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09.02.2019

Zum Tode von Charly Lamm


Charly betreibt Motorsport, als wäre es Krieg.“  Die Worte aus dem Mund von Bart Mampaey sind schon ein paar Jahre alt. Aber sie hallen gerade heute um so lauter nach.

Charly Lamm ist tot. Der Bayer war der Roger Willemsen des deutschen Motorsports. Steile These, findet Ihr? Ich habe sie beide persönlich gekannt, und ich sehe erstaunliche Parallelen in ihrem Wesen. Beide waren unheimlich eloquent, konnten mit ungewöhnlichen Formulierungen verblüffen; sie beobachteten mit wachen Augen, voller Blick fürs Details und einem Vermögen, alles in ein großes Ganzes einzuordnen. Und sie strahlten eine Begeisterungsfähigkeit aus, die Leute mitreißen konnte.
Sie waren Intellektuelle ohne Dünkel.

Denn Charly Lamm war ein Mann, der polarisiert hat. Mampaey war zu Zeiten des M3 V8 GT-R in der Amerikanischen Le Mans-Serie 2001 Renningenieur für einen der Werkswagen in den Staaten – verpflichtet von Schnitzer-Teammanager Charly Lamm persönlich.

Also hat der Belgier ihn auch persönlich kennengelernt, aus einer Perspektive, die meisten Außenstehenden verwehrt blieben – den Bayern, der so sehr für den Motorsport gebrannt hat wie wohl kaum ein anderer in Deutschland. Jetzt ist Charly Lamm tot, überraschend gestorben nach einem kurzen Koma im Krankenhaus, aus dem man ihn nicht wieder aufwecken konnte, weil seine Nieren versagt hatten.

Die meisten Nachrufe sind schon geschrieben. Und sie loben zurecht die aufopfernde Art, mit der Lamm sich dem Motorsport widmete. Und seine Begeisterungsfähigkeit, die er auf andere übertragen konnte.

Doch Lamm war ein deutlich vielschichtigerer Mensch als derjenige, der zuletzt stets rausgearbeitet worden ist. Seine Leidenschaft für den Motorsport gipfelte in einem Fleiß und Arbeitseifer, der ans Übermenschliche grenzte. Lamm dachte von morgens 5 bis nachts nach 12 nur daran, wie er den Motorsport im Allgemeinen und Schnitzer im ganz Besonderen nach vorn bringen konnte. Wer bei diesem Mammutprogramm nicht mitzog, der verspielte sich auch gern mal die Sympathie des Teammanagers.

Die Geschichte von Schnitzer Motorsport sieht Lamm als eine fast schon frappierende Fortsetzung der Lebensgeschichte von Josef Schnitzer. Der galt als technisches Genie, hat die Turbotechnik von Freilassing zu BMW gebracht – weit bevor Paul Rosche und Co. daran tüftelten. Josef Schnitzer war der technische, sein Bruder Herbert der kaufmännische Kopf von Schnitzer. Nach dem Unfalltod von Josef Schnitzer traten die zweieiigen Zwillinge Karl „Charly“ und Dieter Lamm auf den Plan.

Charly wollte unbedingt im Motorsport arbeiten. Ein Praktikum bei einem Rennen in Macau bringt ihn endgültig auf den Geschmack, er kniet sich mit allem Einsatz, den er aufbringen kann, in die neue Karriere. Er zieht Dieter mit – doch die beiden sind genau so verschieden wie Josef und Herbert Schnitzer. Und wie Herbert Schnitzer und Charly Lamm, die sich fortan immer aneinander reiben sollen.

Die ganze Geschichte von Schnitzer Motorsport aus der Perspektive von Herbert haben wir in einer Ausgabe der Zeitschrift PITWALK ausgearbeitet und dargestellt – einem mehr als zehnseitigen Elaborat, in dem von Bruder Josef über die Verwandtschaftsgrade der Zwillinge Lamm bis hin zu den besten Erinnerungen der Bayern, es ist eine wahnsinnig mitreißende, herzerwärmende und amüsante Geschichte, die viel über die inneren Zusammenhänge bei Schnitzer Motorsport erhellt. Schaut mal hier auf der Seite nach – das Nachbestellen von dem Heft lohnt sich für alle Freunde des deutschen Motorsports und der Historie ganz sicher, denn da wird Vieles noch mal erklärt auf aufgedröselt, was für die Meisten irgendwie einfach immer da war, aber nie erläutert worden ist.

Herbert Schnitzer wirkt eher wie Dienstmann Alois Hingerl vom Münchener Hauptbahnhof, wie er noch in der Gaststätte sitzt. Aber die augenscheinliche bajuwarische Ruhe täuscht – mit seinen wachen Augen sieht er alles und ordnet blitzschnell auch alles richtig ein, und ins Bockshorn jagen lässt er sich als die graue Eminenz des deutschen Rennsports sowieso nicht.

Karl Lamm dagegen paart bayerischen Charme mit südländischem Temperament – und mit einer gnadenlosen Verbissenheit, alles dem Erfolg unterzuordnen. Er hat die einzigartige Gabe, Menschen mitzureißen und von seiner Meinung zu überzeugen. Doch wer die Ansicht anzweifelt, der ist ihm erst mal suspekt. Dann werden aus Insidergesprächen im Fahrerlager auch gern mal Streitgespräche, in deren Verlauf Lamm sich gequält zeigt, fast schon beleidigt. Man muss dann auf seinem Standpunkt beharren, wenn man ihn fundiert begründen kann – und dann klingelt meist in der Woche drauf irgendwann das Telefon zu einem klärenden Gespräch.

Solche Szenarien gab es zu Zeiten der Tourenwagen-WM, als BMW gegen die Turbodiesel von Seat kämpfte und sich an allen Fronten benachteiligt sah, zuhauf.

Für Journalisten ist Lamm stets ein dankbarer Gesprächspartner. Zwar hinterlässt er immer den Eindruck, überhaupt keine Zeit zu haben – mit leicht nach vorn gebeugtem Oberkörper, schnellem Gang und flackerndem Blick ist er seiner derzeitigen Beschäftigung immer schon einen Schritt voraus. Doch er weiß um die Notwendigkeit, die komplexen Zusammenhänge des technischen und taktischen Sports verständlich erklären zu müssen, denn nur dann kann er eine sinnvolle Berichterstattung erwarten.

Also nimmt er sich immer wieder die Zeit. In den mit Leder ausgekleideten Sitzgruppen im Auflieger des Team-Lkw spricht er schnell, hin und wieder vibriert seine Stimme, die Uhr verliert er nie aus den Augen. Aber auch den Faden verliert er nie. Denn er will Außenwirkung erzielen, zum Wohle seines Teams und des ganzen Sports.

Um so tiefer trifft es ihn dann, wenn jemand seine Erläuterungen nicht durchschaut und irgendwelche Dinge schreibt, die ihm nicht passen. Die behält er dann elefantengleich im Gedächtnis. Doch nachtragend ist er immer nur, wenn die Fakten tatsächlich falsch gewesen oder der Gegenüber einen Kontext schlicht nicht kapiert hat – aber nicht bei einer anderen Meinung, wenn die nachvollziehbar ausformuliert ist.
 
Nach innen legt er enorme Maßstäbe. Sein Arbeitstempo und seinen verbissenen Ehrgeiz können längst nicht alle mitgehen.

Seine unbändige Leidenschaft hat die Arbeit innerhalb von Schnitzer nicht immer leicht gemacht. Er ist genau so ein unbändiger Macher wie es vor ihm Josef gewesen ist, dem Motorsport über alles geht und der keine Nachlässigkeiten duldet. Anstacheln geht da oft Hand in Hand mit überzogenen Ansprüchen ans Umfeld. Auch manche Fahrer müssen sich ordentlich was anhören. Zwar ist Lamm kein Expilot – aber er verfügt über ein enormes Feingefühl und Einfühlungsvermögen, sich auch ins Gemüt und in Cockpitszenarien hineinversetzen zu können. Also gibt es auch schon mal klare Anweisungen über Funk, was die Fahrer besser machen müssen.

Aber genau so eindimensional muss man sein, wenn man sich in der harten Welt des Rennsports zu einem Ausnahmedarsteller wie Schnitzer und Lamm hocharbeiten will. Wer nur mit im Strom schwimmt, kann nie vorm Schwarm ankommen. Und am Schwarm hat einer wie Lamm kein Interesse. Der olympische Gedanke ist ihm fremd. Er sammelt diejenigen ein, von denen er erkennt: Sie ticken so wie er; sie interessieren sich nicht nur für den Sport, sondern sie begeistern sich für ihn. Mit denen bildet er Allianzen auf Zeit, die er jederzeit wieder aufleben lassen kann.

Doch Leidenschaft schließt gerade bei ihm Leidensfähigkeit aus. Konkflikten aus dem Weg gehen ist nicht sein Ding. Er will sie ausfechten. Selbst im eigenen Lager. Als der damals neue BMW-Sportchef Jens Marquardt seine ehemaligen Toyota-Formel 1-Arbeitskollegen aus Köln zu neuen BMW-Einsatzteamchefs befördert und Schnitzer seine Vormachtstellung als alteingesessener und stets zuverlässiger BMW-Erfolgsgarant verliert, beißt er zwar nach außen auf die Lippen, damit seine Enttäuschung darüber kein Ventil finden kann. Doch man merkt ihm an, dass ihm die Rückstufung der Mannschaft einen Dolchstoß versetzt – zumal er keinen Grund erkennen kann.

Sein Lebenswerk vollendet er an jener Stelle, an der es begonnen hat: in Macau, seinem heimlichen Lieblingsort des Motorsports. Augusto Farfus gewinnt für Schnitzer unter der Regie von Lamm im November das GT3-Weltfinale im Shell Helix Ultra-BMW M6.

Das Auto trägt da schon die Sonderlackierung „Thank You Charly“. Was aussieht wie ein Abschied von der Rennstrecke, ist in Wahrheit – ungewollt und ungeahnt – der erste Schritt zu einem Abschied für immer. Die an sich nicht dramatische Infektion, die schließlich zurück in der Heimat zu einer Krankheitsgeschichte mit tödlichem Ausgang werden soll, handelt er sich ausgerechnet in Macau ein – seinem stets allerliebsten Rennort.

Bei allem Ehrgeiz und aller Getriebenheit ist er stets auch ein Philosoph des Motorsports geblieben, mit dem man als Journalist ausschweifend und hintersinnig über alle Facetten der gemeinsamen Lieblingsbeschäftigung reden konnte. Oft gab es Dissenzen, oft aber auch erstaunliche Übereinstimmungen. Und selbst wenn man gewisse Missstände nicht ändern konnte – es tat jedes Mal wieder gut, darüber gesprochen zu haben. Ihm wie auch seinen Gesprächspartnern in diesen oft langwierigen Exkursen in dafür eigentlich viel zu kurzen Pausen.

Das Flackern im Blick, die wippenden Haare, die irgendwann von Dunkelbraun in Schwarz übergingen, die hohe Stimme mit ihrer schnellen Aussprache und dem bayerischen Singsang – Eindrücke von Charly Lamm, die noch lange nachhallen werden, wenn man im Fahrerlager an einem Schnitzer-Auflieger vorbeiläuft.


Aber was der so eindringliche und ehrgeizige Charakterkopf wirklich für den deutschen Motorsport insgesamt bedeutet hat – das wird sich erst in Jahrzehnten ermessen lassen, es keine Weichen mehr geben kann, die sein langer Arm einst noch gestellt hat.
 


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