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07.06.2018

Williams vor dem Abgrund


Die Frage ist schon ein Weilchen her. Aber der Blick, mit dem Frank Williams mir seinerzeit antwortete, wird mir für alle Zeit im Gedächtnis bleiben. Er guckte mich irgendwo zwischen gebrochen und beleidigt an, als er sagte: „Ich kann Dir versprechen – wir werden niemals so enden.“

Leicht provokativ und nach seinem Geschmack hatte ich den Rollstuhlgeneral aus England gefragt, ob sein Team auf einem ähnlich absteigenden Ast sei wie zwei andere einst große Rennställe der Formel 1-Geschichte, Tyrrell und Brabham – die nach dominanten Phasen in der WM, aber dann auch nach langem Siechtum schließlich sang- und klanglos pleite gingen. Von einem ähnlichen Schicksal seines Teams wollte Frank Williams resolut nichts wissen.

Dann traf ich vor einiger Zeit einen englischen Journalistenkollegen in Schanghai, der – dem Jetlag sei dank – genau wie ich morgens um halb 5 nicht mehr schlafen konnte und deswegen gelangweilt Heil im labbrigen Hotelkaffee sorgte. Beim Plausch im Morgengrauen erzählte er mir, Frank Williams hätte ihm unlängst mit brüchiger Stimme angefleht: „Bitte sag’ mir, dass wir nicht das nächste Brabham werden.“

Inzwischen sieht alles danach aus, als ob Williams mit Vollgas auf die Klippe zusteuert. Ausgerechnet vor dem Heimspiel von deren großen Bezahlpiloten Lance Stroll in Kanada erfuhr ich aus erster und höchst zuverlässiger Hand, dass dessen millionenschwerer Vater ab 2019 seine Apanage zu einem anderen Team umlenken wird: Lance Stroll soll dann bei Force India fahren statt bei Williams. Und Williams gehen so auf einen Schlag 40 Millionen Euro Mitgift verloren – zusätzlich zum Verlust des Hauptsponsors, der seinen schwer verdaulichen Wermuthsschnaps künftig anderweitig bewerben möchte als im Motorsport.

Den kommenden Abgang von Stroll haben wir ja in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift PITWALK im Rahmen unserer großen Hintergrundgeschichte über Williams und Robert Kubica bereits exklusiv enthüllt.

Die Teamleitung bei Williams muss das natürlich schon vorher gewusst haben, denn seit einigen Wochen schlägt sie rund um sich. Zuerst entließ sie den langjährigen Chefkonstrukteur Ed Wood, dann auch den Aerodynamiker Dirk de Beer. Beide sind an sich höchst solide Arbeiter. Doch sie werden für die Missgeburt des aktuellen Autos verantwortlich gemacht.

In Wahrheit sind sie nur Bauernopfer. Das wird schnell klar, wenn man sich das größere Bild anschaut. Denn nicht nur bei Williams geht’s abwärts – sondern auch beim großen Mercedes-Werksteam. Und diese Spirale folgt demselben Muster. Jene Mercedes, mit denen die Schwaben zu Beginn der Hybridära unbesiegbar waren, stammten alle noch aus der Konzeptarbeit von Ross Brawn und seiner Mannschaft. Dieses Jahr ist erstmals ein Silberpfeil am Start, der keine gemeinsame Basis mehr mit den alten Brawn-Konstruktionen aufweist, sondern von Paddy Lowe. Das klingt zwar abwegig, aber so lang sind die Entwicklungszeiten in der modernen Formel 1, wenn man als Ausgangsmodell einen so guten Wagen auflegt, auf dem man deswegen lange mit Evostufen aufbauen kann.

Paddy Lowe ist dann zu Williams, einem Mercedes-Kundenteam, seitwärts verschoben worden. Und der diesjährige Williams ist das erste Modell, das er bei Williams alleinverantwortlich entwickelt und vom Stapel gelassen hat.

Vulgo: Kaum hat Lowe die alleinige Verantwortung über den kompletten Konzept-, Entwicklungs- und Fertigungszyklus eines Neuwagens, ist Hängen im Schacht angesagt. Denn der kleine Engländer ist zwar ein exzellenter Denker und Techniker – aber keine rabiate Führungsperson mit Gefühl für Politik, Konzern- und Teamdenke sowie alle technischen Zusammenhänge. Leute wie Brawn, Mike Gascoyne, Pat Symonds, Gordon Murray oder Tony Southgate sind aus einem ganz anderen Holz geschnitzt.

Das kann man Lowe nur bedingt vorwerfen. Vielmehr hat die Teamführung bei Williams ihn völlig falsch eingesetzt. Und damit den eigenen Abstieg befeuert. Denn zu den Führungsqualitäten des Managements muss es nun mal gehören, der Personal dort arbeiten zu lassen, wo sie ihrer Qualifikation und ihren Möglichkeiten nach richtig aufgehoben sind. Kein Mensch käme auf die Idee, einen Architekten selbst aufs Maurergerüst zu stellen.

Jetzt hat Williams den Salat. Die Entlassenen de Beer und Wood sind Bauernopfer, weil die in der Hierarchie weiter oben angesiedelten Leute ihren Kopf retten müssen. Lowe heuert neue Leute von McLaren, seinem Arbeitgeber vor Mercedes, an, doch auch das sind nur Verzweiflungstaten.

Und die Teamchefin Claire Williams kämpft vehement um die Einführung einer Budgetobergrenze. Denn das ist wohl die einzige Chance, wie das Team im kommenden Jahr noch an den Start gehen kann.

Ihr Vater Frank kriegt von dem ganzen Drama nicht mehr viel mit. Er ist zwar körperlich immer noch so gesund, wie man das als vom Hals ab abwärts Gelähmter nur sein kann. Aber er leidet schwer an Demenz, es gibt nur noch selten Tage, an denen er wirklich lichte Momente hat und noch viel von seiner Umwelt mitbekommt.

Es wäre schade, wenn Williams nicht mehr da wäre; eigentlich wäre es eine Tragödie für die ganze Formel 1 und eine Armutszeugnis noch dazu. Andererseits hat Frank Williams den Spruch geprägt, die Formel 1 sei für Sonntagnachmittage jeweils zwei Stunden lang Sport – und sonst knallhartes Geschäft. Wenn sein Erbe nicht richtig fortgeführt wird – dann wäre er wohl der Erste, der die Schuld dafür nicht bei Dritten suchen würde.


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