+++ 2020-09-26 13:07 : Neuer PITCAST online – Vorschau aufs N24, mit Sven Schnabl, Franz Konrad, Markus Oestreich, Dominik Fugel, Tiago Monteiro, Esteban Guerriei, Attila Tassi und Nestor Girolami +++ 2020-09-26 12:16 : Neuer Blog online – Hintergründe zum Wirbel um den Octane126-Ferrari +++ 2020-09-26 11:51 : Neuer Blog online – das Wetter in der Eifel +++
BACK

30.07.2020

Wem geht ein Licht auf?


Bald werden sich die Jubelmeldungen wieder überschlagen. Je nach Quelle der dann verschickten Pressemitteilung, haben entweder die ITR oder der ADAC den deutschen Motorsport aus der Coronapause geholt. Denn DTM und GT-Masters fahren wieder ihre ersten Rennen.

Bevor das gewürdigt wird, muss man mit einem Irrglauben aufräumen. Der Audi-Ausstieg aus dem DTM kommt weder überraschend – noch hat er irgendwas mit Covid-19 zu tun. Bereits beim GT3-Rennen in Bathurst im Winter, also dem letzten großen Rennen vor der Seuche, kursierte der Entwurf jener Pressemitteilung, die den Abgang von Audi aus dem DTM ankündigte.

Damals war von Corona noch keine Rede, zumindest nicht in Sachen Lockdown, Wirtschaftsschädigung und Folgen für den Motorsport. Als dann das Virus kam, hat man es offenbar flugs in die Pressemitteilung hinein ergänzt. Denn das Virus konnte sowieso niemand leiden, da konnte man ihm auch noch die Schuld für den DTM-Todesstoß mit in die Schuhe schieben.

Aber die eigentliche Pressemitteilung war schon in den Blauen Bergen oberhalb von Sydney im Kern vorbereitet, der Entschluss zum Ausstieg also schon viel, viel früher getroffen.

Jeder, der sich vom Audi-Abgang überrascht fühlte, hat einfach nur vorher nicht genau genug hingeschaut.

Und das darf eigentlich gerade einem Serienbetreiber nicht passieren.

Womit das eigentliche Thema erreicht wäre: das Trauerspiel im deutschen Motorsport. In einer Krise schlägt die Stunde der Macher. Kreuzfahrtreedereien wandeln das Konzept ihrer Schiffsreisen in Schlemmertörns ohne Landgänge um; Schausteller suchen sich mangels Jahrmärkten und Kirmes neue Orte, an denen sie ihre Buden und Fahrgeschäfte aufstellen können; Restaurants und sogar Kneipen bauen Lieferdienste auf; Musiker übertragen ihre Konzerte, Fitnesstrainier ihre Übungen in Internetvideos; sogar das Auto, vor kurzem noch als Blechonkel des Teufels in die Ecke gestellt, erlebt bei jungen Leuten ein Comeback, weil man damit ins Autokino oder in Autokonzerte und -aufführungen gehen kann. Die Basketballbundesligisten fanden einen Weg, ihr Finalturnier abzuhalten, und waren plötzlich in aller Medienmunde. Jetzt haben sogar die Handballerinnen aus Buxtehude ein Konzept ersonnen, wie sie wieder vor Zuschauern spielen können. Wer nachdenkt, kann vormachen.

Auch im Motorsport. In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift PITWALK steht ja genau drin, wer die Schockstarre wirklich durchbrochen hat: ehrenamtlich geführte Speedwayvereine wie der MC Norden waren schon wieder zugangen, als DMSB, ITR und ADAC sich die Lage noch angeguckt haben. Wahrscheinlich ratlos, kann man nur mutmaßen.

Der DMSB hat auf eine Richtschnur des Deutschen Olympischen Sportbundes DOSB gewartet, um auf deren Basis ein Handlungspapier als E-Mail rumzuschicken. Inhalt: nix Konkretes. Dafür hat man sich in Pressemitteilungen als einer der Initiatoren des Comeback der VLN-Serie NLS auf der Nordschleife gefeiert.

Wie das DOSB-Konzept entstanden ist, hört Ihr übrigens in diesem Podcast hier: https://www.pitwalk.de/pitcast/the-big-one/porsche-arzt-erklart-racing-mit-corona

Stimmt schon, in der Eifel war man mutiger. Aber der DMSB hat damit wenig zu tun gehabt. Eine Arbeitsgruppe aus Teamchefs und Serienbetreibern hat das erste Konzept ersonnen, wie man die regionale Serie wieder neu starten kann. Und kaum hatte PITWALK dieses erste Konzept auf dieser Plattform hier exklusiv enthüllt, musste es auch schon wieder geändert werden – weil man eine Kreuzung bei der Streckenführung im Freiluftboxenkonstrukt übersehen hatte.

Fürs zweite Rennen gab’s die nächste Neuerung, auch dabei haben sich wieder erstaunliche handwerkliche Stockfehler offenbart. Wie können die einer Organisation passieren, die sich seit Jahren mit der Ausrichtung von Rennen mit vielen Teilnehmern aus verschiedenen Klassen auf der Nordschleife befasst?

Der wahre Neustart des Motorsports in Deutschland geht nicht von Organisationen und Verbänden aus, wie es eigentlich sein müsste. Das ist die an sich erschreckende Schlussfolgerung aus dem Lockdown. Es waren immer Einzelpersonen mit Engagement, tiefgreifendem Verständnis für den Sport und Gespür fürs Machbare, die den Takt vorgegeben haben. Seien es Maik und Wiebke Lüders beim Speedway in Norden, Timo Rumpfkeil mit den ersten Testfahrten und Trackdays in Oschersleben oder die Veranstalter von klubbasierten offenen Runs im Dragstersport in Mecklenburg-Vorpommern. Die Offiziellen sind jedem privat angestoßenen Trend und jeder neuen Entwicklung hinterher gelaufen.

Und selbst das mit mäßigem Erfolg. Der AvD wollte für den Oldtimer-Grand Prix auf dem Nürburgring eigentlich 1.000 Zuschauer pro Tag zugelassen wissen, nur auf den Tribünen, nicht im Fahrerlager. Hat nicht geklappt. Obwohl bei anderen Sportarten und in anderen Ländern längst wieder Fans dabei sein dürfen – und Autorennen unter freiem Himmel stattfinden, auf großzügigen Anlagen mit viel Platz zum Abstandhalten. Und eben draußen, wo sich jene Aerosole, welche die Viren schleudern, schneller verflüchtigen als in Hallen.

Das nächste interne Ziel ist nun das GT-Masters- und TCR-Rennwochenende auf dem Nürburgring. Der ADAC hat ein Rundschreiben an die Teilnehmer verschickt, wonach dort erstmals wieder Zuschauer in begrenzter Zahl vor Ort sein dürfen.

Es wäre so einfach, das zu realisieren. Sogar fürs große 24-Stundenrennen in der Eifel. Es gibt inzwischen sogar Präzedenzfälle aus anderen Bereichen von Publikumsveranstaltungen, man braucht einfach nur abzuschreiben wie bei einer Mathearbeit ohne Lehreraufsicht.

Aber es tut sich – nichts.

Hinter den Kulissen, in zahllosen Telefonaten, regt sich daher auch immer mehr Kritik am DMSB. Es ist erstaunlich, wie wenig davon an die Öffentlichkeit dringt.

Denn statt den Sport beherzt aus der Krise zu führen, hat der DMSB es einfach geschehen lassen. Den Spieß, den man hätte umdrehen können, hat man so nur noch tiefer reingerammt.

Jetzt fährt also das DTM Geisterrennen. Aber warum? Die Serie ist sowieso hinüber. Und das Konzept des Deutschen Tourenwagenmasters lebt maßgeblich davon, dass die Hersteller – „die Märkte“, wie das im Vertriebssprech heißt – Kunden und Händler der Marke mit subventionierten Eintrittskarten in die üppigen Hospitalityhochbauten einladen. Der reine Rennsport des DTM lockt kaum Zuschauer, die ihre Karten auf dem freien Markt kaufen. Die ganze Serie ist ein Vehikel für Kundenbindung oder Händlerbelohnung.

Oder dafür, Sponsorenpartnern erstaunlich teure Tickets für deren B2B-Gäste zu verkaufen.

Dieses Geschäftsmodell kann man aber nicht fahren, wenn keine Leute vor Ort sein dürfen. Von allen Rennserien, die es weltweit gibt, ist das DTM diejenige, für die Geisterrennen mit Abstand am wenigsten Sinn ergeben.

Im GT-Masters mit der angeschlossenen TCR-Serie ist das anders. Die Serie ist eine Plattform für Teams, die von Renneinsätzen leben. Deswegen hätte sie schon mindestens sieben Wochen früher wieder neu gestartet werden müssen. Dann hätte der ADAC als Betreiber effektive Hilfestellung für ihre Teams geleistet. So aber hat man sie unnötig bangen und darben lassen.

Wieso ist das beim Speedway so viel besser gelaufen? Und was ist das überhaupt für ein ungewöhnlicher, spektakulärer Sport? Das erklärt Egon Müller, Weltmeister von 1983, im neuen Video auf dem YouTube-Kanal der Zeitschrift PITWALK. In dem Video hier https://www.youtube.com/watch?v=Eac11RJyh_U nimmt er Euch mit in seine Werkstatt, erklärt im Gespräch mit PITWALK-Chefredakteur Norbert Ockenga die Technik, die Menschen und die Fahrweise in dieser einzigartig draufgängerischen Motorsportsparte – und plaudert mit teils haarsträubenden, teils höchst amüsanten Geschichten aus dem Nähkästchen des Driftsports, den Egon Müller geprägt hat wie kein Zweiter in Deutschland.

Und warum gelang den Amerikanern und den Engländern ihr motorsportlicher Neustart aus dem Lockdown so viel besser als den Deutschen? Obwohl ihre Länder insgesamt von der Seuche viel, viel ärger gebeutelt wurden?

Das wird ein tragendes Thema der nächsten Ausgabe der Zeitschrift PITWALK.

Die Recherchen dazu sind schon abgeschlossen.

Und die Geschichten, die dabei rausgekommen sind, müssen ganz Motorsportdeutschland nachdenklich stimmen.


Teile diesen Beitrag

Das könnte auch interessant sein:

  • 26.09.2020

    Highway Through Green Hell: Wirbel um Ferrari

    Christian Bärtschinger sitzt in seiner Lounge und mag nicht mehr. Das ganze Gerede um seinen Ferrari, den Luca Ludwig am Abend mit Intermediates auf Startplatz 2 fürs 24-Stundenren…
  • 26.09.2020

    Highway Through Green Hell: Droht gar ein Abbruch?

    Das Wetter bleibt das große Gesprächsthema im Vorfeld des 24-Stundenrennens. Kurz mal hat sich am Morgen die Sonne durchgequält, doch pünktlich zum Warmup begann wieder der Regen. …
  • 26.09.2020

    Highway Through Green Hell: Morgenlage

    Man kann vom Fahrerlager des Nürburgrings einen schönen Blick auf die Nürburg genießen. Sonst. Denn am Samstagmorgen vor dem Rennstart hat dichter Nebel das Panorama aufgemampft.…
  • 26.09.2020

    Highway Through Green Hell: Coronamaßnahmen am Ring

    Mitarbeiter vom Ordnungsamt patroullieren durchs Fahrerlager – und fordern mit grimmiger Miene jeden auf, seine Munaske aufzusetzen, der mit bloßem Gesicht zwischen den Aufliegern …
  • 25.09.2020

    Highway Through Green Hell: Höllenfahrt von Engel

    Maro Engel startet das 24-Stundenrennen von der Pole aus. Der AMG-Performancefahrer aus Monte Carlo setzte sich in einem Wetterpoker gegen Luca Ludwig im Ferrari durch – nachdem be…
  • 24.09.2020

    Highway Through Green Hell: Gibt's eine Sensation?

    Liegt beim 24-Stundenrennen auf dem Nürburgring eine Sensation in der Luft? Plötzlich wirkt es so, als sei der Lamborghini aus dem Team von Franz Konrad ein großer Favorit auf den …
  • 24.09.2020

    Der neue Formel 1-Boss

    Die Formel 1 kriegt einen neuen Chef. Stefano Domenicali löst den US-Amerikaner Chase Carey ab – in der Erbfolge von Bernie Ecclestone. Das Fahrerlager überschlägt sich schier vor …
  • 22.09.2020

    Le Mans aujourd'hui: Nachspiel dank Corona

    Corona ist im Langstreckensport angekommen. Porsche hat entschieden, den Einsatz beim 24-Stunden-Rennen am Nürburgring mit einer reduzierten Teilnehmeranzahl zu bestreiten. Betroff…
  • 20.09.2020

    Le Mans aujord'hui: ab in die Zukunft

    Am Samstagmittag vor dem Start zum 24-Stundengeisterrennen von Le Mans hat die Zukunft der Sportwagen-WM erstmals ihr wahres Gesicht gezeigt. Denn die Hypercars leben. Das untermau…
  • 18.09.2020

    Le Mans aujourd'hui: Porsche-Pogo

    Es herrscht Rennbetrieb: Mit über 300 km/h eilt der Porsche 911 RSR über die Landstraße D338 von Le Mans in Richtung Tours. In den zwei Schikanen, die im Alltag gesperrt und ein be…
  • 15.09.2020

    DTM-Zukunft: Das ist die Lösung

    Ist das der Durchbruch? Beim großen Experten-Videotalk auf dem YouTube-Channel der Zeitschrift haben die Experten Lucas Luhr und Timo Rumpfkeil im Gespräch mit Verleger Norbert Ock…
  • 15.09.2020

    Le Mans aujourd'hui: Die fehlende Fahrerparade

    Tagsüber rollen wild getunte Autos über Campingplätze und Verbindungstraßen, die von Fans gesäumt sind. Jeder Burnout wird von tosendem Applaus begleitet. Der „Le-Mans-Feiertag“, d…
2020 – BILD-PUNKTE LAREUS.MEDIA