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18.10.2018

Zufallstreffen in den Bergen
oberhalb von Atlanta


Manchmal trifft man sich an den ungewohnten Orten. Etwa am vergangenen Wochenende. Da lief Kevin Magnussen mir – ansonsten weitgehend unbehelligt – im Fahrerlager der US-amerikanischen Rennstrecke Road Atlanta über den Weg. Dort, im US-Bundesstaat Georgia, fand das Finale der nordamerikanischen Sportwagen-Meisterschaft statt; ein denkwürdiges Zehnstundenrennen, in dem Kevins Vater Jan Magnussen in einem dramatischen Finale den Titel in der internen GT-Klasse holte, mit einer spektakulär durch die Mittelgebirgshügel wummernden und bollernden Chevrolet Corvette.
Kevin Magnussen nutzt das Langstreckenrennen seines Vaters als Zwischenstopp auf der Reise nach Austin, zum nächsten Grand Prix-Rennort. Und wie so oft, taut und blüht der Formel 1-Pilot abseits des strengen Fahrerlagers auf und zeigt sich von einer lockeren Seite, die er schon seit seiner Zeit als McLaren-Junior in den Nachwuchsformeln nicht mehr an den Tag gelegt hat.

Die Ähnlichkeit zwischen Vater und Sohn ist dabei unübersehbar. Mit Jan Magnussen hatte ich erstmals zu tun, als der bei Mercedes neben Dario Franchitti Junior in der C-Klasse der DTM war. Und Kevin lernte ich später in seiner Zeit in der Formel Renault 3,5 kennen, also dem direkten Unterbau zu Formel 1.

Beide waren damals in ihren jungen Jahren auffallend bemüht, sich gut auszudrücken. Allerdings legte der Vater eine Grundmuffeligkeit an den Tag, die für Dänen eher ungewöhnlich ist. Sohn Kevin dagegen hat die Medienschule von McLaren durchlaufen und ist deswegen auf Freundlichkeit getrimmt.

Inzwischen gleichen sich die beiden Karrieren ziemlich. Vater Jan galt in der Britischen Formel 3 als eines der größten Talente seit Ayrton Senna. Doch die DTM haben seinen Fahrstil verwässert, er selbst hat die Formel 1 nicht ernst genug genommen und sich zu sehr auf seine Grundbegabung verlassen, darüber die nötige ernsthafte Arbeit schleifen lassen. Seine Formel 1-Bilanz – ein mageres Pünktchen – ist nur ein unzureichender Spiegel dessen, was für Vater Jan eigentlich möglich gewesen wäre.

Kevin geht es jetzt nicht anders. Auch ihm fehlt der letzte Schritt und Biss, es ganz nach vorn zu schaffen. Beim Privatteam Haas kann er sich eine Weile halten und dank der Baugleichheit des Autos zum Basis-Ferrari auch jederzeit in die Punkte fahren. Aber kein großer Hersteller wird ihn jemals mehr verpflichten.

Dass Kevin Magnussen es nicht bis ganz an die Spitze schaffen würde, war schon zu dessen Zeiten in den Nachwuchsformeln absehbar. Genau wie sein Vater, ist der geistige Horizont nicht weit genug bemessen, um die ganzen vielschichtigen Anforderungen der Formel 1 in allen Facetten bewältigen zu können. Denn ganz oben reichen reine Fahrzeugbeherrschung und eine angeborene oder -trainierte Grundschnelligkeit allein nicht mehr aus. Nur wer davon so überbordend viel mitbringt wie Lewis Hamilton, kann auch mit einer Fußballer-Geisteshaltung noch Erfolg haben. Alle anderen müssen auch vom Kopf her richtig fit und firm sein, um die Möglichkeiten eines Formel 1 voll ausschöpfen zu können.

Der Besuch beim Petit Le Mans im US-Bundesstaat Georgia brachte für die Magnussens allerdings eine andere Erkenntnis. Vater Jan fuhr dort noch ein Mal einen infernalisch wummernden Frontmotor-GT1 namens Panoz Esperante – in den Neunzigern die Neuinterpretation der US-amerikanischen Hot Rod-Kultur für den Motorsport. Die Amerikaner brachten den Boliden als Herausforderer für Porsche, Audi und Co. sogar zu den 24 Stunden von Le Mans. Und Jan Magnussen war nach seiner Formel 1-Karriere einer der ersten Piloten, die Don Panoz für sein leicht verrückt anmutendes Privatprojekt verpflichtete.

Vor ein paar Wochen ist der Nikotinpflaster-Millionär, der Zeit seines Lebens geraucht hat wie ein Schlot, gestorben. Die Ausfahrt von Magnussen im GT1 war Teil einer Gedächtnisveranstaltung zugunsten des Gründers vom Petit Le Mans, der so viel für den Sportwagen-Langstreckensport in den USA getan hatte. Und Jan Magnussen wurde rein ein bisschen nachdenklich. „Don Panoz hat mir gezeigt, dass es auch ein Leben nach und außerhalb der Formel 1 gibt“, gestand er, bevor er mit der Corvette den IMSA-Titel holte.

Diese Erkenntnis haben längst nicht alle Grand Prix-Piloten. Viele komprimieren ihre Existenz auf das Leben in der kleinen Kunstblase, dem Paralleluniversum Fahrerlager. Das gilt für Fahrer ebenso wie für Ingenieure und Mechaniker. Und auch für manche mitreisenden Journalisten.

Nur selten bricht mal einer derart aus wie der designierte Weltmeister Lewis Hamilton. Mit Jetset-Freunden, einer eigenen Modekollektion und dem heimlich gepflegten und schon vorbereiteten Traum einer Musikerkarriere nach der Formel 1-Laufbahn erweist sich der Mercedes-Pilot als erstaunlich vielschichtig.

Genau daraus bezieht er jene Lockerheit, die er braucht, um sein ganzes Können auch unter Druck abrufen zu können. Und ein Genie zu sein, ohne groß geistig dafür und daran arbeiten zu müssen. Das zeigt, warum Hamilton eine ganze Liga über Fahrern etwa wie den Magnussens spielt.


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