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02.12.2021

Zum Tod von Frank Williams


Die Nachricht trudelte irgendwo auf der A31 ein. Am Ersten Advent, auf der Rückreise vom Finale der Rallycross-WM auf dem Nürburgring: Frank Williams ist tot.

Es einer jener Momente, zu denen man erstmal schlucken und einen starken Würgereiz unterdrücken muss. Die Augen werden feucht, und man ist versucht, einfach rechts ran zu fahren.

Denn obwohl natürlich bekannt war, dass es dem Gründer des Williams-Formel 1-Teams schon seit Jahren schlecht und schlechter ging – so kam die Meldung von seinem Ableben dann doch wie ein Keulenschlag.

Bilder schießen vors geistige Auge. Etwa vom letzten Besuch bei Williams’ Teamsitz in der Nähe von Oxford. Lang ist’s her inzwischen, damals war Sir Frank noch am Ruder und im Vollbesitz seiner Kräfte. Soweit er das mit seiner Lähmung – vom Hals an abwärts, seit Frühling 1986 – eben noch sein konnte.

Das Leben war mühsam für Frank Williams. In regelmäßigen Abständen musste ihn ein Pfleger aus seinem Rollstuhl falten und in einen Stehrahmen hängen, damit der Körper nicht immer in derselben Stellung verharrt. So auch bei diesem Interview in der Vorweihnachtszeit.

Seine Lippen fischten immer wieder nach einem Strohhalm, um aus einem Becher etwas zu trinken schlürfen zu können. Die Arme konnten ein bisschen baumeln, er konnte sie sogar heben und dann, wenn er im Rollstuhl saß, in den Schoß plumpsen lassen. Die Beweglichkeit der Arme reichte auch dazu, den Rollstuhl aus eigener Kraft anzuschieben – wenn auch nicht immer gleichmäßig, sodass Williams merkwürdige Schlangenlinien beschrieb, wenn er sich in einer Box unbeobachtet wähnte und sich ein bisschen bewegen wollte.

Die Tortour nach dem Verkehrsunfall nach Testfahrten in Le Castellet von 1986, der ihn vom Hals ab an abwärts gelähmt zurückließ, ist hinlänglich dokumentiert. Ebenso wie die Tatsache, dass Williams es wohl nur seiner Leidenschaft für den Motorsport zu verdanken hat, dass er überhaupt so alt geworden ist. Denn in der Formel 1 und in anderen Sparten fand er eine Aufgabe, aus der er Kraft zog, mit seinem Schicksal klarzukommen – und den nötigen Lebensmut zu fassen, sich der Behinderung zu stellen. Es ist keine Folklore, wenn man behauptet, der Rennsport als Lebensaufgabe habe Williams so lange am Leben gehalten – Ärzte, die solche Krankheitsverläufe kennen, bestätigen genau das: Wer kein so erfülltes Leben hat, der geht mit einer solchen Behinderung, die körperlich und mental Kraft kostet, irgendwann buchstäblich einfach ein. Williams hat einfach aus seiner Not eine Tugend gemacht.

Auch wenn die Jahre mühsam waren. Anreisen per Privatjet, mit speziellen Krankentransportern oder Limousinen, immer in besonderen Hotelzimmern – all' das kostete viel Geld. Es ging natürlich auf den Deckel des Teams. Aber das wurde vom Chef aus lauter Leidenschaft zum Rennsport so hemdsärmlig geführt, dass es bis in die späten Neunziger hinein nicht mal eine Doppelte Buchführung gab, wie es für Unternehmen – Ltd., als das englische Gegenstück zu einer GmbH – dieser Größenordung eigentlich steuerrechtlich nötig ist.

Williams – als Mensch und als Rennstall – standen in der Region bei Oxford irgendwie über den Dingen, wie ein Faktotum, eine Art menschliches Naturschutzgebiet. Keiner hat ihm diesen Status jemals geneidet.

Der Weg vom Unfall über den Vorhof zur Hölle in einem Spital in Marseille bis hin zur Genesung, aber auch die Folgen für die Familie hat Virgina Williams – alle, die sie kannten, nannten sie nur Ginny – in einem Buch niedergeschrieben, das sprachlos macht: Dein Schmerz geht durch mein Leben, so heißt es; es ist mittlerweile vergriffen, seit Jahren schon, doch wer es in einem Antiquariat findet – sofort kaufen. Die Schilderungen, die darin schonungslos zu lesen sind, machen erst so richtig verständlich, was ab 1986 passiert ist, wie sich das Leben des einstigen Joggers Frank Williams geändert hat, wie die Familie darunter gelitten hat, wer aus dem Motorsport was für FW gemacht hat – ein Werk, das Gänsehaut macht und einem die Tränen in die Augen treibt.

Die Härte gegen sich selbst, mit der er die beinahe tödlichen Folgen des selbstverschuldeten Verkehrsunfalls zwischen Le Castellet und Marseille weggesteckt, überwunden und beinahe vergessen gemacht hat, nötigte jedem, der ihm zum ersten Mal begegnete, nur eines ab: Respekt.

Einen Frank Williams hat man nicht einfach so angesprochen. Man hat sich ihm genähert. Und gehofft, dass er einen an sich ranlässt. Denn von Frank Williams akzeptiert zu werden – das war der Ritterschlag für jeden Formel 1-Insider.

Die ersten Kontakte erfolgten über Umwege. Andere Ansprechpartner im Team – Teilhaber Patrick Head, Berater Frank Dernie, Technikdirektor Sam Michael – haben einen schon längst angenommen. Williams beobachtet da noch aus dem Augenwinkel, mit wem sich seine Angestellten unterhalten – und macht sich im Hintergrund sein eigenes Bild. Dann zieht er Erkundigungen über die Pressestelle ein – und irgendwann ist er dann bereit für ein erstes persönliches Interview.

Wobei das mehr ein Beschnuppern als ein ernsthaftes Gespräch für eine Veröffentlichung ist. Denn der persönliche Eignungstest geht weiter: Wie gut spricht der neue Gegenüber Englisch? Versteht er den ganz eigenen britischen Humor? Kann er die anfängliche Scheu vor dem Rollstuhlgeneral ablegen und sich mit ihm unterhalten, als sei Sir Frank auch körperlich ein ganz normaler Mensch? Mitleid nämlich kann er nicht leiden. Er weiß, dass er selbst Schuld trägt an seinem Schicksal – und möchte nicht wie ein bedauernswerter Pechvogel behandelt werden, dem das Leben übel mitgespielt hat.

Je nachdem, wie viele Prüfungen der Gegenüber bestanden hat, baut Frank Williams Distanz ab und Schranken aus dem Weg. Viele hält er auf professionelle Distanz. Nur wenn in persönlichen Gesprächen den Schalk in den Augen blitzen sieht; nur wer mitkriegt, wie sich die Runzeln um die Augen zu verschmitzten Falten zusammenschieben; nur wer das leise krächzende Spötteln, das am Rande eines Lachens kratzt, zu hören kriegt – der hat es wirklich geschafft, an FW heranzukommen. Und den hat er dann auch für immer in sein Herz und sein Vertrauen geschlossen.

Das Gespräch auf dem Foto, in Williams’ Chefbüro in Oxford, war genau solch’ ein Moment – den man als Journalist nie wieder vergisst. Eigentlich sind es genau solche Augenblicke, die einem vor Augen führen, warum man sich mal für den Beruf des Motorsportjournalisten entschieden hat – Begegnungen mit Ikonen, von denen man als junger Bursche mal voller Bewunderung Fan gewesen ist. Die Bewunderung hat sich gewandelt, hin zu einer professionellen, respektvollen – aber sie ist nie gewichen.

Auch, weil Williams für mehr stand als nur für die Formel 1-WM-Titel mit Alan Jones, Keks Rosberg, Nigel Mansell, Damon Hill und Jacques Villeneuve. Seine Firma hat jenen BMW-Sportprototypen konzipiert, mit dem das Schnitzer-Team im Werksauftrag die 24 Stunden von Le Mans gewann; jenen MG Metro 6R4 entwickelt, der in der Gruppe B-Ära der Rallye-WM als Audi-Killer vom Stapel gelassen werden sollte – und sogar einen Renault Laguna für die Britische Tourenwagenmeisterschaft gebaut.

Um die französische Limousine rankt sich eine der genialsten Geschichten, die es mit Frank Williams überhaupt nur gibt. Der damals noch junge Jason Plato, heute einer der weltbesten Tourenwagenpiloten, wollte den Chef unbedingt davon überzeugen, ihm einen Platz im Laguna-BTCC-Team zu geben. Williams sträubte sich. Doch Plato schlich sich auf den Firmenparkplatz – und lauerte hinter einer Hecke, bis der Chauffeur mit Williams im Fond vorfuhr und damit begann, den Gelähmten aus dem Wagen in den Rollstuhl zu verfrachten. Genau da, als Williams zwischen seinen beiden Transportmitteln hing, schoss Plato aus der Hecke – und plapperte solange auf den wehrlosen Williams ein, bis der ihn zu einem Termin in sein Büro lud.

In exakt jenes Büro, in dem das obige Bild entstanden ist.

Solche hartnäckigen, kaltschnäuzigen Menschen sind genau nach dem Geschmack des zähen Knochens Frank Williams gewesen.

Jetzt ist der harte Hund mit dem großen Herzen und dem schrägen Humor tot. Es gibt keinen im Motorsport, den das nicht bestürzt. Und irgendwie ist es plötzlich völlig egal, wie der vorletzten Grand Prix des Jahres in Dschidda ausgeht – Leben, Wirken und Sterben von Frank Williams stellen am kommenden Wochenende in der Formel 1 alles Andere in den Schatten.


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