateure der Formel 1 hätten die Causa Horner längst aus der Welt schaffen können. Ihre eigene Regulierungswut sorgt nun dafür, dass sie am Schwelen bleibt wie ein Osterfeuer, das tief in seinem Inneren immer noch genug Glut führt, um nasses Laub und frisch vertikutiertes Moos weiter wegzuschmurgeln, auch tagelang nach Ostern noch.

Für die Formel 1 ist das gut, denn es übertüncht die Langeweile der drückenden Überlegenheit von Max Verstappen. Doch für die Betroffenen ist das schmerzhafter als nötig. Und für alle, die sich in der Branche wirklich auskennen, pendelt es zwischen ärgerlich und lächerlich.


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