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22.06.2018

Zwei Nieten bringen keinen Hauptgewinn


Dieser Tage laufen in der Formel 1 zwei Handlungsstränge spitz zusammen. Und beide lassen ihre Hauptdarsteller reichlich blass aussehen. Denn die neuen Verträge der jüngsten Zeit zeigen plakativ das Versagen sowohl von Renault als auch von McLaren.

Künftig fährt also Red Bull mit Honda-Motoren statt mit Renault. Das hat sich bereits seit langer Zeit abgezeichnet; die finale Entscheidung fiel beim vorigen Grand Prix in Montréal, dort sammelte das kleine Schwesterteam Toro Rosso noch fleißig Daten mit der gerade erst freigegebenen letzten Ausbaustufe des Honda-Aggregats. Denn die Kälbchenaufzucht von Red Bull dient letztlich nur dem Zweck, das große A-Team aus Milton Keynes in allen Belagen zu unterstützen – auch wenn der demagogische Toro Rosso-Teamchef Franz Tost für sich die Maßgabe ausgegeben hat, Red Bull Racing schlagen zu wollen. Wer Realist ist und nicht Fantast wie er, der weiß, dass das nicht im Konzept des Limonadenverlages steht.

Honda? Die sind doch von McLaren mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt worden, weil sie angeblich nicht imstande seien, einen konkurrenzfähigen Hybridmotor zu bauen. Dass sich Red Bull jetzt für die Japaner entschieden hat, zeigt mittelbar, was für ein großer Wurm bei McLaren drin ist. Das Team aus Woking unweit des Londoner Großflughafens Heathrow hat sich intern völlig auseinandergelebt. Das Management rund um Éric Boullier gerier sich sonnenkönighaft, lässt die Mechaniker immer härter schuften, ohne jenen Investitionsstau aufzulösen, der sich seit Jahrzehnten – seit dem einstigen Neubau des Technology Centre – angehäuft hat. Die einfachen Mechaniker gehen auf dem Zahnfleisch, die mittlere Ingenieursebene hat keine modernen Computer mehr, um zielgerichtet entwickelt zu können, der Windkanal ist so inakkurat, dass man sich dauernd bei Le Mans-Sieger Toyota in Köln-Marsdorf einmieten muss – so kann man in der aktuellen Formel 1 keine Bäume ausreißen.

Wir haben ja bereits in der Winterausgabe unserer Zeitschrift PITWALK einen großen Artikel über die Lage bei McLaren gebracht und das Team als eine der größten Baustellen des Winters dargestellt. Eigentlich ist es schade, dass wir mit dem Artikel auf so dramatische Art und Weise recht behalten haben. Aber irgendwie war es eben doch vorhersehbar. Dass man sich jetzt noch IndyCars und einen Le Mans-Erstligisten aufhalsen will, wird die Lage in Woking sicher nicht entspannen, sondern die Abwärtsspirale eher noch ankurbeln.

Das Management hat es sich zu einfach gemacht, mit dem Finger auf Honda zu zeigen. Klar, die Japaner hatten in den ersten Jahren ihrer Formel 1-Rückkehr Probleme mit zu brustschwachen und unzuverlässigen Aggregaten. Aber wenn man sich im großen Motorsport umschaut, so relativiert sich das sehr schnell: Selbst in der GTE-Klasse, also der dritten Liga der Sportwagen-WM mit umgerüsteten Serienautos, brauchen sogar große Hersteller wie BMW immer zwei Jahre, um auf das Niveau der Konkurrenz zu kommen. Warum also sollte das in der technisch viel hochgesteckteren Formel 1 schneller gehen?

Trotzdem hatte Honda schon in der Anfangsphase alle Weichen richtig gestellt, um die Aufholjagd zu forcieren, bis hin zur so wichtigen integrierten Entwicklung mit Öl- und Benzinherstellern. Wie viel das bringt, sieht man gerade bei Ferrari: Dass Sebastian Vettel plötzlich im WM-Fight ist, geht zu weiten Teilen auch auf das Konto von Shell und deren erdgas- statt -ölbasierter Schmierstoff Helix Ultra und deren Benzin V-Power. Honda hatte auch so eine Partnerschaft zugange, doch die McLaren-Chefetage hat sie aus monetären Gründen gekippt. Und damit, wie mit vielen anderen konstruktionsbedingten Entscheidungen auch, das Kind mit dem Bade aus- und direkt in den Brunnen hineingeschüttet.

McLaren hat sich die eigene Zukunft verbaut und Honda die Schuld dafür gegeben. Red Bull ging es mit Renault ganz ähnlich: Die Franzosen waren in Wahrheit so entwicklungsfußlahm, wie man es Honda dank der Intrigen von McLaren nachgesagt hat. Renault verschlief alle Trends, von der Vorkammerzündung bis hin zur Wichtigkeit der Betriebsstoffentwicklung, und lamentierte stattdessen öffentlich über das schlechte Verhältnis zu Red Bull. Jetzt ist Renault bei McLaren und steckt dort im Hinterfeld fest – weil weder das Auto noch der Motor gut genug sind. Dass Red Bull mit Daniel Ricciardo um die WM mitkämpft, ist: wegen des exzellenten Autos von Adrian Newey und trotz des Renault-Motors.

Die Zwickmühle von Renault ist symptomatisch für französische Hersteller: Die Rautentruppe war mit Michael Schumacher, Fernando Alonso und Sebastian Vettel Weltmeister. Doch es hat keiner in der Öffentlichkeit gemerkt, weil sie stets nur als Motorenlieferant aufgetreten sind und das überhaupt nicht für Reklame oder Marketing ausgenutzt haben. Selten hat ein Hersteller so viel Geld für Motorsport ausgegeben, um dann absolut keinen Werbenutzen davon zu haben.

Oder vielleicht doch: Citroën gewann mit Sébastien Loeb neun Mal die Rallye-Weltmeisterschaft. Und außer in Frankreich hat kein Mensch davon auch nur einen Hauch mitgekriegt. Dabei wäre es so einfach, den Motorsport als Reklameinstrument zu nutzen. Ausgerechnet Honda macht das jetzt schon vor, auch bevor sich die Erfolge einstellen.


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